Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 4: Die zweite Welle

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 4: Die zweite Welle

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Mitte des 20. Jahrhunderts sah es für die Rechte von Frauen* in der westlichen Welt schon wesentlich besser aus als um die Jahrhundertwende. Die Vorkämpfer*innen der so genannten ersten Welle der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert hätten sich gefreut. Vieles war erreicht worden. In den meisten Ländern war das Frauenwahlrecht zum Normalfall geworden. Frauen* durften Bildung genießen und an die Universitäten gehen. Üblicher war auch, dass Frauen* Erwerbsarbeit nachgingen – gerade im Krieg, wenn die Männer* an der Front waren. Als die Männer* allerdings aus dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, gab es einen Rückschritt, der die Frauen* wieder ins Haus zurück verbannte. Trotzdem hatte sich insgesamt viel getan.
Doch was auf dem Papier als verbesserte Rechte erschien, war noch lange nicht genug. Als die Gesellschaft sich in den 60er Jahren zu wandeln begann, begehrte auch die Frauenbewegung auf. Es entstand das, was wir heute die zweite Welle des Feminismus nennen.

Das “andere Geschlecht”

1949 erschien ein bahnbrechendes Buch der französischen Philosophin Simone de Beauvoir. Sein Titel war “Das andere Geschlecht”, und Beauvoir wies in ihm auf den vielleicht größten Missstand überhaupt hin: Der Mann* wird als die Norm angesehen, Frauen* dagegen sind eine Abweichung von dieser Norm, sie sind eben “anders”. Das hat enorme soziale Auswirkungen, stellte dieses Grundlagenwerk fest. Beauvoir wurde deswegen vor allem mit Aufkommen der Autonomen Frauenbewegung Ender der 60er Jahre zur Ikone. Sie war jedoch auch Kritik ausgesetzt: Sie würde den Mann* zur Norm erheben und Frauen* dazu auffordern, sich dem Manne* anzugleichen. Stattdessen sollten Frauen* doch lieber bestärkt werden, eine eigene Identität zu entwickeln. Dieser Diskurs ist nach wie vor aktuell. Er zeigt das Spannungsverhältnis zwischen Gleichheit und Differenz auf, in dem sich der Feminismus bewegt.

Mit den Studierendenprotesten in den USA und Europa wurden einige Themen angesprochen, die die soziale Ungleichheit von Mann* und Frau* besonders deutlich zeigten. Dabei ging es unter anderem um Mutterschaft und Hausarbeit, um häusliche Gewalt gegen Frauen* und das Recht auf selbstbestimmte Schwangerschaft – also Verhütung und Abtreibung.
Es bildeten sich weltweit Frauen*gruppen, Aktionsbündnisse, Frauen*cafés und -buchläden und im Rahmen der deutschen Frauenbewegung auch die “Weiberräte”, ein politisches Bündnis. Sie alle kämpften gegen verkrustete Strukturen.

The Golden Age of Marriage und Rechte für geschiedene Frauen*

In der Bundesrepublik der Nachkriegszeit schlossen 90% aller Menschen im heiratsfähigen Alter mindestens eine Ehe. Die Ehe wurde als die einzig denkbare und beste aller familiären Institutionen hochgehalten. Gewünscht war eine Rückkehr zu den traditionellen Geschlechterrollen, um die “natürliche Ordnung” wiederherzustellen. In Krieg und Nachkriegszeit hatten Frauen* ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen, waren Berufen nachgegangen und hatten die Gemeinschaft am Laufen gehalten. Nun wurden sie wieder auf ihren Platz verwiesen: “Ihr gehört ins Haus” war die Botschaft. Die Regierungen übrigens aller am Krieg beteiligten westlichen Nationen bekräftigten diesen Rückschritt. In der Werbung, in Film und Fernsehen wurde dieses Ideal ebenfalls transportiert.

Leider war die Ehe aber kein Zusammenschluss gleichberechtigter Partner*innen. Stattdessen war der Mann* ganz natürlich als Haushaltsvorstand für alle wichtigen Entscheidungen verantwortlich. Bis in die 70er Jahre hinein durfte der Ehemann* darüber entscheiden, ob seine Frau* einem Beruf nachgehen durfte. Ehescheidungen gab es wohl – aber sie funktionierten noch nach dem Schuldprinzip. Vereinfacht gesprochen: Wer die Scheidung veranlasste, war „schuld“ und dem standen auch keine Unterhaltszahlungen zu. Frauen*, die sich scheiden ließen, standen also ohne eine finanzielle Absicherung da. Und da viele nicht berufstätig waren und sich nicht selbst versorgen konnten, waren sie in ihren Ehen gefangen.

Gewalt gegen Frauen*

Häusliche Gewalt war Privatsache und nicht unter Strafe gestellt – die Vergewaltigung in der Ehe war sogar bis in die 90er Jahre in Deutschland nicht strafbar. Die Frau* “gehörte” ihrem Mann*, und dieser hatte damit ein Anrecht darauf, ihren Körper zu benutzen, auch wenn das so natürlich niemand formuliert hätte. Stattdessen sprach man lieber von “ehelichen Pflichten”.
Häusliche Gewalt wurde lange nicht thematisiert. Als Frauen* begannen, sich zusammen zu tun und über sich zu sprechen, fanden sie Gleichgesinnte und andere Betroffene. So stellte sich heraus, dass für viele die Familie eben nicht Schutz- und Rückzugsraum war, sondern eine permanente Bedrohung. In den 70ern begannen deswegen Feministinnen* in vielen größeren deutschen Städten, Frauenhäuser zu gründen, die Betroffenen Schutz boten.

Das Recht auf selbstbestimmte Schwangerschaft

Bis die Anti-Baby-Pille in den 60ern auf den Markt kam, gab es kaum sichere Möglichkeiten zur Schwangerschaftsverhütung. Abtreibungen waren (in Deutschland dank §218) unter bis zu fünfjährige Haftstrafe gestellt. Wer eine durchführen wollte, fand natürlich trotzdem einen Weg – ob bei einem Hinterhof-Arzt, mit der Stricknadel oder anderen gesundheitsgefährdenden und entwürdigenden Methoden. In anderen Ländern sah es nicht viel besser aus, und so starteten französische Feministinnen*, unter ihnen einige berühmte Frauen* wie Catherine Deneuve, eine Kampagne, in der sie öffentlich zugaben, abgetrieben zu haben. Diese Aktion wurde etwas später in Deutschland wiederholt: Auf der Titelseite des Magazins STERN sagten bekannte Frauen (wie Senta Berger und Romy Schneider) “Wir haben abgetrieben”. Gerade weil es bei einigen nicht stimmte und als Solidaritätsbekundung mit Betroffenen gelten sollte, schlug das Thema enorm in der Öffentlichkeit ein.
Auch in den USA forderte die Frauenbewegung ein: “Mein Bauch gehört mir”.

Einen erbitterten Kampf später gibt es in all diesen Ländern mittlerweile unter bestimmten Bedingungen eine Straffreiheit für den Abbruch von Schwangerschaften. Doch wie das aktuelle Beispiel USA zeigt, ist der Kampf noch immer nicht zu Ende gefochten: Konservative Kräfte versuchen weiterhin, das weibliche* Recht zu beschneiden, über den eigenen Körper entscheiden zu können.

Intersektionalität

In den USA wurden in den 60er und 70er Jahren vermehrt Stimmen aus der Black-Movement-Bürgerrechtsbewegung laut, die den bürgerlichen und weiß dominierten Feminismus kritisierten. Women* of Color (also Frauen* mit anderer Hautfarbe als weiß, abgekürzt WoC*) mussten nicht dafür kämpfen, dass sie endlich erwerbstätig sein durften – sie hatten in ihrer Geschichte oft keine andere Wahl gehabt. Auch über das Recht auf Abtreibung und Verhütung konnten WoC* oft ebenfalls nur die Stirn runzeln. In den USA gab es nämlich ein Gesetz zur Ermöglichung von Zwangssterilisation von Minderheiten. Die weißen Feminist*innen ließen das in ihren Forderungen nach mehr Selbstbestimmung völlig außen vor.
Zum ersten Mal wurde der Begriff Intersektionalität benutzt, der mit “Überkreuzung” übersetzt wird. Gemeint sind Mehrfachdiskriminierungen, etwa wegen Geschlecht, Hautfarbe und Klassenherkunft. Diese Sichtweise rüttelte auch die Frauen*bewegung auf. Nicht alle sahen die Notwendigkeit, die Lebensrealität und besondere Diskriminierung von Women* of Color mitzudenken.

Mittlerweile ist eine intersektionale Sichtweise im modernen Feminismus eigentlich selbstverständlich (auch wenn es an dieser Stelle in der Umsetzung noch manchmal hakt). Es geht nicht nur um das Geschlecht, auch Hautfarbe, Klasse, Alter, sexuelle Orientierung oder verschiedene Körpernormen spielen eine Rolle. Und alle sind verschränkt mit dem ursprünglichen Anliegen der Frauen*bewegung: Sich von der Dominanz einer privilegierten Gruppe zu befreien und für gleiche Rechte und Chancen kämpfen.

 

Quellen und Tipps zum Weiterlesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Feminismus#Zweite_Welle
https://de.wikipedia.org/wiki/Golden_Age_of_Marriage
1949: de Beauvoir, Simone: “Das andere Geschlecht”
2011: Karl, Michaela: “Die Geschichte der Frauenbewegung”
2015: Patu/Schrupp, Antje: “Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext”

 

Weitere Artikel aus der Reihe:

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 1: Die Aufklärung

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 2: Erstes organisiertes Aufbegehren

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 3: Frauenwahlrecht

Vero ist Nerd, Weltverbesserin und manchmal Zynikerin. Meistens ist sie pragmatisch, manchmal ideologisch. Sie hat Respekt für Andersdenkende, aber kein Verständnis für soziale Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Deswegen schreibt sie gegen verkrustete Strukturen an und versucht ansonsten, es einfach besser zu machen und ein gutes Vorbild zu sein.

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