Raus aus der Schockstarre!

Raus aus der Schockstarre!

Triggerwarnung: Der Artikel enthält persönliche Schilderungen sexualisierter Gewalt.

 

Direkt in der ersten Veranstaltung meines frisch begonnen Studiums habe ich Dennis [1] kennen gelernt. Dennis und ich, wir haben sofort funktioniert. Wir waren die Außenseiter*innen und das hat uns von der ersten Sekunde an zueinander gezogen. Ich habe sowas mit BWL studiert und war ein perfekter Vorzeigehipster mit Sidecut und ironisch getragener Leopardenprint-Leggins und lässigem Jutebeutel. Um mich herum im Vorlesungssaal: Vorzeige-Mädchen*-von-nebenan. Würde ich von meiner (konservativen) Oma zu Kaffee und Kuchen eingeladen werden, könnte ich eine dieser jungen Frauen* bitten, mich zu begleiten und meine Oma wäre entzückt. Ihr versteht, was ich meine. Und dann kam Dennis rein. Zu spät, mit Augenringen, bei denen ich meinen Glauben an Kaffee verloren habe und verstrubbelten Haaren. Übermüdet und orientierungslos ließ er sich zufällig neben mir fallen, ich habe ihm meine Notizen rüber geschoben, er hat gelächelt, wir haben sofort funktioniert.

 

Ich möchte dieses „Männer* und Frauen* können nicht nur Freund*innen sein“ immer noch nicht glauben.

 

Die Wochen danach: Das perfekte Beispiel dafür, dass die Freundschaft zwischen Frau* und Mann* eben doch funktionieren kann. Ich habe Dennis mit Mathe geholfen, er hat mich zu jeder Party der Stadt mitgenommen. Er in einer mal mehr mal weniger glücklichen Fernbeziehung, ich mit häufig wechselnden Sexualpartner*innen.

 

Dann, irgendein weiterer Wochentag mit Stunden am Schreibtisch. Dennis hat irgendwas mit komplexen Zahlen verstanden und wir freuen uns. Er sagt: „Hey, lass uns darauf anstoßen.“ Wir trinken ein Bier und dann noch eins und dann wird es schon spät und ich wohne ja auch am anderen Ende der Stadt. „Wenn du hier schlafen magst, kein Ding, weißt du, ne?“, sagt Dennis. Also machen wir es uns in seinem Bett gemütlich, groß genug ist es ja, schauen noch einen Film und ich schlafe friedlich ein. Es hätte das perfekte Beispiel für eine funktionierende Frau*-Mann*-Freundschaft sein können.

 

Irgendwann in der Nacht wache ich davon auf, dass Dennis sich mit meiner Hand einen runter holt. Ich bin nur halb wach und verwirrt und überfordert und nehme meine Hand weg, aber sage nichts. Auch am Tag danach nicht. In der Woche danach spricht Dennis es vorsichtig an, er entschuldigt sich und ich wische das weg: „Ach, so Sachen passieren halt, mach dir kein Stress“. Ich bin nicht mal sauer auf ihn.

 

Ich gehe nicht feiern, um an einem Paarungstanz teilzunehmen.

 

Einige Monate später: Dennis und ich sind nicht mehr befreundet. Auch okay. Ich kenne jetzt genug Menschen in dieser Stadt und weiß ja nun, wo all die hippen Clubs sind. Und ich gehe feiern – viel und gerne. Ein Samstag gegen Sommeranfang. Ich bin angetrunken und jemand legt wirklich guten Elektro auf und ich habe Lust zu tanzen. Plötzlich spüre ich, dass ein Mensch sich von hinten an mich heran tanzt. Das ist allgemein etwas, das ich seltsam finde. Mich erinnert das an Paarungstanz, nur dass im Tierreich normalerweise das Weibchen entscheiden darf und der männliche Umwerber sich nicht hinter ihr versteckt, sodass sie ihn nicht mal sehen kann.

Aber ich bin betrunken, also finde ich es weniger schlimm, dass da ein fremder Mensch seinen Körper gegen meinen Hintern drückt. Dann aber zwei Arme, die mich umgreifen. Eine um den Bauch, mit der Hand kurz davor unter mein Shirt zu wandern, die andere sehr plump direkt auf meinen Brüsten.

 

Inzwischen weiß ich mehr, als in dieser Nacht mit Dennis. Ich habe gelernt, dass ich Grenzen ziehen darf. Und da wurde eine Grenze endgültig überschritten. Also befreie ich mich von den fremden Armen und drehe mich um. Der Typ gefällt mir sogar, ich finde sein Lächeln attraktiv und hätte er nicht gerade meine Brüste begrapscht, wären wir vielleicht am Ende der Nacht sogar gemeinsam nach Hause gegangen. Aber so präge ich mir nur sein Gesicht ein und gehe zum Türsteher.

 

Der Türsteher ist riesig und schaut böse, aber das ist wohl auch sein Job. Ich zeige ihm den Typ und er geht hin und zu dritt stehen wir am Eingang. Der Typ sagt, es sei nur ein Missverständnis gewesen, ich hatte mich ja vorher nicht abgeneigt gezeigt. Und er wollte auch gar nicht meine Brüste anfassen, das war mehr ein Unfall, weil er ja auch betrunken ist und dann landen Hände manchmal nicht so, wo sie sollen. Der Türsteher verwarnt und sagt sowas wie: „Wenn das nochmal vorkommt, gehst du nach Hause“.

 

Wer zu oft Ja sagt, ist eine Schlampe. Wer Nein sagt, ist es auch.

 

Ich bin zufrieden damit. Denn ich habe zwar verstanden, dass ich über meine Grenzen bestimmen darf – aber noch nicht, dass es nicht ohne Konsequenzen bleiben sollte, wenn ein Mann* diese überschreitet. In diesem Moment jedenfalls wäre die Situation für mich geklärt gewesen. Ich gehe zur Bar, noch einen Gin Tonic holen. Wer sich das an dieser Stelle fragen sollte: Ich trug eine dunkelgraue Skinny-Jeans, ein nicht sehr tief ausgeschnittenes T-Shirt mit Beatles-Print und, oh, roten Lippenstift – heißt das jetzt, dass ich selbst Schuld bin, wenn mir sowas passiert? Roten Lippenstift tragen nämlich nur Frauen*, die mit jeder*m ins Bett gehen, richtig?

 

An die Theke gelehnt gesellt sich der gleiche Typ von eben wieder zu mir. Ich ziehe die Augenbrauen hoch, will ausdrücken: „Was willst du noch?“ Er beugt sich näher an mich ran, sodass er mir direkt ins Ohr sagen kann: „Scheiß Schlampe“. Dann grinst er und geht. Und ich stehe da, wieder verwirrt, wieder überfordert. Der Barkeeper gibt mir einen Gin Tonic, ich nehme einen großen Schluck und gehe nochmal zu dem böse schauenden Türsteher. Wieder das gleiche Spiel: Ich erzähle, ich zeige, er holt, wir stehen zu dritt am Eingang. Der böse schauende Türsteher schaut immer noch böse, aber vielleicht auch ein bisschen genervt und ich bin mir nicht sicher ob von mir oder dem Typ. Dieser bestreitet jedenfalls irgendwas gesagt zu haben. Er meinte, er war nur an der Bar und hat ein neues Bier geholt. Er grinst wieder und zeigt auf sein volles Bier und geht dann einfach weg. Der Türsteher lässt ihn. Also ziehe auch ich ab.

 

„Sei doch nicht so empfindlich.“

 

Und die Situation war nicht geklärt. Auf dem Klo schmeiße ich mir Wasser ins Gesicht und ziehe danach den Lippenstift nach, ich fühle mich inzwischen stocknüchtern. Noch drei Mal tief durchatmen, zurück zu meinen Freund*innen und den Rest der Nacht genießen. So zumindest der Plan. Aber einige Männer* vertragen es wohl nicht so gut, wenn man sich nicht einfach so sexuell belästigen lässt. Also habe ich bald wieder Gesellschaft. Und eine Hand am Hintern, während sich ein Gesicht sehr nah an meins drängt. Danke nein, ich möchte nicht von dir geküsst werden.

 

Ihr könnt euch vielleicht schon denken, was nun passiert: Ich wieder zum Türsteher, der wieder am böse Gucken, ich wieder am Zeigen. Diesmal muss der Typ gehen. Er ist sauer deswegen. Er sagt so Sachen wie: „Sie hat genauso mit mir geflirtet!“ und „Aber schau sie dir mal an, wer hätte da nicht so reagiert!“ Alle anderen Männer* im Club haben nicht so reagiert, denke ich still und bin erleichtert, dass diese Nacht endlich wieder mir gehört. Dann ruft der Türsteher mich zurück.

 

Zuerst fragt er, ob ich okay bin. In mir lockert sich etwas und ich wiege den Kopf zur Antwort hin und her. Ich denke: Wie schön, der böse schauende Türsteher macht sich ehrliche Sorgen, das ist freundlich. Dann redet er weiter. „Weißt du, in Clubs passiert sowas dauernd. Wenn du da so empfindlich bist, vielleicht solltest du in Zukunft nicht mehr her kommen.“ Ich nicke, er klopft mir auf die Schulter und wünscht mir noch einen schönen Abend.

 

Feminismus macht mich stark. Aber vor Schockstarre schützt das noch nicht.

 

Wieder einige Monate später: Ich bin jetzt Feministin. Ich weiß jetzt, dass mein Körper nur mir gehört und nur ich die Entscheidungsmacht darüber habe, wer was damit machen darf. Ob ich deswegen anders in diesen beiden Situationen reagieren könnte? Keine Ahnung. Ich würde es gerne. Aber ich weiß zu gut, wie sehr dieser Moment von Ungläubigkeit, dass das gerade wirklich passiert, lähmt. Und gerade deswegen ist es umso wichtiger, dass wir über solche Erfahrungen sprechen. Sexualisierte Gewalt sind nicht nur Vergewaltigungen. Es geht nicht nur um zwielichtige Männer*, die Frauen* mitten in der Nacht auf dem Heimweg in einer dunklen Gasse auflauern. Es geht um Alltagsmomente und Freund*innen und Bekannte und Dinge, die jeden Tag passieren. Wir müssen so viel mehr über diese Erfahrungen sprechen – denn nur dann bemerken wir, dass wir mit ihnen nicht allein sind und können uns gegenseitig helfen damit umzugehen.

 

[1] Der Name wurde zum Schutz der Privatsphäre von der Redaktion geändert.

4 thoughts on “Raus aus der Schockstarre!

  1. Zitat: „Das ist allgemein etwas, das ich seltsam finde. Mich erinnert das an Paarungstanz, nur dass im Tierreich normalerweise das Weibchen entscheiden darf und der männliche Umwerber sich nicht hinter ihr versteckt, sodass sie ihn nicht mal sehen kann.“

    ich finde ehrlich gesagt seltsam, dass diejenigen, die angeblich für Gleichberechtigung sind, es nicht als seltsam empfinden, dass im Menschenreich nicht zur Abwechslung mal das Männchen entscheiden darf welche von den vielen weiblichen Umschwärmerinnen es auswählen darf.
    Mal ganz ehrlich, ich als Mann wünsche mir, dass auch ich mal ausgehen kann und nicht immer erwartet wird, dass der Mann derjenige sein muss, der immer den ersten Schritt macht. Es wäre doch mal eine konstruktive Idee, dass sich die Frauen endlich einmal in die aktive Rolle begeben und mich ansprechen würden, wenn ich schon die Tanzfläche betrete. Ich werde auch nicht gleich zum Türsteher gehen, wenn mich eine Frau an die Brust fasst.

    1. Natürlich haben auch Männer* das Recht, aus denen auszusuchen, die sie umwerben. Aber in diesem Artikel geht es nicht ums Flirten, denn wenn man jemanden einfach ungefragt anfasst und das auch nach wiederholter Aufforderung nicht unterlässt, dann hat das mit Flirten nichts zu tun. Das ist übergriffig, und zwar in jede Richtung. Deswegen sollte auch jeder Mann*, der einfach angefasst wird, selbstverständlich sagen, dass das nicht ok ist. Und im Zweifelsfall auch die Frau*, die so etwas tut, rausschmeißen lassen.
      Flirten und jemanden ansprechen oder auf der Tanzfläche Kontakt aufnehmen ist etwas völlig anderes, als jemanden zu belästigen. Ersteres sollten natürlich alle Geschlechter tun – letzteres allerdings niemand.

  2. Ein typischer Fall von „Whataboutism“. Das eigentliche Thema wird ignoriert und stattdessen mit einem anderen Thema argumentiert. Bei Feminismus gibt es dann meistens einen Kommentar „Und was ist mit den Männern?“, der nur oberflächlich was mit dem ursprünglichen Thema zu tun hat. In diesem Falle wurde die Übergriffigkeit einfach ignoriert und sich stattdessen darüber beschwert, dass Männer ja „nie“ angesprochen werden und sich nie aussuchen darf, „welche von den vielen weiblichen Umschwärmerinnen [er] auswählen darf“

    Das ist ein anderes Thema: Flirtverhalten.
    Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass auch Stephan nicht gerne wie die junge Studentin aus dem Artikel ungewollt angefasst und beleidigt werden will.

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