Harry Potter und die verrückten Katzenfrauen

Harry Potter und die verrückten Katzenfrauen

Disclaimer: Wenn du die Harry Potter Bücher nicht gelesen hast, enthält dieser Beitrag für dich Barrieren. Einzelne Charaktere werden teilweise nicht genauer beschrieben, dementsprechend sind die Ausführungen für dich eventuell nur teilweise nachvollziehbar.

Spoiler-Warnung: Im Beitrag kommen mehrere Spoiler zu den Harry Potter Büchern und Filmen vor.

 

Ich liebe die Welt von Harry Potter. Die sieben Bücher habe ich inzwischen unzählige Male gelesen. Hermine war als Kind mein Vorbild – Streberin und trotzdem cool Sein war dank ihr mein Ziel. Ich werde die Harry Potter Bücher auch weiterhin lieben. Das ändert nichts daran, dass ich mich über einige Punkte immer wieder aufregen könnte und vieles problematisch finde. Zum Beispiel, dass niemand in der magischen Gesellschaft ein Problem mit der Sklaverei von Hauself*innen zu haben scheinen. Oder dass Kobolde mit antisemitisch belegter Symbolik beschrieben werden (große Nasen, habgierig, nicht vertrauenswürdig, großer Reichtum). Und dass der „Trope“ der verrückten Katzenfrau immer und immer wieder auftauchen muss.

 

Was ist ein Trope?

Aus dem Englischen übersetzt, bedeutet ‚trope‘ bildlicher Ausdruck. Auch auf Medien bezogen ist ein Trope letztendlich genau das: Ein Konzept, dass die Leser*innen oder Zuschauer*innen sofort erkennen und verstehen. Die Verbildlichung einer Norm sozusagen. Ein Trope kann genauso eine Erzählstruktur sein, wie ein Charaktertyp. Ein Trope ist wie ein Schnittmuster oder eine Vorlage, die immer wieder verwendet werden kann. Und wenn die Vorlage dann wieder und wieder verwendet wird, entwickelt sie sich nach und nach zu einem Klischee, einem Vorurteil, mit dem wir danach durch die Welt spazieren.

Ein bekannter Trope ist beispielsweise: „Nicht wie andere Mädchen*“. Wie viele Filme mussten wir in unserer Jugend anschauen, in denen die Protagonistin* genau das von sich selbst gesagt hat? Sie sei ja nicht wie andere Mädchen*. Wir haben Filme geschaut, in denen junge Frauen* sagten, sie scheren sich nicht um ihr Äußeres, in denen Frauen* Komplimente dafür bekommen haben, dass sie wie Männer* essen können, in denen die Protagonistin* etwas Besonderes ist, weil sie sich für Technik oder Skateboard oder Musik interessiert.

Der Trope „Nicht wie andere Mädchen*“ ist ein Narrativ, das jungen Mädchen* beibringt, andere Frauen* abzuwerten, um selbst vor Männern* besser dazustehen. Und Tropes gibt es in unserer Medienlandschaft erschreckend viele.

Was hat es mit der verrückten Katzenfrau* auf sich?

Genauso wie es in unserer Gesellschaft Vorstellungen darüber gibt, wer Prinzessinnen* und wer Feuerwehrautos mag, gibt es auch eine Zuordnung von Tieren. Pferde sind klare Mädchen*sache, was ich absurd finde – wer hat entschieden, dass Jungs* lieber Fußball spielen, als einen Ausritt zu machen? Und genauso wie Pferde sind auch Katzen klares Frauen*thema.

Vielleicht wollt ihr mir widersprechen und ich will gar nicht abstreiten, dass es einige Männer* gibt, die großartige Katzenliebhaber* sind. Aber ich bin mir sicher, ihr werdet dieses Bild erkennen: Eine eher ältere Frau* ist single und lebt allein, sie ist manchmal seltsam und etwas verwirrt – ein bisschen verrückt eben – und sie hat mindestens eine, wenn nicht sogar eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Katzen.

Am bekanntesten ist dieses Bild wohl aus den Simpsons. Aber auch viele andere Filme, Serien und Bücher haben sich diesem Trope schon bedient. Dass Männer* sich seltener im Tierschutz engagieren und mehr Katzen von Frauen* adoptiert werden, liegt sicher nicht ausschließlich an dem Narrativ der verrückten Katzenfrau*. Aber der Aufbau eines solchen Klischees hilft sicher nicht dabei, zu verhindern, dass einzelnen Tieren ein durch das Geschlecht bestimmtes Interesse zugeordnet wird.

Entwickeln konnte sich dieser Trope übrigens, weil es einen Parasiten gibt – Toxoplasma gondii, hier [klick!] zum Wikipedia Artikel – dem die forschenden Wissenschaftler*innen den Spitznamen ‚crazy cat syndrome‘ (verrücktes Katzen-Syndrom) gegeben haben. Beim Menschen kann dieser Parasit eventuell Verhaltensänderungen hervorrufen. Ganz einig sind sich Forscher*innen da noch nicht. Trotzdem ist die Verknüpfung zwischen verrücktem Verhalten und Katzenbesitz geschaffen. Und damit auch die Grundlage für die verrückte Katzenfrau*.

Und was hat das jetzt mit Harry Potter zu tun?

Bereits im ersten Band „Harry Potter und der Stein der Weisen“ lernen wir direkt zwei Frauen* kennen, die in diesen Trope passen.

Arabella Figg ist eine alte, alleinstehende Frau und wohnt in der gleichen Nachbarschaft wie Harry. Bei ihr muss er seine Zeit verbringen, wenn die Dursleys einen Ausflug machen. Harry findet es furchtbar bei ihr. Verständlich – wer will als kleines Kind seine Zeit schon mit alten Nachbar*innen verbringen, während andere in den Zoo dürfen. Harry findet Mrs. Figg aber nicht nur deswegen blöd. Er findet sie merkwürdig und schrullig. Schließlich riecht ihr Haus nach Kohl. Und, wer hätte das erwartet, sie lebt mit vier Katzen, von denen er sich immer wieder Bilder anschauen muss.

Im fünften Band bekommt Arabella Figg eine weitere Ebene. Wir erfahren, dass sie eine Squib ist, die von Dumbledore beauftragt wurde, auf Harry aufzupassen. Es ist ja schön, dass Mrs. Figg hier noch ein wenig mehr Charaktertiefe bekommt. Dennoch bleibt ihre bestimmende Eigenschaft: Schrullig. Sie ist eben doch nur eine merkwürdige alte Frau, die allein mit ihren Katzen lebt.

Auch Minerva McGonagall lernen wir direkt zu Beginn der Handlung kennen. Wir erfahren, dass sie streng ist und auch so aussieht. Sie ist eher reserviert, zeigt nur selten persönliche Zuneigung. Und sie ist genauso loyal wie intelligent. Alles Beschreibungen für eine spannende Frauenfigur. Professor McGonagall ist (laut Pottermore) aber auch alleinstehend, Witwe, um die 70. Und sie kann sich in eine Katze verwandeln. Da hat alleinstehende Katzenfrau* doch direkt nochmal eine neue Bedeutung.

 

Im dritten Band „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ kommen unsere geliebten Protagonist*innen in die Pubertät. Es gibt Streit, Gefühle kochen über, mit 13 alles sehr nachempfindbar. Nun ist die Geschichte aus der Perspektive von Harry erzählt, das erklärt, warum wir vor allem Einblicke in seine Gefühle und Gedanken bekommen. Da die Schlafsäle in Hogwarts nach dem binären Geschlechtsmodell getrennt sind (es gibt nur Mädchen und Jungs), ist auch verständlich, dass wir mehrere Momente haben, in denen Harry und Ron alleine sind. Die beiden sind beste Freunde und durch ihre privaten Gespräche dürfen wir auch an Rons Innenwelt teilhaben. Aus einer erzählerischen Perspektive ist mir das alles klar, es ist logisch, dass wir mehr über Harrys und Rons Gefühle erfahren als über Hermines. Was ich nicht verstehe: Warum bekommen Harry und Ron erste romantische Gefühle – und Hermine eine Katze?

 

Und noch eine Katzenfrau* lernen wir kennen: Dolores Umbridge. Meiner Meinung nach ein durch und durch unsympathischer Charakter, aber darum geht es hier ja nicht. Umbridge trägt gerne pink und sie redet mit einer gekünstelten, hohen Mädchenstimme. Was mir beim Lesen als Jugendliche sicher entgangen ist: Sie selbst betrachtet es als Schutz, niedlich und harmlos und mädchenhaft zu wirken. Während ihrer Zeit in Hogwarts hat sie ihr Büro mit Spitzendeckchen und Porzellantellern mit Katzenbildern dekoriert. Auch ihr Patronus ist eine Katze. Wer sich durch Zusatzliteratur klickt, erfährt auch von ihr, dass sie single ist und einfach keinen Mann halten kann. Harry, Ron und Hermine könnten das sicher verstehen – sie nennen ihre Professorin mehr als einmal verrückt. Und damit hat auch Dolores Umbridge alle Kriterien erfüllt, um eine verrückte Katzenfrau* zu sein.

 

Spannend ist auch, dass Männer in den Harry Potter Büchern Tieren keineswegs abgeneigt sind. Harry hat von Anfang an ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Eule Hedwig. Sie ist clever und noch dazu praktisch, schließlich ermöglicht seine Eule ihm den Kontakt zu seinen Freund*innen oder auch Sirius. Nevilles Tollpatschigkeit und Vergesslichkeit werden immer wieder durch seine Kröte unterstrichen. Rons Familiengeschichte und wirtschaftlicher Status wird uns anhand seiner Ratte erklärt. Dumbledore hat mit seinem Phönix einen außergewöhnlichen Wegbegleiter. Und Hagrid würde wohl jedes Monster als Haustier aufnehmen, am liebsten aber einen Drachen.

Die männlichen Charaktere bekommen individuelle Maskottchen, die für ihren Charakter kennzeichnend sind. Alles, was Frauen* bekommen, sind Katzen.

 

Lasst und die alleinstehende Katzenfrau* bitte endlich neu besetzen. Eine Frau*, die keinen Mann*, dafür eine Katze hat und alleine lebt, ist nicht verrückt.

Lasst uns in Zukunft sagen: Diese Frau* ist ein Vorbild. Sie ist empathisch und tierlieb und sie kann Verantwortung für ein anderes Lebewesen übernehmen. Und ja, sie lebt allein, aber das ist auch einfach ihr Ding und wenn sie glücklich ist: Wer bin ich, dass ich über ihren Beziehungsstatus urteilen dürfte? Ein Hoch auf die alleinstehendenen Katzenfrauen* dieser Welt!

Alica ist das verkörperte Klischee einer Künstlerin, studiert dazu irgendwas mit Medien und hat eine Leidenschaft für Harry Potter. Wenn sie groß ist, will sie Superheldin werden.

One thought on “Harry Potter und die verrückten Katzenfrauen

  1. Puh. Diese Momente, in denen einem klar wird, wie viel Mist halt auch im Lieblingsbuch steckt… Über die Crazy Cat Lady hab ich offenbar ebensowenig kritisch nachgedacht (ich mag Katzen), als über die ungleich verteilte Haustiervarianz.

    Liebe Grüße aus Dublin
    Sabrina

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