Samwell Tarly: Memme oder Macho?

Samwell Tarly: Memme oder Macho?

Spoiler-Warnung: Dieser Artikel spoilert Staffel 1–6 von „Game of Thrones“ und Buch 1–10 von „Das Lied von Eis und Feuer“. (Dem Artikel liegt die deutsche Übersetzung von Blanvalet zu Grunde, die anders als das englischsprachige Original in zehn statt fünf Bänden erschienen ist.)

Trigger-Warnung: Der Artikel beschreibt bzw. erwähnt körperliche und emotionale Misshandlung, Trauma, Vergewaltigung und Inzest.

Die Welt war voller Memmen, die vorgaben, Helden zu sein. Es war schon eine verquere Art von Mut nötig, um seine Feigheit einzugestehen, so wie Samwell Tarly es getan hatte.

„Die Herren von Winterfell“, Jon IV

Samwell Tarly verkörpert offenbar das genaue Gegenteil des in Westeros vorherrschenden Männlichkeitsideals. Oder trügt der Schein? Vergleichen wir das Männlichkeitsbild in der TV-Show „Game of Thrones“ (GoT) mit dem der Bücherreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ (DLvEuF).

Ist doch eh nur Fantasy, wozu das Ganze?

Ja, die sieben Königslande von Westeros liegen in einem fiktiven Fantasy-Universum, aber ihr Gesellschaftssystem ähnelt stark dem europäischen Mittelalter. Und das ist weder Zufall noch Faulheit von Autor George R. R. Martin: Eine Welt, die unserer ähnelt, bringt uns dazu, über unsere eigene Gesellschaft nachzudenken. Zudem wurde die Reihe für ein aktuelles Publikum geschrieben, weshalb wir sie anders betrachten müssen als etwa ein Werk von Shakespeare. Was sagen uns also Geschlechterdarstellungen in GoT und DLvEuF über unsere jetzige Gesellschaft? Was erscheint uns überholt oder vielleicht auch fortschrittlich, und mit welchen Problemen kämpfen wir heute noch?

Das Patriarchat: Paradies für Männer?

Patriarchat bedeutet, dass die Macht innerhalb einer Gesellschaft hauptsächlich im Besitz von Männern ist. Im feudalen System von Westeros werden Titel und Ländereien an den erstgeborenen Sohn vererbt, selbst wenn dieser eine ältere Schwester hat. Auf den Frauen lastet großer Druck, ihrem Ehemann einen männlichen Erben zu gebären, und der Erbe muss sich wiederum als würdiger Nachfolger des Vaters erweisen. Durch die Geschichte von Samwell Tarly lernen wir, was geschieht, wenn der erstgeborene Sohn den Ansprüchen seines Vaters nicht gerecht wird. Denn trotz aller Privilegien, die Männer gegenüber Frauen besitzen, können die engstirnigen Vorstellungen von Männlichkeit im patriarchalen Westeros auch zum Fallstrick werden, wenn man diesen nicht entspricht.

Ser Schweinchen“: Sam an der Mauer

Durch den Augenschlitz seines Helmes wurde er des fettesten Jungen gewahr, den er je in der Tür der Waffenkammer hatte stehen sehen. (…) Der Pelzkragen seines bestickten Wappenrocks verlor sich unter seinen Kinnen. Matte Augen zuckten unruhig hin und her, in einem großen, runden Mond von einem Gesicht, und plumpe, schwitzige Finger wischten am Samt seines Wamses herum. „Man … man hat mir gesagt, ich solle mich wegen der … der Übungen hier melden“, sagte er, an niemand Bestimmtes gerichtet.

– „Die Herren von Winterfell“, Jon IV

So begegnen wir Samwell Tarly zum ersten Mal in DLvEuF. Der neue Rekrut der Nachtwache ist dick, unsicher und vollkommen unfähig im Schwertkampf. Sein Ausbilder Ser Allisar und einige Rekruten reagieren mit Hohn und Erniedrigung; er bekommt den Spottnamen „Ser Schweinchen“. Als Jon Schnee den Neuen in Schutz nimmt, entgegnet Allisar: „Der Bastard möchte seine Herzensdame verteidigen.“ Er erniedrigt Sam gezielt, indem er ihn als „Dame“ bezeichnet und die beiden als Liebespaar darstellt. Die Gleichsetzung mit einer Frau bedeutet Herabsetzung für Männer in Westeros.

Nachdem Sam beim Kämpfen aufgegeben hat, gesteht er Jon und dessen Freunden Grenn und Pyp, dass er ein Feigling sei.

Grenn war wie vom Donner gerührt. Selbst Pyp wusste dazu nichts zu sagen, und Pyp mangelte es sonst nie an Worten. Welcher Mann würde sich selbst einen Feigling nennen? (…) Als [Sam] gegangen war, sah Grenn sich fragend um. „Niemand mag Memmen“, sagte er beklommen. „Ich wünschte, wir hätten ihm nicht geholfen. Was ist, wenn sie uns auch für Memmen halten?“

– „Die Herren von Winterfell“, Jon IV

Wir sehen: Sich selbst als Feigling zu bezeichnen ist in Westeros etwas Unvorstellbares. Mit einem Feigling gesehen zu werden, droht den Ruf eines Mannes zu beschädigen. Dies zeigt, wie stark das Männerbild auf Tapferkeit, körperlicher Stärke und Fähigkeit im Kampf beruht – wer nicht hineinpasst, wird ausgegrenzt.

Sams Vorgeschichte: Bitte kein Trauma

Ein erster deutlicher Unterschied zwischen Buch und Show ist die Schilderung von Sams Misshandlung durch seinen Vater Lord Randyll Tarly. DLvEuF geht im Detail auf Sams „unmännliche“ Eigenschaften seit der Kindheit ein (er liebt Musik und Tanzen, verabscheut Blut und Gewalt) und wie der Vater versucht, ihm diese auszutreiben – etwa durch Prügel, öffentliche Bloßstellung in Frauenkleidern oder Baden in Ochsenblut. Diese Qualen, die Sam „zum Mann machen“ sollen, zeigen uns: Im Patriarchat kann ein Hoher Lord seinen eigenen Sohn grausam misshandeln, ohne dass jemand etwas unternimmt. Als Folge dieser traumatischen Erfahrungen hat Sam panische Angst vor Autoritäten, gerät beim Sprechen über seinen Vater ins Stottern und Schwitzen, und verflucht sich innerlich zwanghaft als Feigling, wertlos und schwach.

Wie viel von Sams Leiden in die Show einfließt? Nur Randyll Tarlys Drohung, dass sein Sohn entweder der Nachtwache beitreten müsse – oder sterben. Außerdem bezeichnet Sam den Vater einmal als „grausam“. Kurz wird auch auf Randyll Tarlys Ablehnung weiblich kodierter Tätigkeiten wie Vorlesen eingegangen. Anzeichen von Trauma fehlen bei Show-Sam nahezu vollständig; seine Angst vor Autoritätspersonen etwa ist in GoT kaum sichtbar.

Durch das Verschwinden von Sams Trauma fällt auch ein erheblicher Teil der Kritik am Westeros’schen Männlichkeitsideal weg. Ebenfalls gestrichen wurde in GoT die Szene, in der Jon Maester Aemon überzeugt, den im Schwertkampf untalentierten Sam zum Kämmerer zu machen. Aemons Bursche Chett meint: „Ser Allisar wird ihn zum Mann machen oder töten, ganz nach dem Willen der Götter.“ Jon argumentiert hingegen: „Er kann rechnen, lesen und schreiben. (…) Es gibt eine Menge, was er tun könnte, nur eben nicht kämpfen.“ („Das Erbe von Winterfell“, Jon I). Jons – erfolgreiches – Plädoyer zeigt, dass solche Männlichkeitsbilder nicht in Stein gemeißelt sind. Man kann sie anfechten, sogar in Westeros.

In der Show wird der Männlichkeitswahn hingegen nicht problematisiert. Sam mag dick und ungeschickt sein, aber er wird offenbar von den meisten respektiert. Dafür besitzt Show-Sam einen Charakterzug, der seinem Buch-Gegenstück fehlt: Er ist besessen von Mädchen.

Show-Sam = „Bro“ Sam?
© Paola Zavala

In GoT vergeht kaum eine Szene mit Sam, in der er nicht über Mädchen spricht – und nichts davon ist Buchdialog. Hierdurch rückt die sich anbahnende Romanze zwischen Sam und Goldy stärker in den Fokus, denn Show-Sam wird durchgängig als jemand dargestellt, der sich nach Liebe und Sex sehnt.
In DLvEuF hingegen wird Sams Verhältnis zu Frauen fast nie erwähnt. Nur an wenigen Stellen wird deutlich, dass er Frauen eher meidet. Sein Show-Gegenstück dagegen klopft objektifizierende Sprüche wie „Es geht nichts über den Anblick einer Frau von hinten“ (S02E02) und fragt seine sexuell erfahreneren „Brüder“ über deren Erlebnisse aus. Damit bedient die Show einen altbekannten Stereotyp: den dicken, uncoolen „Nerd“, der bei Mädchen nicht landen kann. Buch-Sams vermeintliches Desinteresse an Frauen widerspricht diesem Klischee, wohingegen die Show-Version bestehende Vorurteile bekräftigt.

Sams Werdegang: vom Schwein zum Schlächter

Sams Charakterentwicklung, in der Show wie im Buch, ist die Geschichte eines „Feiglings“, der zum Helden wird – durch wesentliche Unterschiede ändert sich jedoch die komplette Botschaft.

In beiden Versionen ist ausgerechnet Samwell der Erste, dem es gelingt, einen Weißen Wanderer zu töten. Das bringt ihm den Spitznamen „Töter“ (DLvEuF) bzw. „Schlächter“ (GoT) ein. Buch-Sam kann sich damit gar nicht identifizieren: „Das Drachenglas hat den Anderen getötet. Nicht ich, das Drachenglas.“ („Sturm der Schwerter“, Samwell III).

Obwohl Buch-Sam wiederholt seine Tapferkeit beweist, kann er nicht aufhören, sich selbst Feigling zu nennen. Dennoch setzt selbst bei ihm langsam die Erkenntnis ein: „[Goldy] hat mich mutiger gemacht, Jon. Zwar nicht mutig, aber … mutiger eben.“ („Die Königin der Drachen“, Samwell II).

DLvEuF zeigt also eine positive Charakterentwicklung bei Sam hin zu mehr Mut und, sehr langsam, auch zu einem besseren Selbstwertgefühl. Jedoch bleibt sein Trauma ein ständiger Begleiter, eine innere Stimme, die ihm einredet, wertlos zu sein. Sams große Stärke ist, dass er nie aufhört, diese Stimme zu bekämpfen. Das macht ihn zu einem Helden.

© Daniel Tarrant

In GoT erlebt Sam durch das Töten des Weißen Wanderers anscheinend eine Art Wiedergeburt: Er sagt, er sei in dieser Extremsituation plötzlich nicht mehr Samwell Tarly und nicht mehr Randylls Sohn gewesen, sondern einfach gar nichts, was ihn von seiner Angst befreit habe. Dabei wird betont, dass er den Mut nur finden konnte, weil er Goldy und das Kind beschützen musste. Überhaupt wird Show-Sams Charakterentwicklung wesentlich stärker an das Mädchen geknüpft: Er flieht auf eigene Initiative mit Goldy und ihrem Kind aus Crasters Bergfried, während Buch-Sam sich von Goldy und ihren Schwestern dazu überreden lassen muss. In der Show wird Sam also zum stereotypischen männlichen Helden gemacht , indem er zur Rettung seiner Liebsten eilt.

Das Töten des Weißen Wanderers geschieht in DLvEuF vor der Rettung Goldys aus Crasters Bergfried, als es noch keine nennenswerte Beziehung zwischen Sam und Goldy gibt – sein Mut ist also nicht auf das Mädchen zurückzuführen. GoT verschmilzt diese Szene mit Sams Tötung eines Wiedergängers in DLvEuF und steckt Sam wieder in die klassische männliche Beschützerrolle: Obwohl er ein hoffnungsloser Kämpfer ist, weist Sam Goldy an, drinnen zu bleiben, während er draußen nach dem Rechten sieht.

Während Buch-Sam anschließend immer wieder beteuert, das Drachenglas habe den Anderen getötet und nicht er, kann der offenbar nicht traumatisierte Show-Sam seine eigenen Leistungen anerkennen: „Wie viele Brüder haben schon einen Weißen Wanderer und einen Thenn getötet? Ich bin vielleicht der erste aller Zeiten!“ (S05E01).

Belohnungs-Sex für den edlen Retter

Indem GoT wesentlich mehr (romantische) Szenen zwischen Sam und Goldy einstreut und alle anderen Charakterzüge Sams streicht, wird seine Figur ab Staffel 2 komplett auf den „romantischen Helden“ beschränkt. Etwa eilt Sam in der Show Goldy zu Hilfe, als Jons Wolf sie anknurrt; im Buch ist Jon der Retter. Der gerade noch selbsternannte Feigling Sam beschützt also seine Herzensdame vor dem wilden Biest – wie es sich gehört für einen echten Mann, laut alter Rollenklischees. Bei einer (nur in GoT vorkommenden) Wildlingsattacke erklärt Sam Goldy, dass er die Mauer verteidigen müsse, „weil Männer das so tun“ (S04E09) und küsst sie – was dasselbe Klischee weiter untermauert.

Somit reicht es GoT auch nicht, dass der erste Sex zwischen Goldy und Sam ohne weitere Vorkommnisse von Goldy initiiert wird, einfach weil sie Sam zu lieben gelernt hat. Nein, GoT greift auf das abgenutzte Plot-Element „Vergewaltigung als Drama“ zurück: Zwei Fieslinge der Nachtwache wollen sich an Goldy vergehen, Sam versucht sie tapfer abzuwehren, bevor Jons Wolf die Angreifer schließlich vertreibt. Nachdem Goldy also knapp einer Vergewaltigung entkommen ist, „belohnt“ sie ihren mutigen Verteidiger mit Sex. Nicht nur ist dies äußerst geschmacklos, da Goldy über Jahre von ihrem Vater vergewaltigt wurde – diese Szene widerspricht auch den von Shae in Staffel 1 geäußerten Worten:

Ein Mädchen, das fast vergewaltigt wurde, lädt einen anderen Mann nicht zwei Stunden später in ihr Bett ein.

– GoT S01E09

© [2016] Helen Sloan/Home Box Office, Inc.
Bye bye, Vaterkomplex

In den bisher erschienenen Bänden von DLvEuF treffen Sam und sein Vater nur in Rückblenden aufeinander. GoT hat jedoch inzwischen die Bücher „überholt“ – hier gibt es ein Wiedersehen auf der Tarly-Burg Hornberg. Zwar plagen Show-Sam augenscheinlich keine traumatischen Kindheitserlebnisse, doch wie sein Buch-Pendant wurde er vom Vater enterbt und mit dem Tod bedroht, sollte er nicht der Nachtwache beitreten. Nachvollziehbarerweise ist Sam vor der Heimkehr nervös. Beim Essen nennt der Vater ihn verweichlicht und fett, außerdem missbilligt er es, dass sein Sohn zum Maester ausgebildet werden soll. In GoT ist dies Sams eigene Entscheidung – im Buch war Maester sein Berufswunsch als Kind, weshalb Randyll ihn tagelang ankettete, da er den Maester-Beruf als „ein Leben in Knechtschaft“ sah („Zeit der Krähen“, Samwell I). Als Jon ihm befiehlt, Maester zu werden, reagiert Sam panisch und erleidet qualvolle Flashbacks. Dieser Aspekt seines Traumas wurde in GoT ebenfalls gestrichen. Show-Randyll ist zwar fies, doch kein Vergleich zum Buch-Original. Nachdem der Vater ihn erniedrigt und des Hauses verweist, beschließt Sam, ein wertvolles Schwert, das eigentlich sein jüngerer Bruder erben soll, zu entwenden. Goldy fragt, ob Randyll es sich nicht zurückholen werde und Sam erwidert, das dürfe er gern versuchen. Hiermit ist Sams Entwicklung vom feigen, dicken „Loser“ zum bewundernswerten Helden komplett: Er kann Bösewichte töten, Mädchenherzen gewinnen und es zudem noch seinem verhassten Vater heimzahlen. An sich ist daran nichts auszusetzen: GoT zeigt, dass auch ein unwahrscheinlicher Held „es“ schaffen kann. Aber was schafft er eigentlich? Vollständig dem Männlichkeitsideal von Westeros zu entsprechen. Am Ende hat Sam eine Frau und ein richtig cooles Schwert – und den Machern von GoT ist es gelungen, die Kritik am Männlichkeitswahn von DLvEuF in ein Loblied auf traditionelle Männlichkeit umzukehren.

Wer wissen möchte, wie es weitergeht oder sich eine eigene Meinung bilden will: Staffel 7 von „Game of Thrones“ startet ab Sommer auf Sky.

Bildnachweis:

Game Of Thrones Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Sky © [2016] Helen Sloan/Home Box Office, Inc. All rights reserved. HBO® and all related programs are the property of Home Box Office, Inc. / Sky.

A Song Of Ice And Fire Fan-Art mit freundlicher Genehmigung von Paolo Zavala (Jeupe) und Daniel Tarrant.

Feline mag schlechte Wortwitze, queerfeministische Medienkritik und Weißwein. Sie freut sich bereits auf ihr späteres Leben als merkwürdige alte Frau mit sehr vielen Katzen.

One thought on “Samwell Tarly: Memme oder Macho?

  1. Ich hab zwar nach dem zweiten oder dritten Band aufgehört, „A Song of Ice and Fire“ zu lesen, aber die Serie hatte es mir noch weniger angetan. Dein Post hat mir gerade wieder sehr deutlich gezeigt, warum das so ist.
    Zwar ist Westeros zutiefst von richtig üblen Männlichkeitsbildern und übermächtigem Patriarchat gekennzeichnet, aber trotzdem schafft Martin es, seinen weiblichen Charakteren Agency zu geben und seine männlichen Charaktere gegen das vorherrschende Bild verstoßen zu lassen – gerade auch Charaktere, die man schätzt. Das mochte ich an den Büchern – aber in der Serie war davon so verdammt wenig zu spüren…

    Liebe Grüße
    Sabrina

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