Kleine Geschichte des Feminismus Teil 3: Frauenwahlrecht

Kleine Geschichte des Feminismus Teil 3: Frauenwahlrecht

Hören statt Lesen? Geht auch:

Zwei der zurückliegenden Wahlen haben viele politisch Interessierte besonders beschäftigt: Die Präsidentschaftswahl in den USA und die Bundespräsidentenwahl in Österreich. Nach diesen beiden Wahlkrimis wurde ein Vorschlag wieder laut, den es bereits zu Jahresbeginn gab: Man könne ja Männern* das Wahlrecht entziehen. Denn die Statistik zeigt deutlich: Männer* wählen sehr viel stärker rechtspopulistisch und nationalistisch als Frauen*. (Beispiel Österreich) Das ist übrigens schon immer so, gab es doch beispielsweise in den USA mit Einführung des Frauenwahlrechts einen sprunghaften Anstieg für die Demokraten (nämlich um 20 %).

Natürlich denkt niemand ernsthaft daran, das Wahlrecht für eine Personengruppe einzuschränken. Vielmehr ist das laute Nachdenken darüber eine Art humorvoller Umgang mit der Ratlosigkeit, die sich breit macht. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass es durchaus auch Stimmen aus der rechtspopulistischen Ecke gibt, die ernsthaft vorschlagen, das Wahlrecht für Frauen* wieder abzuschaffen.

Heute dürfen Frauen*, genau wie Männer*, wählen, jeder volljährige Mensch mit deutscher Staatsangehörigkeit darf in Deutschland wählen. Wir halten das heute für selbstverständlich – aber blicken wir mal hundert Jahre zurück, war es das überhaupt nicht. Einen Überblick über die Einführung des Wahlrechtes in verschiedenen Ländern gibt es hier.

Wählen war auch für Männer* nicht immer selbstverständlich

Werfen wir mal einen Blick ins Europa des 18. Jahrhundert. Da war es auch für Männer* eher die Ausnahme, wählen zu dürfen. Wahlrecht war an einen gesellschaftlichen Stand und vor allem an Grundbesitz gekoppelt. Das Proletariat durfte nicht wählen, denn es besaß ja nichts. Stattdessen gab es aber in Ausnahmefällen auch Frauen*, die wählen durften – nämlich wenn sie Grundbesitz hatten, in der Regel vom Ehemann oder Vater geerbt. Diese Frauen* traf die Französische Revolution und der Ausruf der “Allgemeinen Menschenrechte” ziemlich hart. Denn die Menschenrechte waren eigentlich Männerrechte, und das allgemeine Wahlrecht galt eben nur für Männer*, egal welchen gesellschaftlichen Standes. Frauen* waren komplett ausgeschlossen (siehe zur Zeit der Aufklärung unseren ersten Teil der Feminismus-Geschichte).
Bis es in Frankreich zum allgemeinen Wahlrecht für Frauen* kam, dauerte es noch satte 153 Jahre!

1919: Deutsche Frauen* gehen wählen

Im Januar 1919 durften in Deutschland Frauen* zum ersten Mal wählen – und gewählt werden. Vor allem die SPD hatte für die Einführung des Frauenwahlrechts gekämpft, welches dann im November 1918 gesetzlich verankert wurde. Im ersten Anlauf wurden von 300 weiblichen Kandidatinnen* 37 in die Weimarer Nationalversammlung gewählt. Die Sozialdemokratin Marie Juchacz aus Berlin war die erste, die eine Rede hielt:

„Ich möchte hier feststellen …, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.”

Vorher hatte auch in Deutschland ein Mehrklassenwahlsystem gegolten. Frauen* und Fürsorgeempfänger*innen waren ganz ausgeschlossen. Das Mitspracherecht der Männer* war nach Höhe ihrer Steuern gestaffelt.

Eine der vehementesten Verfechter*innen für das Frauenwahlrecht war die Sozialistin Clara Zetkin. Sie stellte sich einer bürgerlich gemäßigten Bewegung entgegen, die eingeschränktes Frauenwahlrecht wollte. Sie wollte beides: Frauensolidarität über alle Parteigrenzen hinweg und gleichzeitig für eine klassenlose Gesellschaft kämpfen.

Frauenbewegung vs. Rassismus in den USA

Ähnliche Spannungsfelder ergaben sich in den USA, dort aber noch drastischer. Dort wurde einerseits 1869 das allgemeine Männer*wahlrecht eingeführt, das auch für schwarze Männer* galt. Die Südstaaten waren soeben im Bürgerkrieg unterlegen und ihr rassistisches Menschenbild war mit dem Wahlrecht für schwarze Männer* ganz klar abgewunken worden. Das wollten sich viele Männer* so nicht gefallen lassen und kämpften lieber für das Wahlrecht von Frauen*, als für das schwarzer Männer*.
So verbündeten sich rassistische Männer* mit radikalen Feministinnen* wie Susan Anthony und Elisabeth Cady Stanton, die nicht einsahen, dass “jeder Bimbo und Sambo” wählen dürfe, nur weil er ein Mann* sei, nicht aber gebildete Frauen*. Damit meinten sie in ihrem Rassismus natürlich weiße Frauen*, denn Weiße sahen sie als höherwertig an.

Nichtsdestotrotz gab es viele Feminist*innen, die das Wahlrecht für schwarze Männer* auch begrüßten, weil es ein wichtiger emanzipatorischer Schritt für die schwarze Bevölkerung war. Das Wahlrecht auch für Frauen* müsse aber der nächste Schritt sein.

Eine ganz interessante Geschichte zum Fortschritt des Frauenwahlrechts und wie vor allem Prostituierte ihren Anteil daran im “Wilden Westen” hatten, gibt es übrigens in diesem kurzen Filmchen: Link zu YouTube.

Das allgemeine aktive und passive Wahlrecht für Frauen* wurde in den USA übrigens erst im Jahr 1920 eingeführt. (Passives Wahlrecht bedeutet, als Kandidat*in gewählt werden zu dürfen, aktives Wahlrecht bedeutet, dass man seine Stimme abgeben darf.)

Suffragetten in Großbritannien: Militante Aktionen für das Frauenwahlrecht

Das Wort “suffrage” stammt ursprünglich aus dem Lateinischen und steht für Wahlrecht. Die in Großbritannien (später auch den USA) aktiven Frauenrechtlerinnen* wurden daher Suffragetten genannt und haben in ihrem Kampf für das Frauenwahlrecht bleibende Eindrücke hinterlassen. Sie wandten sich anfangs gegen die Zwangsuntersuchungen von Prostituierten zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten (nicht aber der Freier!) und zunehmend auch anderen politischen Themen zu. Ihr Kampf für das Frauenwahlrecht ist wohl der Hauptgrund, warum wir von dieser Zeit, nämlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als “die erste Welle des Feminismus” sprechen.

Die Suffragetten organisierten sich professionell. Sie rauchten in der Öffentlichkeit – ein Vorrecht von Männern* – sie demonstrierten, traten in Hungerstreik, ja, sie zogen sogar in bewaffneten Kampf und vollzogen Bombenanschläge, wie zum Beispiel auf die Westminster Abbey 1910. Eine ihrer Anhänger*innen war Komponistin Ethel Smyth, die die Hymne der Suffragetten beisteuerte: den “March of the Women”.

Die Bewegung war laut und radikal, und zeigte Wirkung. Zwar wurde der Kampf durch den ersten Weltkrieg unterbrochen, doch danach ging es weiter, und so erhielten Frauen* 1918 das eingeschränkte, 1928 das volle Wahlrecht in Großbritannien.

Überparteiliche Frauen*solidarität oder Parteipolitik?

Mit dem Vorstoß von Frauen* in die Politik wurde eine zentrale Konfliktlinie zum Thema, die auch heute noch Feminist*innen aller politischer Überzeugungen beschäftigt: Was wiegt schwerer – Parteipolitik oder parteiübergreifende Frauen*solidarität? Theoretisch ist die volle Gleichstellung von Frauen* ja in jeder demokratischen Partei Politikziel – schließlich steht es im Grundgesetz. In der Praxis gibt es da aber sehr große Unterschiede. Man ist sich sehr uneinig darüber, wie sehr die Politik eingreifen muss, um tatsächliche Gleichstellung zu schaffen. Und solange sich die Parteien nicht einig sind, wird es immer eine Entscheidung für politisch aktive Feminist*innen sein: Frauen*solidarität oder Parteipolitik? Ein gutes Beispiel für einen solchen Konflikt war der Streit über die Frauenquote in der Wirtschaft und der Vorstoß von Politiker*innen der CDU/CSU, sich in diesem Punkt vom Fraktionszwang zu befreien – also auch gegen die Linie ihrer Partei abstimmen zu können.

Quellen und Tipps zum Weiterlesen

2015: Patu/ Schrupp, Antje: “Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext”;
2011: Karl, Michela: “Die Geschichte der Frauenbewegung”;
https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenwahlrecht
http://www.ipu.org/wmn-e/suffrage.htm
https://www.lpb-bw.de/12_november.html

Weitere Artikel dieser Reihe

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 1: Die Aufklärung

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 2: Erstes organisiertes Aufbegehren

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 4: Die zweite Welle

Bildquelle: Public Library of Congress

Vero ist Nerd, Weltverbesserin und manchmal Zynikerin. Meistens ist sie pragmatisch, manchmal ideologisch. Sie hat Respekt für Andersdenkende, aber kein Verständnis für soziale Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Deswegen schreibt sie gegen verkrustete Strukturen an und versucht ansonsten, es einfach besser zu machen und ein gutes Vorbild zu sein.

4 thoughts on “Kleine Geschichte des Feminismus Teil 3: Frauenwahlrecht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.