Männer*, Kekse und Feminismus

Männer*, Kekse und Feminismus

Lange wurde Feminismus als Frauen*sache verstanden. In letzter Zeit bezeichnen sich jedoch auch immer mehr Männer* öffentlich als Feministen* und positionieren sich gegen Sexismus. Gerne werden die neuen männlichen* Allianzen in Artikeln erwähnt und bekommen so sprichwörtlich die Beachtungs-Kekse der Medien. Auch wenn es grundsätzlich gut ist, wenn feministische Themen eine größere Aufmerksamkeit erhalten – sind die neuen Feministen* wirklich immer hilfreich?

Schaut man sich genauer an, welche Argumente teilweise genannt werden, wenn Männer* sich für Feminismus einsetzen, muss man daran zumindest zweifeln. Pseudofeministische Ansichten wurden nach der Silvesternacht 2015/16 gerade aus rechtspopulistischen Kreisen in großer Zahl öffentlich geäußert und verbreitet. Es wurde viel diskutiert, ob die Forderung nach dem Schutz deutscher Frauen vor „gefährlichen Männern“ aus anderen Kulturkreisen[1] vor allem ein Vorwand war, um Rassismus salonfähig zu machen. Doch auch mit aktuellem Feminismus haben rechte pseudofeministische Vorstellungen nicht viel gemeinsam. Denn der betrachtet aus einer intersektionellen Perspektive verstärkt die Verschränkungen verschiedener Diskriminierungen. Vielmehr wird verschleiert, welche indirekten Diskriminierungen es gerade in rechtskonservativen Kreisen noch immer gibt, indem die deutsche Gesellschaft als Paradies der Gleichstellung dargestellt wird.

Doch auch in gut gemeinten Artikeln, die von Männern* verfasst werden, steckt häufig ein problematisches Verständnis von Feminismus. Als Antwort auf die rechten Vereinnahmungen des Kampfes für Frauen*rechte erschien im Frühjahr 2016 beispielsweise ein Artikel bei Zeit-Online[2]. Er wandte sich zwar explizit gegen rassistische Positionen, beinhaltete jedoch einige problematische Motivationen dafür, sich als Mann* Feminist* zu nennen. In ihrem Text suchen die beiden Autoren gezielt nach Gründen, warum sich auch Männer* für feministische Themen einsetzen sollten. Bereits im Teasertext fassen sie zusammen: „Besserer Sex, gerechtere Welt: Es lohnt sich für Frauenrechte zu kämpfen.“

 

Feminismus als Mittel zur besseren sexuellen Befriedigung von Männern*?

 

Moment. Um wen geht es denn hier eigentlich? Das scheint nicht immer ganz klar zu sein, wenn die neuen männlichen* Frauen*rechtler anfangen, Sexismus von ihrem Standpunkt aus verhindern zu wollen. Ein solches Verständnis ist aus mehreren Gründen problematisch. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen häufig nicht mehr die Betroffenen sexistischer Strukturen und Verhaltensweisen sondern männliche* Helden, die sich für den Schutz von Frauen* einsetzen. Das erinnert an patriarchalische Verhältnisse, in denen starke Männer* für den Schutz „ihrer“ Frauen* verantwortlich sind. Gleichzeitig werden binäre Geschlechterdifferenzen und Erzählungen festgeschrieben, die die Unterschiede von Männern* und Frauen* erklären. Artikel von Männern* für Männer* über Feminismus verschieben auch die Definitionsmacht in Bezug auf feministische Themen: Indem Männer* über Frauen*rechte sprechen, kommen die eigentlich von Sexismus Betroffenen nicht zu Wort. Stattdessen verbreiten die neuen Feministen* ihr Bild von einer geschlechtergerechten Gesellschaft – aus einer männlichen* Perspektive.

 

Wer spricht für wen?

 

Auch wenn die Versuche, Sexismus abzubauen, aus einer positiven Motivation erfolgen mögen: Lässt sich in diesem Sprechen für andere und in den eigennützigen Gründen, sich als Mann* für Feminismus einsetzen, nicht auch eine Form von geschlechtlicher Unterdrückung erkennen?

Der Begriff „Mansplaining“ umschreibt diese Tendenz, dass Männer* für Frauen* sprechen, statt sie selbst zu Wort kommen zu lassen und meint das Phänomen männlich* dominanten Redeverhaltens[3]. Gerade (feministische) Online-Magazine und Blogs verwenden Mansplaining immer wieder, um darauf aufmerksam zu machen, dass verborgene sexistische Strukturen noch immer eine Rolle spielen und tief verankert sind. Das gilt dementsprechend auch für progressive, alternative und linke Kontexte, in denen eine grundsätzliche Sensibilität für feministische Themen bestehen sollte. Wenn die Benachteiligung von Frauen* beispielsweise auf Plenarsitzungen zu großen Teilen von Männern* diskutiert wird, stellt sich die Frage, wer eigentlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht: Frauen*, die besser beteiligt werden sollen oder Redner*, die sich mit feministischen Aussagen profilieren können?

 

Feminismus als Ausrede

 

Im Jahr 2014 erregte die Kampagne „#HeForShe“ große Aufmerksamkeit. Unter dem Hashtag bezeichneten sich prominente Männer* als Feministen und wurden dabei für ihr Engagement vor allem von den Medien gelobt, während über feministische Aktivistinnen* weitaus seltener berichtet wird. Mit Feminismus können sich also, so scheint es, vor allem Männer* profilieren. Dabei erklären sie öffentlich ihr Verständnis von Gleichstellung und werden für progressives Denken gefeiert – und erneut bekommen die, die eigentlich von Sexismus betroffen sind und sich dafür einsetzen, von den Keksen, die die Medien zu vergeben haben, nichts ab.

Auch ein Blick auf die Unterzeichner* der Kampagne lohnt sich. Der Ministerpräsident der Niederlande, Mark Rutte, gehört beispielsweise zu den Gründungsmitgliedern, während die Bezahlung von Männern* und Frauen* in seinem Land gleichzeitig besonders stark auseinander liegt.[4] Provokant ließe sich fragen, ob Feminismus für Männer* nur eine Möglichkeit darstellt, „das Frauenthema abzudecken“, um sich nicht ernsthaft für Gleichstellung einsetzen zu müssen. Mit dieser Annahme könnte auch erklärt werden, warum Donald Trump immer noch behaupten kann, dass ihm Frauen*rechte wichtig sind, obwohl frauen*verachtende Videos von ihm kursieren und er seine Mitarbeiterinnen* dazu auffordert, sich „wie eine Frau zu kleiden“[5]. Oder warum der Sänger Pharrell Williams in seinem Lied Blurred Lines davon singt, dass Frauen* natürlicherweise Tiere sind[6] und gleichzeitig behaupten kann, sich für Feminismus einzusetzen.[7]

 

Attraktives Label

 

Die Autoren des Zeit Online-Artikels sind überzeugt: „Feministen sind cool.“ Doch wenn Feminismus als Label verwendet wird, um als Mann* Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, schaden die neuen Feministen* oft mehr als sie nützen. Besonders skurrile Ausprägungen dieses eigennützigen Schein-Feminismus sammelt der Blog „Male Feminists of Tinder“ (http://malefeministsoftinder.tumblr.com/). Hier werden Profile zusammengestellt, in denen Männer* sich als Feministen bezeichnen, um Frauen* aufzureißen – getreu der Idee, dass Feminismus letztlich zu besserem Sex führt.

Die Beispiele zeigen: Auch wenn es wünschenswert ist, dass feministische Themen öffentlich stärker thematisiert werden, sind nicht alle Unterstützungsversuche von sich aus gut. Besonders kritisch wird es, wenn der Begriff Feminismus selbst dazu verwendet wird, geschlechtliche Unterdrückung zu verschleiern und sexistische Gründe, sich Feminist* zu nennen, im Mittelpunkt stehen.

 

Doch wie geht es besser?

 

Ein paar einfache Regeln könnten helfen, dass männliche* Allianzen für den Feminismus wirklich sinnvoll sind. Statt sich in den Mittelpunkt zu stellen, wäre es angebracht, dass Männer* Frauen* zu Wort kommen lassen und zuhören statt zu erklären. Die Erfahrungen derer ernst zu nehmen, die von Sexismus betroffen sind, sie zu unterstützen und nicht selbst die Aufmerksamkeit zu beanspruchen, kann helfen, geschlechtliche Unterdrückung abzubauen. Und nicht zuletzt gehört zu feministischem Engagement immer auch, die eigenen Privilegien zu reflektieren und eigenes sexistisches Verhalten zu verhindern. Selbst wenn sich Fehler nicht immer vermeiden lassen, könnten Männer* so wirklich sinnvolle Unterstützer* feministischer Ziele sein.

Zuletzt ein wenig Selbstkritik: Auch wenn ich mich nicht vollständig als Mann identifiziere, wurde ich doch häufig als Junge wahrgenommen. Privilegien, die aus gesellschaftlichen Geschlechtsvorstellungen hervorgehen, beeinflussen damit auch mich und mein Verhalten. Aus dieser Perspektive zu schreiben, erfüllt einige der Kriterien, die ich weiter oben kritisiert habe. Dennoch habe ich bewusst versucht, nicht über feministische Inhalte zu schreiben und diese zu definieren oder zu erklären. Stattdessen, so hoffe ich, soll mein Text eher als Hinweis (gerade auch an Männer*) verstanden werden, dass es durchaus negative Auswirkungen haben kann, sich als Feminist* zu bezeichnen.

 

[1] Ein solcher Kommentar von Birgit Kelle, in dem sie mehr „feministische“ Empörung nach der Silvesternacht fordert, findet sich hier: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2016/aufschrei-0-0-wenn-die-feministische-empoerung-ausbleibt/

[2] http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-02/feminismus-maenner-sexismus-gleichberechtigung-vorteile-lebensqualitaet

[3] Beispielsweise höhere Redeanteile, Unterbrechen, lautere Stimme und belehrende Sprache.

[4] http://www.iamexpat.nl/read-and-discuss/expat-page/news/gender-pay-gap-netherlands-higher-eu-average

[5] https://www.pinknews.co.uk/2017/02/06/trumps-white-house-dress-code-means-female-staff-need-to-dress-like-women/

[6] „But you’re an animal / Baby, it’s in your nature“

[7] http://time.com/3594899/pharrell-admits-feminism-buzzfeed/

 

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