Liebe weiße Feminist*innen!

Liebe weiße Feminist*innen!

Die Zeit zu kämpfen ist jetzt: Einen Tag nach der Vereidigung Donald Trumps zum 45. US-Präsidenten gingen in den USA und weltweit so viele Frauen* wie noch nie auf die Straße, um für Gleichstellung, das Recht über den eigenen Körper, gegen Rassismus, Hass und Fremdenfeindlichkeit zu demonstrieren. Begleitet wurden diese Women’s Marches von Plakaten, Slogans und T-Shirts, die hart, aber auch oft humorvoll verkürzt mit Trump und seiner Politik ins Gericht gingen.

Wenn die Gefühle hochkochen kann jede Auseinandersetzung hässlich werden – auf beiden Seiten. Dass Trump ein Frauen*feind ist, der alles hasst, was nicht so weiß, heterosexuell und moderat christlich ist wie er, steht nicht zur Debatte. Auch nicht, dass die Absicht der Frauen*, die am Samstag nach der Vereidigung durch die Straßen der Welthauptstädte zogen, gut war. Dennoch ist in den Tagen nach den Women’s Marches Kritik an den Protestierenden laut geworden, und das vor allem aus den eigenen Reihen. Die wortwörtlich plakative Dämonisierung Trumps verpasse die Gelegenheit für fundierte Kritik an seiner Politik. Und insbesondere Women of Color (so der internationale Sammelbegriff für nicht-weiße Frauen*) und Trans*frauen meldeten sich zu Wort: Der Feminismus weißer cis-Frauen* sei nichts als symbolisch und übertöne die Stimmen der Frauen*, die besonders unter Trumps neuer Politik leiden werden.

Auch ich bin am 21. Januar gegen Trump auf die Straße gegangen. Für alle Frauen*, dachte ich. Mir danach anhören zu müssen, dass mein Feminismus in einer privilegierten Blase stattfindet, weil ich weiß bin und eine Frau, die das Glück hatte, mit weiblichen* Geschlechtsorganen auf die Welt gekommen zu sein, ist unangenehm. Aber es ist, wie Eliza Skinner es in einem Tweet auf den Punkt bringt, auf die Art unangenehm, wie wenn man darauf hingewiesen wird, dass man noch Essensreste zwischen den Zähnen hat. Im Grunde ist diese Kritik ein Gefallen – und eine Gelegenheit, es in Zukunft besser zu machen.

Wie können wir als weiße cis-Frauen* unseren Feminismus besser machen?

Die Arbeit fängt beim Plakate schreiben an und hört da noch lange nicht auf.

Vermeiden: VIVA LA VULVA! PUSSY GRABS BACK! PATRIARCY IS FOR DICKS!

Geschlechtliche Identität mit Geschlechtsorganen gleichzusetzen ist eine Praxis, die sich besonders im sex-positiven Feminismus erstaunlich hartnäckig hält. Die Idee, die Tabuisierung von weiblicher* Sexualität zu durchbrechen, indem man weibliche* Geschlechtsorgane sichtbar macht, ist naheliegend und effektiv. Andererseits geraten genau diese wandelnden Vulvas und die Hyperfokussierung auf die „Pussy“ (angelehnt an Trumps übergriffigen Kommentar „Grab’em by the pussy!“) zu Recht in Kritik. Es gibt Frauen*, die keine Vagina, keine Gebärmutter und keine Eierstöcke haben, deshalb sind sie nicht weniger Frauen*. Im Umkehrschluss ist es genauso verkehrt, den Penis als Ausschlusskriterium für Weiblichkeit* und als definitives Merkmal für Männlichkeit* zu benennen. Geschlechtsidentität geht weit über primäre Geschlechtsorgane hinaus. Slogans, die den Irrglauben unterstützen, dass alle Frauen* eine Vagina haben und alle Menschen mit Vaginas Frauen* sind, klammern die Erfahrungen von Trans*menschen aktiv aus, obwohl gerade ihre Rechte unter Trump besonders in Gefahr sind.

Stattdessen: Wir möchten für die reproduktiven Rechte von Menschen mit Vaginas, Eierstöcken und Gebärmuttern kämpfen? Lasst uns das tun, ohne anhand dieser biologischen Merkmale eine Aussage über die Geschlechtsidentität der Menschen zu treffen, für die wir kämpfen. Wir wollen das Patriarchat kritisieren? Lasst uns das Patriarchat kritisieren – und nicht pauschal alle „Penisträger“. Wir möchten Aufmerksamkeit auf die Vorwürfe des sexuellen Übergriffs und der Vergewaltigung lenken, denen Trump sich stellen muss? Lasst uns symbolische Pussy-Hats stricken, aber auf PUSSY GRABS BACK verzichten. Denn im Ernst, wollen wir tatsächlich Gleiches mit Gleichem vergelten und dabei auch noch die Vorstellung zementieren, dass die biologischen Geschlechtsorgane immer der Geschlechtsidentität entsprechen? Klar, der Slogan bezieht sich auf ein konkretes Zitat Trumps und ist deshalb weniger verallgemeinernd als er zunächst scheint. Aber es gibt differenziertere Möglichkeiten des Protests, die die Erfahrungen unserer Trans*schwestern nicht unter den Tisch fallen lassen.

Vermeiden: #SAVEMELANIA

Verursacht es Würgreiz, wenn Trump über seine Tochter Ivanka wie über ein Stück attraktives Fleisch spricht? Mit Sicherheit. Die Kritik daran sollte sich aber gegen Trump richten, nicht gegen die Tochter. Ebenso fehlgeleitet ist, wenn wir aus dem Wunsch heraus, Trump zu kritisieren, seine Frau Melania und seinen zehnjährigen Sohn Barron beleidigen. Witze darüber, dass Melania eine russische Sexarbeiterin ist, dass sie häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, dass sie nicht genug Englisch kann, um ihren Ehemann zu verlassen, schaden am Ende nur einer, und das ist Melania. Sich über ihre Herkunft, ihr Aussehen, ihre Nacktfotos, und, ja, die Wahl ihres Ehemannes lustig zu machen, ist nicht Satire, sondern Frauenfeindlichkeit. Noch dazu kehrt es elegant unter den Teppich, dass Melania durchaus eine politische Agenda hat, die über die Wahl ihres Outfits hinaus geht. Auf dieser Ebene sollten wir sie kritisieren, und auf keiner anderen. Derweil wird Trumps zehnjähriger Sohn Barron aus der Entfernung bestenfalls als autistisch diagnostiziert und schlimmstenfalls als zukünftiger Amokläufer. Dass das Verhalten eines Kindes unter enormem Druck nicht unter die Lupe der Öffentlichkeit gehört und über jegliche politisch motivierte Kritik erhaben ist, sollte dabei eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Der Junge kann nun wirklich nichts für seinen Vater.

Stattdessen: Fokussieren wir uns auf die, die aktiv mit Trump zusammenarbeiten, weil sie eine politischen Positionen unterstützen oder von seinem Amt profitieren. Das sind die, die es zu bekämpfen gilt, deren Schritte wir verfolgen und deren Entscheidungen wir hinterfragen müssen. Die, die eine neue Nazi-Bewegung mal eben in „alt-right“ umtaufen, die die Presse zum Lügen-Schreiben knebeln und Wissenschaftler*innen und Klimaaktivist*innen das Wort verbieten wollen. Michael Pence, Steve Bannon und Trumps versammeltes Kabinett gehen uns durch die Lappen, während wir darüber spekulieren, ob Melania Trump eigentlich eine glückliche Ehe führt. Die privaten Entscheidungen Melania Trumps haben in der politischen Debatte um Trump keinen Platz, und erst recht nicht in einem feministischen Protest gegen seine sexistische Politik. Und sollte sie tatsächlich so unglücklich sein, wie die Memes behaupten, hat Melania nicht unseren Spott verdient, sondern unsere Solidarität.

Vermeiden: KEEP YOUR TINY ORANGE HANDS OFF MY RIGHTS! WE SHALL OVERCOMB!

Die Variationen hierauf sind endlos, der Grundtenor bleibt der gleiche: Donald Trump hat kleine Hände, einen orangen Spray-Tan, ein blöd aussehendes Toupet, er ist dick und seine primären Geschlechtsorgane sind, so die populäre Vermutung, klein. Über seine Politik sagt das nichts aus. Über seine Qualitäten als Mensch auch nicht. Stattdessen begibt sich diese Form des Protests auf das gleiche Niveau, auf dem Trump bei jeder Gelegenheit um sich schießt: die Herabwürdigung des Gegners durch die Beleidigung von Äußerlichkeiten.

Stattdessen: Trumps Eitelkeit verletzen? Bitte gern. Das geht aber auch ohne die Größe seiner Geschlechtsorgane zur Debatte zu stellen. Etwa indem wir die Welt nicht vergessen lassen, wie spärlich besucht Trumps Vereidigungszeremonie im Vergleich zu der Barack Obamas war. Am Ende sollten wir aber priorisieren: gehen wir gegen Trumps narzisstische Persönlichkeit ins Feld oder gegen seine politischen Inhalte? Letztere fordern umfassende Information und eine präzisere Positionierung als nur einen vagen Tritt Richtung unterhalb der Gürtellinie.

Vermeiden: die Kritik von Minderheiten übertönen.

Als weiße Frauen* sind wir in Deutschland in der Mehrheit. In den USA waren weiße Frauen* sogar so in der Mehrheit, dass ihre Stimmen ausschlaggebend zum Wahlsieg Donald Trumps beigetragen haben. Auf den Women’s Marches haben insbesondere Women of Color auf diese ungemütliche Wahrheit hingewiesen und damit nicht nur positive Resonanz geerntet. Spalterisch seien diese Kommentare und richteten sich an die Falschen. Die weißen Frauen*, die am 21. Januar gegen Trump protestierten, seien wohl kaum für seinen Wahlerfolg zur Verantwortung zu ziehen. Sind sie nicht? Rein statistisch haben 53% der weißen Amerikanerinnen* für Trump gestimmt, die Wahrscheinlichkeit, eine davon im Verwandten- und Bekanntenkreis zu finden, ist also hoch. Politische Einflussnahme geht über das Malen von Transparenten und medien- und Instagram-wirksames Marschieren hinaus. Wenn wir mit der politischen Konfrontation nicht bei unseren Nachbarinnen*, unseren Tanten*, unseren Schwestern* und Schulfreundinnen* anfangen, ist unser Protest nichts als symbolisch.

Stattdessen: Wir müssen unser Privileg erkennen und nutzen. Im Kampf gegen Donald Trump sind wir weiße, europäische Feminist*innen doppelt und dreifach privilegiert. Wir marschieren in Massen und in Frieden, während bei friedlichen Protesten in Ferguson und an der Dakota Access Pipeline mit Tränengas und Wasserwerfern gegen schwarze und indigene Protestierende vorgegangen wird. Wir sind Europäer*innen, wir haben noch nicht einmal die direkten Auswirkungen von Trumps Politik zu fürchten, sondern lediglich die Wellen, die träge über den großen Teich schwappen. Ich sage nicht, dass es deshalb falsch, heuchlerisch oder vergeblich ist, zu protestieren. Aber wir müssen verstehen, warum wir es tun. Wenn wir protestieren, tun wir es für andere. Weil wir als weiße Deutsche sicher sein können, dass wir kaum oder nur milde Unannehmlichkeiten zu fürchten haben, wenn wir in Deutschland gegen Trump auf die Straße gehen. Wir protestieren aus Solidarität. Wir dürfen nicht behaupten, dass wir einer genauso großen Gefahr ausgesetzt sind wie amerikanische Women of Color und Trans*frauen, wie medienwirksam das auch sein mag. Es ist unsere Aufgabe, Blicke zu lenken, und nicht, den Blick zu verstellen.

Im September ist in Deutschland Bundestagswahl. Spätestens dann ist mehr gefragt als symbolischer Aktivismus. Wir können nicht die Missstände in den USA anprangern, ohne in Deutschland unseren Teil als Bürger*innen eines demokratischen Staats zu tun. Wenn wir auch dann auf die Straße gehen, laut sind, unübersehbar sind, wenn wir auch dann nicht davor zurückschrecken, uns mit unseren Kommiliton*innen, unseren Verwandten, Freund*innen und Kolleg*innen über Politik zu streiten und wenn wir auch dann in Momenten der Wut und Verzweiflung den Respekt nicht vergessen, den wir uns selbst gegenüber einfordern, erst dann geht unser Feminismus auch über den Symbolwert hinaus.

Bildquelle: Oakland Women’s March (19 of 37) von jar[o] lizensiert unter CC by 2.0

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