Warum wir wählen gehen

Warum wir wählen gehen

Wahlrecht ist eine seltsame Sache. Seit endlich eine große Mehrheit der Bevölkerung das Wahlrecht hat (zu den geschichtlichen Hintergründen haben wir hier [klick!] was für dich), halten wir es für selbstverständlich. Wir regen uns darüber auf, dass Menschen in Diktaturen es nicht bekommen und mutmaßen in einigen Ländern über Wahlbetrug. Zugleich gehen viele von uns selbst nicht wählen. Die Wahlbeteiligung ist in den letzten Jahren eher gesunken und liegt irgendwo um die 70%. In den letzten Tagen haben wir Parteiprogramme gelesen und darüber geschrieben, was die Politiker*innen sich so vorgenommen haben. Nicht weil uns langweilig war, sondern weil wir Wählengehen für eine ziemlich wichtige Sache halten. Zum Abschluss unserer „Wen wählen?“-Reihe soll es heute darum gehen, warum das so ist.

 

Wie geht das mit dem Wählen eigentlich?

Solltest du Erstwähler*in sein oder in den letzten Jahren politikverdrossen den Wahlsonntag vorbeiziehen lassen haben, bist du dir vielleicht nicht ganz sicher, was es mit diesen Wahlzetteln eigentlich auf sich hat.

Nimmst du dein Wahlrecht in Anspruch und gehst wählen, bekommst du einen Zettel, auf dem du eine Erst- und eine Zweitstimme abgeben musst. Mit deiner Erststimme wählst du, wer ein Direktmandat bekommt. Deutschland ist in etwa 300 Wahlkreise unterteilt, in denen jeweils ähnlich viele Menschen leben. Von jedem dieser Wahlkreise wird eine Person direkt in den Bundestag geschickt. Die kann zu einer Partei gehören, muss sie aber nicht. Mit deiner Erststimme wählst du also sozusagen deine*n regionale*n Vertreter*in im Bundestag.

Die Zweitstimme entscheidet darüber, wie die insgesamt 598 Sitze im Bundestag unter den Parteien aufgeteilt werden. Wenn also eine Partei bei der Wahl 35% der Zweitstimmen sammelt, stehen ihr auch 35% der Sitze im Bundestag zu. Um einen Anspruch auf diese Sitze zu haben, muss die Partei allerdings mehr als 5% der Stimmen gesammelt haben. Mit der Zweitstimme bestimmst du also darüber, welche Partei die Mehrheit haben soll.

„Meine Stimme macht doch eh keinen Unterschied.“

In Deutschland leben um die 80 Millionen Menschen. Ich bin schlecht darin, mir große Zahlen und Mengen vorzustellen – aber 80 Millionen ist richtig, richtig viel. Deswegen kann ich gut verstehen, dass eine einzelne Person sich denkt, dass es doch eh keinen Unterschied macht, ob er*sie am Sonntag nun das Haus verlässt oder nicht. Gibt doch genug andere, die wählen gehen. Ja, vielleicht. Aber ich möchte dich auf einen kurzen (wirklich winzigen, versprochen) Exkurs zur Mathematik mitnehmen und dir eine einfache Rechnung zeigen.

Weil 80 Millionen eine große und sperrige Zahl ist, stellen wir uns der Einfachheit halber kurz vor, es dürften nur 100 Menschen wählen gehen. Von diesen 100 Menschen gehen nur 70 Menschen wählen, weil die Wahlbeteiligung in Deutschland eben bei 70% liegt. Von diesen 70 Personen wählen vier Personen die AfD. Nur vier. Das sind nicht viele Menschen. Und schon hat die AfD 5% und ist damit im Bundestag. Stellen wir uns nun vor, von den 100 Wahlberechtigten gehen auch 100 hin. Und es wählen wieder nur vier davon die AfD. Und schon landet diese Partei unter der 5%-Marke und darf damit nicht in den Bundestag einziehen.

Deine Stimme kann einen Unterschied machen. Nämlich den, ob eine Partei mit einer antidemokratischen Grundhaltung, deren Mitglieder regelmäßig rassistischen, sexistischen und menschenverachtenden Mist von sich geben, in den Bundestag einziehen darf. Oder eben nicht.

 

„Warum sollte ich wählen gehen, Politiker*innen machen doch eh alle nicht, was sie versprochen haben.“

Das ist kein Satz, den die AfD erfunden hat. Auch keinen, der nur von AfD-Wähler*innen durch die Gegend geworfen wird. Ich höre den oft und überall. Und ja, ich weiß, die bösen, fiesen Eliten, die nur an sich selbst denken. Politiker*innen sind alle korrupt und die Wirtschaft steckt hinter allem und alle sind nur darauf aus, so richtig ekelhaft reich zu werden und überhaupt, die Parteien unterscheiden sich doch eh alle nicht voneinander.

Es tut mir leid, wenn du davon ehrlich überzeugt bist. Ich werde dich hier mit meinen drei Sätzen nicht vom Gegenteil begeistern können. Aber vielleicht magst du das hier als Anlass sehen, nochmal über deinen Standpunkt nachzudenken.

Ich will und werde hier Politiker*innen nicht schönreden. Ja, es läuft einiges irgendwie falsch und ja, in einer Wahl werden Versprechen gemacht, die nicht gehalten werden. Aber das ist eine Wahl. Das ist Werbung. Wenn im Fernsehen Werbung für ein Deo läuft, mit dem dir plötzlich alle Frauen zu Füßen liegen sollen – erwartest du dann auch, dass sich diese Werbung eins zu eins in der Realität umsetzt, wenn du das Deo kaufst?

Natürlich wäre es schön, wenn in der Wahl nur Vorhaben angekündigt werden würden, auf die mensch sich verlassen könnte. Aber um eine Regierung zu bilden, müssen Parteien eben in der Regel eine Koalition schließen. Und das heißt: Kompromisse finden. Denn nein, die Parteien wollen nicht alle dasselbe. Wie wenig alle dasselbe wollen, kannst du dir in einem tabellarischen, gut aufgearbeiteten Vergleich bei „informiert wählen“ [klick!] ansehen. Um zusammenzuarbeiten müssen also alle Beteiligten auf irgendetwas verzichten, keine Partei wird ihren Kopf komplett durchsetzen können.

Wenn du aber nicht auf Wahlprogramme vertrauen möchtest, weil du das Gefühl hast, dass die gewählten Vertreter*innen dann doch ganz anders abstimmen – auch kein Problem. Hier [klick!] kannst du ein Quiz machen, dass dir zeigt, wer im Bundestag im Laufe der letzten vier Jahre wie abgestimmt hat. (Auch ziemlich spannend, wenn du schon weißt, wen du wählen möchtest.)

 

„Ich gehe nicht wählen, weil ich die Demokratie nicht für das richtige System halte.“

Solltest du dich viel in sehr linken Kreisen aufhalten oder selbst politisch sehr links sein, ist dir dieser Satz vielleicht nicht unbekannt. Viele linke Menschen wehren sich gegen Herrschaft und Machtverhältnisse. Dazu gehört für einige auch, die Demokratie als System abzulehnen. Ob du nun für Kommunismus, also die Abschaffung von Privateigentum, oder Anarchie, die Abschaffung von Herrschaft, ober für beides oder keines bist – das ist mir völlig egal. Ich bin auch gegen starre Machtverhältnisse. Aber ich bilde mir nicht ein, dass sich an diesen von heute auf morgen etwas verändern wird. Und sei ehrlich: Glaubst du wirklich, dass du in den nächsten Wochen oder Monaten die linke Revolution miterleben wirst?

Indem du nicht wählen gehst, änderst du einfach so gar nichts daran, dass wir in einer Demokratie leben. Außer natürlich die AfD bekommt prozentual betrachtet noch mehr Stimmen, weil alle linken Menschen nicht mitmachen wollten. Wer weiß, was dann passiert. Vielleicht gibt es dann ja einen System-Umsturz. Aber ich kann dir versprechen: Eine Anarchie wird das nicht.

 

Demokratie und Solidarität sind sexy.

Das ist zumindest meine Meinung. Ich find eine Staatsform, in der eine große Mehrheit mitmachen darf, ziemlich wertvoll. Ich finde Wahlrecht ziemlich wertvoll. Und ich schätze mich sehr glücklich, in einer Position zu sein, in der ich beides beanspruchen darf.

Ich möchte dich dazu einladen, deine Wahlentscheidung wie einen Koalitionsvertrag anzugehen: kompromissbereit. Vielleicht gibt es ja eine Partei, die einen großen Teil deiner Interessen vertritt, aber bei der du nicht alle Forderungen wiederfindest, die dir wichtig sind. Dafür aber wichtige Ziele zum Wohl der Menschen, die in dieser Gesellschaft stark benachteiligt sind. Solidarität ist schließlich eine wunderbare Sache.

Als ich in der Schule zum ersten Mal vom Nationalsozialismus gehört habe, habe ich mich, wie vermutlich alle im Geschichtsunterricht irgendwann, gefragt: „Wie konnten die Menschen damals all das passieren lassen?“ Ich hoffe, nicht irgendwann in der Position zu sein, diese Frage beantworten zu müssen. Diese Wahl ist etwas Besonderes. Denn du wählst nicht nur eine Partei oder ein Wahlprogramm. Du kannst auch gegen die AfD und damit für die Demokratie stimmen.

Alica ist das verkörperte Klischee einer Künstlerin, studiert dazu irgendwas mit Medien und hat eine Leidenschaft für Harry Potter. Wenn sie groß ist, will sie Superheldin werden.

One thought on “Warum wir wählen gehen

  1. This. All of it.
    Besonders wichtig finde ich den letzten Abschnitt. Mir ging und geht es da nämlich sehr, sehr ähnlich. Ich hab diverse Jahre lang gesagt, falls Zeitreisen irgendwann möglich wären, würde ich mir gerne die Weimarer Republik angucken gehen. Nicht wegen der schicken Flapperdresses und der hedonistischen Partys, sondern um mir anzuschauen, wie so eine errodierende Gesellschaft aussieht, in der sich Nationalismus so in den Köpfen festsetzt, dass sie irgendwann zumindest wegschaut, wenn Leute massenhaft umgebracht werden.
    Jetzt gucken „die Leute“ weg, während massenhaft Leute im Mittelmeer ertrinken und scheinen keine größere Sorge dabei zu haben, als die, wie man die Leute möglichst nicht auf unserer Seite des Mittelmeeres antreffen muss.
    Ich find’s verstörend. Und das eben nicht zuletzt, weil wir in einem Land leben, in dem wir sehr, sehr viel über Nationalsozialismus beigebracht bekommen und es doch _eigentlich_ besser wissen müssten.

    Liebe Grüße – und danke für euer Engagement!
    Sabrina

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