Runter mit der Pornobrille

Runter mit der Pornobrille

Laut einer Studie [1] schauen weibliche Jugendliche im Vergleich zu männlichen Jugendlichen relativ selten aktiv oder bewusst Pornofilme. Sie kommen damit eher über Umwege, das heißt über das soziale Umfeld,  in Kontakt. Mädchen sind also in aller Regel „unterpornofiziert“.

Quelle: pixabay.com

Das erklärt für mich, dass ich doch gar nicht mal so von der Norm abwich, zumindest nicht so sehr, wie es mir als Teenie vorkam. Denn auch ich bin nie wirklich bewusst oder aktiv mit Pornofilmen in Berührung gekommen und habe es weitestgehend gemieden, diesem Thema Aufmerksamkeit zu schenken. Und doch: Das große Spukgespenst PORNO geisterte durch die Schulbänke, es rankten sich Legenden um die Frage, wie es sein würde, einen Pornofilm zu schauen, so einen wirklich echten, nicht diese billigen Erotikstreifen in den vier Sendern der Öffentlich-Rechtlichen. Man* munkelte, wie es wäre, einen voyeuristischen Blick auf Sex zwischen Menschen einzunehmen. Man* erzählte sich, dass neben viel nackter Haut und teilweise unvorstellbar obszönen Szenen sexueller Praktiken verschiedenster Art auch ein eher fragwürdiges Rollenverständnis der Frau konstruiert werde. Die Frau als gefügiges Wesen und mit einem völlig perfektionierten Körper. Darauf hatte ich schon damals keinen Bock. Oder vielmehr Angst davor. Darum schien ich, zumindest was die Pornofilmkultur angeht, zumindest bis heute etwas hinterwäldlerisch durch das Leben geschritten zu sein. Okay, dann und wann tauchten immer mal wieder Berichte über feministische Pornofilme auf, die ich ein wenig verfolgte. Aber wirklich bewusst und aktiv geschaut? No.

Und jetzt, vor kurzem, habe ich mich zum ersten Mail in meinem Leben mit dem Thema Pornografie in Filmen genauer auseinandergesetzt. Nachdem ich in letzter Zeit immer mal wieder auf diversen frei verfügbaren, populären Pornoseiten einige kurze Pornofilmchen inspizierte und teilweise über mich ergehen ließ, gelangte ich zu der amüsanten Einsicht, dass es gut war, erst jetzt – mit dreißig Jahren – damit in Berührung zu kommen. Viel früher hätte mich die Konfrontation mit diesem Filmgenre noch mehr als jetzt verstört. Denn selbst mit meiner heutigen Lebenserfahrung bin ich trotzdem erstaunt über das vielschichtige Universum, das sich mir nach erster Sichtung zweier einschlägiger Homepages mit pornografischem Videomaterial auftut. In verschiedenen Kategorien aufgeteilt wird einem* das breite Spektrum an Fantasien der sexuellen Lustbefriedigung des homo sapiens via Film vorstrukturiert dargeboten. Von hartem Sex, Anal, Oral, Trio, BDSM über Blow- und Handjob, Fuß oder Faust bis hin zu Milfs, Gangbang, dicke Frauen, Transsex und verschiedenen ethnischen Gruppen: Jedem noch so abwegigen User*innenbedürfnis bietet sich hier ein vielfältiges Angebot an Pornostreifen. Vielleicht ist das zumindest ein Indiz für einen Zuwachs an Toleranz für verschiedene sexuelle Vorlieben. Und doch stößt es mir sauer auf, festzustellen, dass das Gros des filmischen Materials immer noch dominiert wird vom Blick des weißen Mannes. Durchtränkt von den verschiedenen -ismen, die auf eingestaubte mentale Zustände hinweisen, sind es natürlich auch qualitative Aspekte in den Filmen, sei es Machart, Charaktere oder Requisite und Kostüm, die mich stören. Mal abgesehen davon, dass niemand* hohe Erwartungen an die storyline pornografischer Filme stellt, so ist meines Erachtens ein besonderer Blick auf die Figuren, die in aller Regel ebenfalls eher unterirdisch gezeichnet sind, geeignet, um nachzuvollziehen, welche Konsequenzen das Sehen und Erleben eines solchen Videomaterials für das Subjekt haben kann.

„Step Sister Maya Bijou Fucked By Her Sleepwalking Brother“ Und wo? Ja, genau, im Bums-Bus.

Vor ein paar Tagen erschien zufälligerweise ein Artikel in der ZEIT[2] zum Thema Porno-Websites. Laut des Autors plant der Betreiber Pornhub, einer der Größen in diesem Bereich, in Kombination zu dem frei zugänglichen pornografischen Videomaterial ein Aufklärungsportal zu schalten. In gewisser Weise scheint man* auf diese Art der Jugendschutzgesetzgebung einiger Länder entgegenkommen zu wollen, allerdings wirkt ein solches Extra fast schon zynisch im Kontext zu den Videos, die die wundervollen Titel „Slutty German babes enjoy a dirty interracial bus“, „Horny Teen Gets Orgasm After Orgasm“, „Horny Latina Teen Babe Katya Rodriguez Fucks Step-Dad To Skip“ und „Two Girls Bang in Car“ tragen. Ebenfalls wäre es zynisch, wenn die Pornhub-Macher*innen sich im Rahmen des geplanten Aufklärungsportals für einen Glossareintrag „Gendermainstreaming“ entscheiden würden, denn leider reproduzieren die Frauen in den verfügbaren Filmchen die typischen Rollenklischees vor die Leinwand, wie man* es vom tradierten Hörensagen aus meiner Schulzeit erwarten würde. So ist die schlecht und leicht bekleidete Protagonistin in kürzester Zeit einsatzbereit, um sich nach einer kurzen Oralverwöhnung dem männlichen Phallus zuzuwenden, dessen Auftritt mehr Aufmerksamkeit zuteilwird. Da kann pornhub noch so reflektierte Begleitfeatures einbauen. Ich vermute, dass der gewünschte Klick aufgrund des Bedürfnisses nach schneller Blickbefriedigung sowieso ausbleiben wird.

Jene aufklärerischen Maßnahmen ändern also wohl kaum etwas daran, dass das Hauptaugenmerk in pornografischen Mainstream-Videos auf dem weiblichen Körper und seiner objektifizierenden Behandlung bleibt. Dass sich daran auch im Jahr 2017 noch nichts geändert hat, finde ich enttäuschend. In den Filmen beobachte ich: Während in einem kurzen pornografischen Intermezzo von etwa 18 Minuten der Vulva durchschnittlich circa 5 Minuten eine orale Zuwendung geschenkt wird, gewinnt der Penis mit Hand- und Blowjob durch die Frau den etwa doppelten Zeitraum an Beachtung und Szenen.

Quelle: pixabay.com

Und während der männliche Körper auf sein nacktes, erigiertes Stück hinunterrationalisiert ist, geht es auch schon weiter mit der Ausstaffierung der Frauenrolle im Mainstream-Porno: Denn sie, das unkomplizierte, leicht zu penetrierende Wesen, ist biegsam und gefügig wie ein dressierter Tanzbär. So kann der Mann, der Penisträger, ohne Komplikationen sein Programm abspulen; alle Stellungen werden durchdekliniert wie die Programmierung einer Waschmaschine. Durch dieses immer wiederkehrende rhythmisierte und teilweise stupide Vorgehen im Zusammenspiel mit einer liebreizenden und zugleich willenlosen Frauenfigur wird ein in den Köpfen vieler Männer vorherrschendes „Ideal“ von heteronormativem Sex konstruiert, das nichts oder vielleicht nur ansatzweise mit der Realität zu tun hat. Mit der Handfläche auf den Hintern zu hauen, die nackten Brüste mit beiden Händen zu schütteln, diese Gesten erscheinen als Ausdruck eines herrschaftlichen Selbstverständnisses. Der Porno-Mann regiert den weiblichen Porno-Körper und nutzt ihn zur Demonstration und Etablierung einer Sexualtechnik, die ihm eine übergeordnete Position einräumt. Gemäß dieses Porno-Ideals, dem Zusammenspiel der größtenteils anspruchslosen Bebilderung, einer storyline, die es nicht darauf abgesehen hat, einen größeren Sinnzusammenhang zwischen den auftretenden Elementen herzustellen, sowie einem Rollenspiel zwischen zwei antagonistisch interagierenden Körpern, ist eine reziproke sexuelle Begegnung zwischen einem Männer- und einem Frauenkörper offenbar erst einmal nicht möglich.

„Ich bin Frau, ich kann immer.“

Klar, egal, wie hässlich der Vogel ist, der da sitzt und es auf die Porno-Frau abgesehen hat, ihre Libido wird nicht in Frage gestellt, noch wird dem Porno-Mann viel abverlangt, um sie in Stimmung zu bringen. Ihr Körper scheint daueraktiviert, schließlich muss für den Akt an sich kein Schwellkörper zum Einsatz gebracht werden, sondern lediglich ein Loch zur Verfügung stehen, oder auch gerne zwei und mehr.

Quelle: pixabay.com

Nach einer erfolglosen Suche nach einigermaßen ästhetischen und frauenfreundlichen Streams schließe ich ziemlich entrüstet den Browser. Es ist ja nicht so, dass das Gesehene spurlos an mir vorbeigeht. Nein, es versetzt mich in eine ambivalente Gefühlslage. Es ist ein Wanken zwischen Erregung und Ekel, Fremdscham und Interesse am Medium. Aus Letzterem ergeben sich folgende Fragen: Was löst eine derartig platte Darstellung von Frauen in Mainstream-Pornofilmen bei der*dem Zuschauer*in aus? Wie prägen die Bilder von Sex – die Art und Weise, wie Frauenkörper in diesen Filmen berührt und wie auf sie zugegriffen wird – das Verständnis von Jungen und Männern über den Umgang mit Frauen* bei der Umsetzung von Sexpraktiken? Kann man* nach der Verinnerlichung solcher Bilder jemals noch ungehemmten, freien und selbstbewussten Sex miteinander haben?

„Das ist schlimm, oder?“, sagt meine Mitbewohnerin am nächsten Tag beim Frühstück, als ich ihr von meinem nächtlichen Pornofilm-Bootcamp erzähle. Auch sie weiß, wie viele andere Frauen*, wie schlecht der weibliche Körper in den Standard-Pornos wegkommt. Wir fragen uns, welche Handlungsmöglichkeiten im Bett in Anbetracht dieser Bilder im Kopf bleiben? Meine Lösung: Differenzieren. Zum Beispiel zwischen dem Gesehenen und den eigenen Wünschen. Und nach Alternativen suchen.

Diesbezüglich nimmt meine Recherche nämlich doch noch ein gutes Ende. Ich finde heraus: Es gibt Alternativen [3]. Na, Gottseidank. So steht beispielsweise die Verleihung des PorYes [4]-Awards im Zeichen des antisexistischen Pornofilms, bereichert ihn qualitativ, indem er die Rolle der Frau upgradet und nebenbei ermöglicht, das Medium Pornofilm durch ästhetisierte Kamerafahrten, musikalische Untermalungen und ansprechende Charaktere in einer sinnbehafteten Rahmenhandlung teilweise gar als Kunstgenre zu begreifen.

Die alternative Pornoszene floriert und das bereits seit mehreren Jahren. Es gibt Filmemacher*innen, die sich für realistischere Entwürfe einer sexuellen Begegnung von Menschen einsetzen; sie zeigen Begegnungen, die von Respekt, Entfaltung und Freude am eigenen und am anderen Körperlichen geprägt sind. Ich freue mich darauf mich intensiver mit diesen Arbeiten auseinanderzusetzen und bin gespannt, wann die Welt endlich durch eine neue Pornobrille blicken kann.

 

 

[1] zur Studie: http://www.jugendschutz-niedersachsen.de/blog/internetpornographie-jugendsexualitaet/

[2] Quelle: http://www.zeit.de/digital/internet/2017-02/pornhub-aufklaerung-sexualitaet-pornografie

[3] Hierüber ein schöner Artikel: http://ze.tt/wie-der-feminismus-die-pornografie-rettet/

[4] zum Award: http://www.poryes.de/

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