Das Einmaleins der Asexualität

Das Einmaleins der Asexualität

Im Rahmen der Asexual Awareness Week [klick!], einer internationalen Kampagne zur Aufklärung über Asexualität , Aromantik und anderen Identitäten auf diesen Spektren, die jährlich im Oktober stattfindet, haben wir eine dreiteilige Reihe zum Thema A_sexualität zusammengestellt.

Was ist Asexualität (und was NICHT)

Asexualität ist eine sexuelle Identität und beschreibt die Abwesenheit von sexueller Anziehung, oder zum Teil auch die Abwesenheit eines Verlangens nach sexueller Interaktion. Asexualität ist ein Spektrum und umfasst eine große Breite an verschiedenen Menschen mit diversen Erfahrungen und Hintergründen.

Um auf diese Vielfalt aufmerksam zu machen, wird das Wort von manchen mit einem Unterstrich geschrieben: A_sexualität. Denn nicht alle Menschen, die sich als asexuell verstehen, fühlen gleich. Manche Asexuelle spüren überhaupt keine, andere nur schwach oder nur selten sexuelle Anziehung. Einige Asexuelle haben eine Libido, also einen Sexualtrieb, einige nicht. Manche finden Sex abstoßend und möchten keinerlei sexuelle Interaktion, andere haben neutrale Gefühle Sex gegenüber und wieder andere finden sogar Gefallen an Sex, sei es wegen der dadurch entstehenden Intimität zwischen Partner*innen oder weil es ihren Sexualtrieb befriedigt oder sich einfach gut anfühlt. Manche Asexuelle hatten noch nie Sex, andere schon. Einige sind sexuell aktiv, andere nicht.

A_sexualität ist in dem Sinne ein Sammelbegriff für eine Reihe an Identitäten auf dem asexuellen Spektrum. Zu diesen Identitäten gehören z.B. Demisexualität [klick!] und Gray-/Grey-Asexualität. Für alle, die sich mehr für die Facetten von Asexualität interessieren, gibt es weiter unten eine kleine Vokabelliste.

Asexualität ist keine Krankheit oder ein Komplex. Genau wie Menschen anderer sexueller Identitäten können auch Asexuelle körperlich oder psychisch erkrankt sein, aber ihre Asexualität selbst ist keine Krankheit.

Asexualität ist genauso wenig eine Entscheidung wie Hetero-, Bi- oder Homosexualität. Asexualität ist nicht dasselbe wie Abstinenz, also der Verzicht auf sexuelle Aktivitäten. Manche Asexuelle masturbieren. Manche Asexuelle haben Sex. Manche weder noch. Abstinenz ist ein Verhalten, Asexualität hingegen definiert sich nicht über das Verhalten einer Person, sondern darüber, ob die Person sexuelle Anziehung spürt.

Aromantik und Asexualität

Obwohl die meisten asexuellen Menschen keinerlei Verlangen nach einer sexuellen Beziehung haben, hegen doch einige den Wunsch, in einer partnerschaftlichen Beziehung zu sein. Was im ersten Moment wie ein Paradox erscheinen mag, ist bei näherer Betrachtung gar nicht widersprüchlich. Liebe – und damit auch romantische und/oder partnerschaftliche Liebe – ist schließlich nicht automatisch sexuell. Tatsächlich haben die meisten Menschen eine große Breite an liebevollen Gefühlen, die überhaupt nichts mit Sex zu tun haben: familiäre Liebe, freundschaftliche bzw. platonische Liebe, romantische Liebe und mehr. Ja, auch romantische Liebe ist nicht zwingend sexuell, obwohl die beiden für sehr viele Menschen eng zusammenhängen.

Asexuelle Menschen beschreiben ihre Orientierung häufig mittels des sogenannten „Split Attraction Model“, also dem „Modell der getrennten Anziehung“ [klick!]. Die sexuelle Orientierung wird dabei unterschieden von der romantischen Orientierung, die sich auf die Geschlechtergruppen bezieht, zu denen sich ein Mensch romantisch hingezogen fühlt. So würde sich zum Beispiel eine asexuelle Person, die sich nur in Menschen des eigenen Geschlechts verliebt als asexuell und homoromantisch bezeichnen. Und eine asexuelle Person, die sich sowohl in Menschen des eigenen Geschlechts, als auch Menschen anderer Geschlechter verliebt, nennt sich vielleicht asexuell und biromantisch oder panromantisch.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich überhaupt nicht romantisch zu anderen Menschen hingezogen fühlen. In diesem Fall spricht man von Aromantik. Nicht immer sind aromantische Menschen auch auf dem asexuellen Spektrum. Es ist möglich, aromantisch und heterosexuell/bisexuell/homosexuell etc. zu sein.

Warum sind Aufklärung und Sichtbarkeit so wichtig?

Nach einer Studie des britischen Forschers Anthony Bogaert aus dem Jahr 2004 sind etwa 1% der Bevölkerung asexuell. Das klingt erstmal nicht nach besonders viel, aber auf die Gesamtbevölkerung gerechnet bedeutet das eine Zahl von 75 Millionen Asexuellen weltweit und 810 000 Asexuellen in Deutschland. Das ist keine unbedeutende Minderheit.

Es ist extrem isolierend, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die einem das Gefühl gibt, falsch oder beschädigt zu sein. Fast alle Menschen auf dem asexuellen Spektrum wachsen auf, ohne den Begriff „asexuell“ zu kennen. In der Pubertät, wenn Gleichaltrige beginnen, sich für Daten, Küssen und Sex zu interessieren, merken die Meisten zum ersten Mal, dass sie anders ticken. Sichtbarkeit und Aufklärung helfen diesen Menschen zu verstehen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind und dass sie nicht „kaputt“ sind, weil sie sich nicht für Sex interessieren.

Auch für Asexuelle, die bereits zu ihrer Identität gefunden haben, ist es wichtig, dass das Thema in der Gesellschaft sichtbarer wird. Fast jedes Outing als asexuell geht mit einer Vokabellektion einher und es ist nicht unüblich, dass Menschen mit einem „Das glaub ich dir nicht!“ oder „Das gibt es doch gar nicht“ auf das Outing einer asexuellen Person reagieren.

Was kann ich tun?

Die kommende Woche bietet viele Gelegenheiten, ein Gespräch über Asexualität anzufangen. Informiere dich über das Thema (unten ein paar weiterführende Links). Sprich mit jemandem darüber. Teile diesen Artikel auf Facebook. Vielleicht bist du ja selbst auf dem asexuellen oder aromantischen Spektrum und möchtest dich outen. Dann ist diese Woche der perfekte Anlass dazu.

Wichtig: Keine asexuelle/aromantische Person hat die Verpflichtung sich zu outen. Sexualität ist eine persönliche Sache und die Entscheidung, ob, wie, wann und wem gegenüber du dich outest, liegt ganz bei dir.

Vokabular

Einige Begriffe tauchen in Unterhaltungen über Asexualität immer wieder auf:

Begriff Definition Anwendungsbeispiel
ace englisch für Ass, Abkürzung von „asexual“
aro kurz für aromantisch
demi- Vorsilbe, die beschreibt, dass sexuelle/romantische Anziehung erst dann aufkommt, wenn eine emotionale Bindung zu der betreffenden Person aufgebaut wurde demiromantisch, demisexuell
gray-/grey- Vorsilbe, die auf eine Identität im Grauzonenbereich des Spektrums hinweist gray-asexuell, grey-aromantisch
-flux Nachsilbe, die beschreibt, dass die Erfahrungen mit sexueller/romantischer Anziehung schwanken ace-flux, aro-flux
allo- Vorsilbe, die Personen beschreibt, die nicht-asexuell/nicht-aromantisch sind, also sexuelle/romantische Anziehung spüren allosexuell, alloromantisch

 

Ressourcen

AVEN, das Asexual Visibility and Education Network [klick!], betreibt Foren in 17 verschiedenen Sprachen.

Die Ameisenbären [klick!] sind eine deutschsprachige Community von Menschen auf dem asexuellen Spektrum.

Buchtipp: The Invisible Orientation von Julie Sondra Decker

Englische Videoreihe zu Asexualität und Aromantik von Ash Hardell auf Youtube: Teil 1 [klick!], Teil 2 [klick!], Teil 3 [klick!].

4 thoughts on “Das Einmaleins der Asexualität

  1. Puuuh..die Birne dampft. Ok, mal hier zu: „Obwohl die meisten asexuellen Menschen keinerlei Verlangen nach einer sexuellen Beziehung haben, hegen doch einige den Wunsch, in einer partnerschaftlichen Beziehung zu sein. Was im ersten Moment wie ein Paradox erscheinen mag,[…]“. Für mich persönlich klingt das nicht paradox. Beziehungen ohne Sex scheinen auf die meisten ungewöhnlich zu wirken, aber ich glaube nicht, dass das der Knackpunkt ist, den die meisten nicht so nachvollziehen können. Wie in Medien und der Narration bemerkbar wird ja auch klar zwischen Sex und Liebe/Partnerschaft unterschieden. „Manche Asexuelle spüren überhaupt keine, andere nur schwach oder nur selten sexuelle Anziehung. Einige Asexuelle haben eine Libido, also einen Sexualtrieb, einige nicht. Manche finden Sex abstoßend und möchten keinerlei sexuelle Interaktion, andere haben neutrale Gefühle Sex gegenüber und wieder andere finden sogar Gefallen an Sex, sei es wegen der dadurch entstehenden Intimität zwischen Partner*innen oder weil es ihren Sexualtrieb befriedigt oder sich einfach gut anfühlt. Manche Asexuelle hatten noch nie Sex, andere schon. Einige sind sexuell aktiv, andere nicht.“ Das ist für mich paradox. Es beschreibt irgendwie alles und nichts. Irgendwelche (oder wenigstens eine) Gemeinsamkeit muss es doch geben, sonst kann es ja zu dieser sexuellen Identität keinen Oberbegriff geben. Ich bin da überhaupt nicht bewandert drin, aber ich bekomme den Eindruck, dass es vielleicht zu komplex ist, um die Frage beantworten zu können. Dann erscheint mir allerdings das Ziel über diese dentität ein „Einmaleins“ zu verfassen etwas hochgegriffen. °.°‘ Bitte nicht böse nehmen. Das ist rein konstruktiv gemeint. Ich finde das wichtig und richtig, darüber etwas zu machen. Alle meine Fragen sind nur nicht gedeckt und ich denke nicht, weil ich den Text nicht verstanden habe..oder doch? Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, falls doch.

    1. Lieber Markus,

      danke für dein Feedback.

      Mir persönlich kommen partnerschaftliche Beziehungen ohne Sex auch nicht paradox vor. Allerdings ist es mir nicht nur einmal untergekommen, dass Menschen sehr verwirrt sind, wenn sie erfahren, dass eine asexuelle Person eine romantische oder partnerschaftliche Beziehung führt/führen möchte.

      Klar, in den Medien wird zwischen Partnerschaft/Liebe und Sex unterschieden, aber repräsentiert wird in den meisten Fällen nur der Sex ohne Beziehung und nicht die Beziehung ohne Sex. Ich denke, dass auch dieser Umstand dazu beiträgt, dass Beziehungen ohne Sex manchen so ungewöhnlich erscheinen.

      Die Gemeinsamkeit zwischen Asexuellen ist die Abwesenheit von sexueller Anziehung, bzw. die Abwesenheit eines Verlangens nach sexueller Interaktion. Darüber hinaus sind Asexuelle verschiedene Menschen mit verschiedenen Erfahrungen. Es gibt keine einzige richtige Art, eine asexuelle Person zu sein. Asexuellen, die sexuell aktiv sind wird ihre Asexualität gerne aberkannt und mir war es wichtig, zu erwähnen, dass das Sexualverhalten genauso wenig wie Beziehungsstatus auf die sexuelle Identität schließen lässt.

      Falls dich konkrete Zahlen zu Asexualität interessieren – zum Beispiel wie viele Asexuelle tatsächlich sexuell aktiv sind – kann ich dir den Asexual Census empfehlen. Vorsicht allerdings: die Stichprobe ist nicht unbedingt repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, da die Daten übers Internet gesammelt wurden und jede*r sich an der Umfrage beteiligen durfte.

      Ich hoffe ich konnte einige deiner Fragen klären.

      Liebe Grüße
      Rosa

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