Trans*personen in Indien Teil 1: Sheethal Nayak

Trans*personen in Indien Teil 1: Sheethal Nayak

Triggerhinweis: Der Artikel enthält persönliche Schilderungen sexueller Gewalt.

Menschen, deren Geschlechtsidentität über die gesellschaftliche Vorstellung von zwei existierenden Geschlechtern hinausgeht, werden in so genannten westlichen Gesellschaften (trotz bestehender Probleme) in letzter Zeit verstärkt wahrgenommen – nicht zuletzt durch die Aufmerksamkeit für berühmte „queere“ Vorbilder. Trans*identitäten gibt es jedoch nicht nur in Europa und den USA sondern in allen Teilen der Welt. Das wird häufig wenig wahrgenommen.

Diese Serie lässt daher in Portraits Transgender aus Indien zu Wort kommen. Sie berichten über ihre Coming-Out Erfahrungen und gesellschaftliche Probleme aber auch über Aktivismus, ihren Einsatz für größere Anerkennung und darüber, wie sie ihre Geschlechtsidentität wahrnehmen.

 

Ein „mädchenhafter“ Junge?

„Heute fühle ich mich sehr wohl, denn mein körperliches Aussehen passt zu meinen Gedanken und Gefühlen. Ich habe oft über mein altes, erstes Leben nachgedacht – ich habe immer gefühlt, dass ich eine Frau bin, aber mein männlicher Körper hat nicht dazu gepasst.“
Sheethal Nayak ist 38 und hat in Pondicherry im Süden Indiens 2003 die Organisation SCOHD Society gegründet, die sich für die Rechte und Akzeptanz von LGBTQ* einsetzt. Schon als Kind, so erzählt sie mir, wurde Sheethal unterbewusst klar, dass ihre Geschlechtsidentität nicht männlich ist. Mit sieben Jahren half sie ihrer Mutter beim Kochen, spielte mit Mädchen und wünschte sich Puppen statt Fußbälle: „Ich hab einfach immer die Jungs angeschaut und bewundert, aber ich war immer anders als sie.“
Mit der Zeit bekam Sheethal verstärkt negative Reaktionen aus ihrem sozialen Umfeld auf ihr Verhalten zu spüren. Ihre Mutter freute sich allerdings zuerst, dass ihr Kind ihre Freizeit nicht damit verbrachte, mit anderen Jungen zu kämpfen. „Wenn ich mit anderen Mädchen zuhause war, war sie immer sehr froh. Aber meine Brüder mochten das nicht. Irgendwann haben sie und ihre Freunde mich gefragt: ‚Was ist falsch mit dem, warum ist der so mädchenhaft?‘. Später haben sie mich beleidigt und geschlagen.“

 

Missbrauchtes Vertrauen

In dem kleinen Dorf, in dem Sheethal aufgewachsen ist, begannen die Leute, über ihr weibliches Verhalten und ihre Art, zu laufen, zu reden. Statt sich den gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen, zog sie jedoch mit 19 Jahren für ihr Ingenieurstudium nach Goa. Ablehnende Reaktionen begegneten ihr allerdings auch dort, sodass sie sich dafür entschied, zu einem Psychologen zu gehen. „Der Doktor hat dann gesagt: ‚Du bist gut, so wie du bist, das ist kein Problem.‘ Aber er hat mich dann missbraucht! Sexuell. Er hat mich in sein Zimmer gerufen und mich gezwungen, alle Dinge zu machen, die er wollte.“
Ihre Missbrauchserfahrung führt sie darauf zurück, dass im öffentlichen Verständnis Transgender häufig mit Sexarbeiter*innen gleichgesetzt werden und viele Menschen von dem Vorurteil überzeugt sind, dass nur heterosexuelle cisgender Menschen eine ernsthafte Beziehung führen können und wollen.

 

Ablehnung nach dem Coming Out

Im touristischen Goa fand Sheethal im Anschluss jedoch endlich Menschen, die ihre Geschlechtsidentität verstehen konnten. „Die haben mich unterstützt. Sie haben gesagt: ‚Geh nicht mehr zu Psychologen, nimm keine Tabletten. Du kannst so sein, wie du willst und das ist okay.‘ Vorher kannte ich ja niemanden, der so war wie ich.“
Nachdem sie sich durch den Austausch mit anderen Transgendern ihrer Geschlechtsidentität bewusst geworden war, erzählte Sheethal bei einem Besuch auch ihrer Familie, dass sie sich als Frau fühlte. Die Reaktionen ihrer Eltern und Geschwister waren jedoch alles andere als positiv. In neutralem Tonfall berichtet Sheethal von fehlender Akzeptanz und Misshandlungen: „Ich war sehr mutig und habe meiner Familie von meiner Transgender-Identität erzählt. Sie haben gesagt, dass das falsch ist und wollten mich zu meinem Bruder nach Dubai schicken, damit er auf mich aufpasst. Sie wollten mich verändern und haben mir dann auch meinen Pass weggenommen. Wenn Leute zu Besuch kamen, haben sie mich versteckt und erzählt, dass es mich nicht gibt. Einmal haben sie Kerosin über mich gegossen und versucht, mich anzuzünden. Irgendwann haben sie mich rausgeworfen und heute haben wir keinen Kontakt mehr.“

Gesellschaftliche Schwierigkeiten

Nach ihrem Coming Out wurde Sheethal klar, dass sie sich für andere Transgender einsetzen will, um Diskriminierung zu verringern. Die von ihr gegründete NGO stellt daher Gesundheitsangebote zur Verfügung und fungiert gleichzeitig als geschützter Ort, an dem sich Menschen verschiedener Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen austauschen können. „In unseren Communities haben wir Familienstrukturen, aber nur weibliche Beziehungen. Andere Transgender sind z.B. unsere Tanten, Mütter und so weiter und wir helfen uns wenn wir Probleme haben.“
Die Communities sollen vor allem dazu beitragen, Auswirkungen gesellschaftlicher Ausgrenzungen abzubauen. „Wir haben keine Schulbildung, wir haben keine Gesundheitsvorsorge, wir haben keine Orte, wo wir wohnen können, wir finden keine Arbeit und wir bekommen keine Unterstützung von der Regierung. Das sind die größten Probleme.“ Diese Formen direkter Diskriminierung lassen sich vor allem darauf zurückführen, dass gesellschaftliches Ansehen für viele Menschen eine große Rolle spielt. Was Nachbar*innen, Freund*innen und andere Menschen denken, wurde, so Sheethals Erklärung, auch für ihre Familie irgendwann so wichtig, dass sie es nicht ertragen konnten, dass ihr Kind nicht so war, wie es von der Gesellschaft erwartet wurde. „Die Menschen hier leben für die Gesellschaft, nicht für sich oder ihre Kinder. Und die meisten Leute denken, Transgender kommen irgendwie aus einer anderen Welt oder so. Deswegen reden viele gar nicht mit uns, weil sie Angst haben, was dann andere über sie denken können.“

 

Community statt Freund*innen von früher

Mit Freund*innen aus ihrem Dorf oder aus ihrer Studienzeit hat Sheethal deshalb heute keinen Kontakt mehr. Oft machte sie die Erfahrung, dass viele Menschen nichts mit Transgendern zu tun haben wollen oder erst gar nicht mit ihnen reden, weshalb Sheethal mittlerweile vor allem Zeit mit anderen Mitgliedern ihrer Community verbringt. Dennoch ist es ihr sehr wichtig, dazu beizutragen, dass Menschen besser über vielfältige Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen informiert sind. Durch Sensibilisierungsprogramme, beispielweise für Polizist*innen, möchte sie so das aus ihrer Sicht größte Problem verbessern: „Die Regierung in Indien ist so stolz, dass sie so viel anerkennt – aber keine Menschen! Denn Transgender sind ganz normale Menschen wie alle anderen und trotzdem akzeptieren sie uns einfach nicht.”

 

Anerkennung und Veränderung

Als ich sie nach einem Traum für die Zukunft frage, erzählt Sheethal, dass sie sich vor allem mehr Anerkennung für Menschen aller Geschlechtsidentitäten wünscht: „Ich will, dass an allen Ecken Leuten für Transgenderrechte kämpfen. Ich will dazu beitragen, dass alle meine Leute gut leben können und dass es egal ist, wie sie sind. Das wäre ein Erfolg für mich.“
Zuletzt erzählt sie mir noch von einer Situation, in der sie sich akzeptiert gefühlt hat: „Mein Freund akzeptiert mich, so wie ich bin und gibt mir Freiheit. Einmal hat er zu mir gesagt: ‚Okay, du bist eine Aktivistin. Du kannst machen, was du willst und so sein wie du bist, mir macht das nichts aus. Das ist völlig okay und ich unterstütze dich.‘“ Heute sind die beiden seit etwa zwölf Jahren zusammen und haben eine gemeinsame Tochter adoptiert – wenn auch noch nicht auf legalem Weg.

 


Anmerkungen

  • Die hier geschilderte Einschätzung der Situation in Indien bezieht sich auf Erfahrungen aus Pondicherry und kann aufgrund der politischen, sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Komplexität Indiens nicht generalisiert werden.
  • Der Begriff „Transgender“ wird hier vor allem als Eigenbezeichnung der portraitierten Personen verwendet, deren Geschlechtsidentität von ihrem bei ihrer Geburt zugewiesen Geschlecht abweicht. Er bildet jedoch nicht die Vielfalt verschiedener Trans*identitäten ab.

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