Dinge, die Asexuelle einfach nicht mehr hören können

Dinge, die Asexuelle einfach nicht mehr hören können

Disclaimer: Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, für alle asexuelle Menschen zu sprechen, sondern ist natürlich nur die Sicht einer Einzelperson.

Triggerwarnung: In diesem Artikel wird sexualisierter Missbrauch erwähnt.

Was ist Asexualität?

Ende Oktober war Asexual Awareness Week und auch wenn das Thema Asexualität langsam und gemächlich immer mal wieder in deutschsprachigen Medien auftaucht, fehlt vielen Menschen immer noch eine grobe Vorstellung davon, was Asexualität überhaupt ist. Seien wir ehrlich, wenn doch mal ausnahmsweise über uns berichtet wird, erinnern die Beiträge meist an eine Art virtuellen Zoobesuch. Die Leser*innen, Fernsehzuschauer*innen und Konsument*innen bekommen einen „Einblick“ in das Leben dieser kuriosen, etwas sonderbaren Wesen, die einfach noch nicht gecheckt haben, dass Sex verdammt noch mal das Wichtigste auf der Welt ist. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann diese Narration nicht mehr hören. Genau genommen kann ich einen ganzen Haufen von Mythen, Geschichten und Theorien über Asexualität nicht mehr hören. Doch zunächst erst einmal eine kleine Definition, denn ein Haufen Missverständnisse entstehen meiner Erfahrung (und den seltsamen Fragen nicht-asexueller Menschen nach) dadurch, dass viele Leute einfach keinen Plan haben, was Asexualität überhaupt ist.

Asexuelle Menschen spüren keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen. Punkt. So einfach. Okay, okay, natürlich ist Asexualität ein Spektrum und es gibt asexuelle Menschen, die zwar sexuelle Anziehung verspüren, aber sehr selten oder sehr wenig, und oft auch kein Interesse daran haben, dieser Anziehung nachzugehen. Mehr dazu, was Asexualität eigentlich ist, findet ihr hier.

So weit alles klar? Wunderbar, dann auf in das gefühlt bodenlose Loch an Dingen, die Asexuelle echt nicht mehr hören können.

Mit uns stimmt etwas nicht

Wir sind nicht krank oder traumatisiert. Asexualität ist eine komplett valide sexuelle Identität, so wie Homo-, Bi-, Pan– oder Heterosexualität. Aber während sich die meisten vernünftigen Menschen ja zum Glück einig sind, dass die sogenannten Homoheiler*innen etc. schlichtweg homofeindliche Arschlöcher sind, ist es wirklich unfassbar, wie locker Asexualität als eine Art heilbares Problem angesehen wird. Nein, wir sind nicht einfach nur depressiv oder sonst irgendwie psychisch krank. Natürlich gibt es psychisch kranke Asexuelle, genau wie es psychisch kranke Menschen jeder sexuellen Identität gibt. Nur ist Asexualität nunmal kein Syptom einer psychischen Krankheit. Das Einzige, was krank macht, sind die Reaktionen anderer, die ständige Angst, als nicht normal angesehen zu werden.

Die Annahme, dass wir alle durch Missbrauch oder Ähnliches traumatisiert sind und Sex deshalb für uns ganz schrecklich sei, ist meiner Meinung nach übrigens hochgefährlich, da Missbrauch so normalisiert wird. Menschen, die tatsächlich solche Gewalterfahrungen machen mussten, wird hingegen so gut wie keine Aufmerksamkeit in Form von Hilfe und juristischer Gerechtigkeit gewährt. Es geht also bei Fragen bezüglich Traumata und Asexualität nicht um den Wunsch, zu helfen, sondern einen voyeuristischen Einblick in die Erfahrungen realer Menschen zu bekommen. Und deshalb hier ein ganz wichtiger Punkt: Das Leben und die Geschichte von Menschen ist kein Gruselroman, der euch einen Schauer über den Rücken jagen will. Wenn ihr Opfern von sexualisierter Gewalt helfen möchtet, engagiert euch in Einrichtungen wie Frauenhäusern oder spendet, wenn ihr mal etwas Geld übrig habt.

Ich wundere mich übrigens überhaupt nicht darüber, dass Asexualität mit psychischen Krankheiten, Traumata und Ähnlichem verbunden wird. Vielen Dank dafür, liebe Medienmacher*innen. Für gewöhnlich existiert Asexualität in Serien und Filmen nicht (so wie auch viele andere sexuelle Identitäten und Genderidentitäten!). Gibt es Vorlagen für einen Charakter, in denen dieser Charakter explizit asexuell ist, verschwindet die Asexualität leider meist, sobald die Vorlage zu einer Serie oder einem Film wird (ja, ich meine euch, Riverdale-Macher*innen)1. Aber ehrlich gesagt würde ich lieber keine Repräsentation sehen, als die, die wir zur Zeit bekommen. Ob Sheldon aus Big Bang Theory, dem nicht nur unausgesprochen eine verquere Art der Asexualität, sondern auch Autismus zugesprochen wird und der natürlich irgendwann doch erkennt, wie großartig Sex ist. Oder Dexter aus, na ja, Dexter, der ein Psychopath und verdammter Serienmörder ist – auf Grund von Traumata, versteht sich. Noch so ein Fall von asexuell und traumatisiert ist Varys aus Game of Thrones. Und dann ist da natürlich noch Sherlock Holmes aus der BBC-Serie, der sozial inkompetent, ein – vermutlich selbstdiagnostizierter – „hochfunktionaler Soziopath“ ist und kein sexuelles Interesse zeigt. Es gibt mehr Beispiele, aber das hier sind wohl einige der bekanntesten der letzten Jahre. Was haben diese Charaktere noch gemeinsam, außer dass sie alle als asexuell dargestellt werden? Sie sind alle männlich, weiß und, seien wir ehrlich, creepy. Dabei gibt es Asexuelle jeder Hautfarbe, Religion, Gender und Class. Und die meisten von uns sind absolut nicht seltsam, sozial inkompetent oder, ach ja, fucking Mörder*innen?!

Wir müssen nicht einfach nur mal ordentlich durchgevögelt werden

Wie es zu diesem Satz kommt? Für gewöhnlich fällt das Wort Asexualität in einem Gespräch, oder noch schlimmer, man outet sich – was sowieso schon ganz schön viel Mut erfordert – und die Gesprächspartner*innen tun deine gesamte sexuelle Identität damit ab, dass man einfach mal guten Sex erleben müsse, dann würde man sich schon „umentscheiden“. Abgesehen davon, dass viele von uns guten Sex haben oder im Laufe ihres Lebens hatten und diese Aussage einfach Quatsch ist, ist sie auch unfassbar übergriffig und bedrohlich. Ich kann nicht für Menschen sprechen, die nicht weiblich gelesen werden, aber gerade Cis-Männer wiederholen diesen Satz sehr gerne und manchmal bauen sie sich dabei auch noch bedrohlich vor einem auf.

Dann gibt es natürlich leider noch direkte oder indirekte Vergewaltigungsdrohungen, egal ob persönlich oder im Internet. „Korrekturvergewaltigung“ ist eine reale Bedrohung für queere Menschen verschiedenster Identitäten und auch Asexuelle sind davon nicht ausgeschlossen. Ob als Machtdemonstration oder weil das Unbekannte und ach so Andersartige offenbar immer noch schrecklich bedrohlich für einige Leute ist: Vergewaltigungsdrohungen sind gefährlich, beängstigend und, ach ja, strafbar!

Special Little Snowflake

Wir sind alle kleine, dumme Kinder, die auch mal etwas ganz besonderes sein wollen und sich deshalb einen willkürlichen Begriff und eine natürlich vollkommen irreale sexuelle Identität ausgedacht haben. Diese Narration kommt gerne aus rechts-konservativen Kreisen und ist beim besten Willen nicht nur auf asexuelle Menschen bezogen.

Wir führen keine Beziehungen

Asexualität hat nichts damit zu tun, ob wir uns verlieben, Beziehungen, Partnerschaften oder eine frei gewählte Version davon führen. Ja, es gibt aromantische Menschen, aber erstens führen auch aromantische Menschen manchmal Formen von, oft platonischen, Beziehungen, und zweitens sind Asexualität und Aromantik einfach nicht identisch. Viele asexuelle Menschen führen Beziehungen in verschiedensten Konstellationen, mit verschiedensten Menschen. In manchen dieser Beziehungen spielt Sex eine Rolle. In anderen nicht. Geht ja eigentlich auch wirklich niemanden etwas an.

Also ich könnte das ja nicht.“

Asexualität ist keine Entscheidung, es ist eine Identität. Wir sind nicht ins Kloster gegangen, wir wollen einfach nur in Ruhe leben. Diese Aussage stammt vermutlich daher, dass in der Welt so unfassbar viel auf Sex ausgerichtet ist. Wir als Gesellschaft machen Sex zu diesem riesigen Ding, das über Macht, Status, Beliebtheit, Schönheit und was weiß ich noch alles entscheidet. Dass einige Menschen diese offenbar überall existente und unfassbar relevante sexuelle Anziehung einfach nicht spüren und viele von uns auch einfach null Interesse an Sex haben, ist innerhalb dieser sex-fokussierten Welt einfach unglaublich.

Ich würde ja niemals mit einer asexuellen Person zusammen sein wollen!“

Das ist generell erstmal eine valide Aussage, wäre da nicht das Problem des Kontextes. Ich lebe seit Jahren in einer monogamen Beziehung, das heißt, ich gehe nicht auf Dates oder versuche, Beziehungen zu neuen Menschen aufzubauen, wo dieser Satz eventuell fallen könnte. Stattdessen teilen mir willkürliche Dudes immer mal wieder mit, dass ich durch meine sexuelle Identität für sie uninteressant bin und ich dadurch offenbar einen geringen Marktwert habe. Die Sache ist nur: Ich will gar nicht für andere interessant sein und ich bin auch auf keinem verdammten Markt! Niemand hat um diese Bewertung unserer Begehrtheit gebeten und ganz ehrlich, ihr wollt uns doch gar nicht daten. Ihr wollt uns einfach nur sagen, dass wir mit einem Makel behaftet und damit wertlos sind. Vielen Dank auch.

Sex in Filmen, Serien und Musik

Sex sells, ich weiß. Und das nervt tierisch. Für viele von uns ist Sex abstoßend, wir möchten damit nicht konfrontiert werden. Netflix und Co. hingegen mögen wir, wie die meisten anderen Menschen auch, sehr gerne. Wären da nicht diese ständigen, meist absolut unnötigen, Sexszenen. Sex wird häufig nur genutzt, um die Zuschauer*innenzahlen in die Höhe zu treiben (siehe Game of Thrones) und trägt nichts zur Handlung bei. Und wenn eine Sexszene ausnahmsweise mal etwas beitragen soll, ist sie ein billiges Mittel, um die Beziehung und Verbundenheit zweier Menschen auszudrücken. Laaaangweilig. Mehr noch, für viele Asexuelle sind Sexszenen nicht nur langweilig und überflüssig, sondern sogar sehr unangenehm. Das hier soll kein Plädoyer für die generelle Abschaffung von Sexszenen sein, nur ist die schiere Menge mittlerweile einfach nur noch nervtötend.

Wenn man statt Netflix Spotify einschaltet, sieht es nicht viel anders aus. Das Leben hat viele Seiten und Facetten, trotzdem beschäftigt sich die westliche Popmusik immer noch massiv mit Sex. Es wird darüber gesungen, wie es ist Sex zu haben, keinen Sex zu haben, Sex zu wollen, in einen Club zu gehen, um dort jemanden für Sex zu finden et cetera, et cetera… Dass Sex in einigen Liedern vorkommt, ist klar und auch legitim, aber irgendwie scheint es, als würden einige Künstler*innen über fast nichts anderes singen (*hust* Ed Sheeran*hust* Bruno Mars*hust*). Wir haben es gecheckt, ihr habt Sex, chillt, Themawechsel bitte.

Witze über Sex

„Hihi, er hat Penis gesagt!“ Weil Sex dieses riesige, immer präsente, massiv tabuisierte Ding ist, über das alle angeblich ständig nachdenken, gibt es eine unfassbare Menge anzüglicher Witze. Und genau wie bei Sexszenen gibt es viele Menschen auf dem asexuellen Spektrum, die diese Witze mehr als unangenehm oder auch einfach langweilig finden. Natürlich ist hier nicht die Rede von generellem übergriffigen Verhalten, das durch vermeintlich harmlose Witze ausgedrückt wird, oder gar Witze, die Missbrauch und Vergewaltigungen verharmlosen. Nein, die Rede ist von den eigentlich harmlosen, gut gemeinten Witzen, die im kleinen Kreis gemacht werden. Es gibt doch so viel mehr lustige Dinge, warum muss es immer Sex sein? Erwähnte ich, dass ich gelangweilt bin?

Asexuelle Menschen gehen nicht zum Lachen in den Keller, keine Angst. Manche von uns finden Sexwitze vielleicht sogar unfassbar lustig. Für einige von uns ist es aber eher, als hätte die ganze Welt einen riesigen Insiderwitz, den alle verstehen außer uns. Das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein.

Auch überhaupt nicht cool sind herablassende Witze über unsere Sexualität. Wenn wir nicht eng befreundet sind, möchten wir höchstwahrscheinlich nicht, dass unsere sexuelle Identität die Grundlage für eure Witze ist. Auf Kosten anderer Lachen ist generell auch eher armselig.

Es geht hier nicht darum, irgendwem etwas madig machen zu wollen. Die Autorin selbst guckt Sex and the City, Game of Thrones und Big Bang Theory und singt manchmal schief zu Ed-Sheeran-Songs. Sie und ihre Freund*innen machen gerne gut gemeinte Scherze übereinander und generell sollte dieser Artikel mit einer Prise Humor verstanden werden.

 

1In den Archie-Comics, die als Vorlage für die Serie Riverdale dienen, ist der Charakter Jughead Jones seit einer Weile explizit asexuell. Die Riverdale-Macher*innen haben sich jedoch aktiv dafür entschieden, aus Jughead einen heterosexuellen Teenager zu machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.