Wieder nichts gelernt – Wie die Frankfurter Buchmesse vor rechten Verlagen kuscht

Wieder nichts gelernt – Wie die Frankfurter Buchmesse vor rechten Verlagen kuscht

Schon bevor ich am sonnigen Freitagmorgen losfahre, um die diesjährige Frankfurter Buchmesse zu besuchen, erfahre ich von angespannter Stimmung vor Ort. Wie im Jahr zuvor hat die Messe Verlage und Publikationen, die eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, wie z.B. Antaios oder die Junge Freiheit (letztes Jahr war es z.B. das rechtspopulistische Magazin Compact), ausstellen lassen. Schon letztes Jahr ist diese Entscheidung negativ aufgefallen, jedoch vor allem durch die Platzierung dieser Stände in unmittelbarer Nähe zu politisch linken und queeren Verlagen. Will man diese besuchen, muss man wohl oder übel an den unliebsamen Anderen vorbei.

Wer sich bei der Messe beschwert, kriegt per E-Mail als Entschuldigung (oder Bestechung?) eine Fachbesucher*innen-Tageskarte und es wird auf die „Verpflichtung zur freien Meinungsäußerung“ verwiesen. Weiterhin wird einem erzählt, dass die Frankfurter Buchmesse sich nicht als Literaturveranstaltung versteht, sondern als Handelsmesse – alles, was nach deutschem und europäischem Recht nicht explizit verboten ist, darf eine Plattform bekommen.

Die Frankfurter Buchmesse distanziert sich also leider nicht klar von rechten Bewegungen, da sie Volksverhetzung eine Bühne bietet.

Ich nutze das Gratis-Ticket, um dieses Wochenende zu erfahren, ob der Veranstalter, der Börsenverein des deutschen Buchhandels, etwas gelernt hat. Auch andere Medien haben mittlerweile festgestellt: hat er nicht.

„Ihr seid Nazis. Punkt.“

Ganz im Gegenteil: der Stand des Verlags Antaios, bei dem u.a. der wegen Volksverhetzung verurteilte Autor Akif Pirinçci („Umvolkung“) veröffentlichen darf, stellt sich zwar erst einmal gut mit den umliegenden Ständen (u.a. ausgerechnet die Stiftungen Anne Frank und Amadeu Antonio). Diese suchen mit dem Antaios Verlag den von der Buchmesse so sehr gewünschten Dialog, jedoch beklagt der rechte Verlag Manuscriptum gestohlene Bücher und Vandalismus an seinem Stand. Auch am Stand von Antaois sind ein paar „No AfD“-Botschaften zu sehen, als ich ihn am Sonntag besuche. Ansonsten ist dort kaum etwas zu spüren von den Auseinandersetzungen des vorletzten Messeabends.

Von Akif Pirinçcis Auftritt erfahre ich im Vorfeld, schaffe es allerdings nicht rechtzeitig zu seinem Gespräch. Ich entschließe mich stattdessen, am Samstag um 18 Uhr eine Veranstaltung der neurechten Identitären Bewegung zu besuchen. Ich denke mir, die Messeveranstalter hätten zum ersten Mal mitgedacht und alle rechts zuzuordnenden Veranstaltungen auf den gleichen Tag zu relativ später Stunde gelegt. Gebracht hat es nichts. Als ich zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn die Halle 4.2 betrete, sehe ich mich einem Dutzend Polizist*innen gegenüber und kann kaum auf die Bühne blicken. Es ist voll; auf der Bühne spricht niemand anderes als Pirinçci mit Ellen Kositza, der Frau des Antaios-Geschäftsführers Götz Kubitschek. Zuschauer*innen stehen auf bunten zerrissenen Plakaten, einige Anwesende tragen venezianische Masken, Sonnenbrillen oder Perücken. Ich nehme an, sie wollen nicht, dass sie in späteren Berichterstattungen zu erkennen sind. Auf den Plakaten steht u.a. „Meinungsfreiheit Ja! Menschenverachtung Nein!“, „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ und „Ihr seid Nazis. Punkt.“ Zu diesem Zeitpunkt kann ich mir nur denken, warum die Poster in diesem Zustand sind. Den größten Tumult habe ich offenbar bereits bei einer vorigen Veranstaltung mit dem AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke verpasst. Auch dort störte wahrscheinlich dieselbe Gruppe linker Aktivist*innen die Veranstaltung, woraufhin die Rechtspopulist*innen deren Plakate zerrissen.

„Diesen Autoren gibt es nicht.“

Ich finde es schwierig, mich im Umkreis der Bühne zu bewegen – mit dem bloßen Auge sind Journalist*innen, linke Aktivist*innen, Schaulustige und Identitäre nicht voneinander zu unterscheiden. Ich kann mich nur daran orientieren, wer klatscht und jubelt, sobald Pirinçci etwas von sich gibt. Zwei abseits stehende junge Leute informieren mich, dass hier bereits seit 16:30 Uhr rechte Veranstaltungen laufen. Da habe ich wohl Glück gehabt, mir noch zehn Minuten des Spektakels anschauen zu können. Pirinçci erzählt, er habe einen Mystery-Shopper zum Thalia-Buchhandel geschickt und nach einem Buch von ihm fragen lassen. Die Antwort vom Thalia-Mitarbeiter habe nicht gelautet „Den verkaufen wir nicht“ o.ä., sondern: „Diesen Autoren gibt es nicht.“ Er beschwert sich weiter, nicht einmal im Dritten Reich hätte man die Existenz eines Autors verleugnet. Fragte man nach Thomas Mann, hätten sie einem gesagt: „Thomas Mann ist verboten.“ Vielleicht ist Ignoranz manchmal doch eine gute Wahl.

Aber sicher nicht immer. Die etwa 70 anwesenden linken Aktivist*innen ignorierten die nun anstehende 18-Uhr-Veranstaltung nämlich nicht. Sie sorgten dafür, dass sie gar nicht erst stattfand. Auftreten sollten die Identitären Mario Müller aus Halle und Martin Sellner aus Österreich, der vor Kurzem mit dem Projekt „Defend Europe“ auf sich aufmerksam gemacht hatte: Aktivist*innen der Identitären Bewegung charterten ein Schiff, um Rettungsmissionen davon abzuhalten, Flüchtende im Mittelmeer zu retten und aufzunehmen. Hinderung an Lebensrettung, könnte man sagen.

„Nazis raus!“ – Die Identitären stimmen lachend ein

Sobald die Identitären die Bühne betreten, geht ohrenbetäubender Lärm los: Trillerpfeifen und „Halt die Fresse“-Rufe ertönen aus den Reihen der Verkleideten, mittlerweile ohne Plakate. Bei dem Versuch, meine Position zu ändern, um besser sehen zu kommen, werde ich fast von zwei Polizisten umgerannt, die einen Mann in blauer Jacke im Schlepptau haben. Ihm blutet die Nase. Im Nachhinein deutet vieles darauf hin, dass es sich hierbei um Nico Wehnemann, Vorsitzender der PARTEI in Frankfurt handelt. Er wird später berichten, dass er von einem Zivil-Sicherheitsmann der Buchmesse attackiert wurde. Überhaupt rennen überall Menschen in verschiedene Richtungen. Journalist*innen stellen sich auf Tische, um besser sehen, fotografieren und filmen zu können. Auch ich flüchte, komme aber zurück. Die Neugier auf die Entwicklung ist zu groß. Aus den Reihen der linken Aktivist*innen kommen „Ganz Frankfurt hasst die AfD!“-, „Raus, haut ab, nieder mit dem Nazipack!“- und „Nazis raus!“-Rufe. Die Identitären rufen zurück: „Räumen! Räumen!“, „Widerstand!“ und „Jeder hasst die Antifa!“. Einige andere, krassere Parolen, verstehe ich akustisch nur teilweise. Die Rechtspopulist*innen auf der Bühne werden von der Polizei geschützt und von Reporter*innen gefilmt. Sie grinsen stolz. Martin Sellner macht vergnügte Selfies. Mario Müller lacht und stimmt in die „Nazis raus!“-Rufe mit ein.

Nazis einladen ist kein „Dialog“

Als klar wird, dass die Veranstaltung nicht wie geplant stattfinden wird und erfolgreich lange genug gestört wurde, und die Frankfurter Buchmesse bereits über Lautsprecher das Ende des Messetages bekanntgibt, verlasse ich den Ort des Geschehens. Ich habe genug gesehen und gehört, um Angst zu haben. Auf einer Literaturveranstaltung (denn egal was die Veranstaltenden sagen – genau das ist die Frankfurter Buchmesse für mich und viele andere Besucher*innen) hätte ich solche Ausschreitungen nie erwartet. Buchliebhaber*innen sollten auf einer Veranstaltung nicht eine einzige volksverhetzende Parole hören müssen. Sie sollten nicht einem Neonazi ins Gesicht blicken müssen und denken „Dem will ich niemals alleine begegnen“. Die Messe ist keine deutsche Veranstaltung, sondern eine internationale. Es gibt hunderttausende Gäste aus dem Ausland. Wie anbiedernd muss man sein, um nicht einmal den Mut zu haben, all diese rechten Vereine, Verlage, Magazine und Autor*innen ein für alle Mal auszuladen? Wie will der Börsenverein Frankfurt als weltoffene Stadt präsentieren, wenn er Neonazis und deren Parolen eine Bühne bietet? Das ist kein „kultureller Austausch“ und auch kein „Dialog“. Das ist schlichtes und einfaches Wegsehen.

Die Veranstaltenden haben letztes Jahr nichts dazugelernt. Ich will hoffen, dass es nach den diesjährigen Ereignissen beim nächsten Mal anders aussieht.

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