ROFU® Kinderland und ein Aufschrei gegen überholte Rollenbilder

ROFU® Kinderland und ein Aufschrei gegen überholte Rollenbilder

Ein Gastbeitrag von Marah Frech

Wir schreiben das Jahr 2016, um genau zu sein, es ist Anfang Dezember und die Weihnachtszeit hat begonnen. Geschäfte füllen sich mit bunten Spielwaren und potenziellen Geschenkideen, Handschuhe und Mützen haben es schon längst in die Auslagen der Geschäfte geschafft, die ersten Tannen schmücken Fußgängerzonen. Es liegt der Duft von Lebkuchen in der Luft.

Mit großen Augen blättern selbst die schon erwachsen gewordenen Kinder durch Spielzeugprospekte und schwelgen in Erinnerungen an vergangene Tage, an denen das Kribbeln im Bauch am Weihnachtstag eine geheimnisvolle Vorfreude verkündete.

Wer durch das Magazin des Spielwarenhändlers ROFU® blättert, merkt gleich: Hier geht es viel mehr um Konsum statt um das aufregende Kribbeln im Bauch. Steigende Verkaufszahlen unter dem Deckmantel des Christentums. Längst sind wir in einer Gesellschaft angekommen, in der die Kirche in den Hintergrund gerückt ist und sich Weihnachten neben den obligatorischen Familientreffen (mal lustig, mal herzhaft, mal sterbenslangweilig, wenn die Tante zum wiederholten Male dieselben Geschichten erzählt und das Essen auch nicht mehr wirklich schmecken mag) vor allem um das Beschenken und das «Geschenke bekommen» dreht. Ob das verwerflich ist oder zum Lauf der Zeit unserer heutigen Gesellschaft gehört, mag eine andere Sache sein.

boy-child-fun-beachEs wird viel geboten in diesem kleinen Heft, die Seiten sind gefüllt mit bunten Objekten, die einen Heidenspaß versprechen. Puppen, Playmobil®, Lego, Gesellschaftsspiele und allerlei anderes Spielzeug für die jüngsten Mitglieder unserer konsumorientierten Gesellschaft. So weit so gut. Das Schockierende an diesem Prospekt ist nicht der Überschuss an Auswahl, an nötigem und unnötigem Zeug, sondern viel mehr deren Präsentation.

Wir leben heute und hier in einer modernen Gesellschaft, haben viel diskutiert über tradierte Rollenbilder, befinden uns in Mitten einer neuen Genderbewegung, die die endgültige Gleichberechtigung für alle Mitglieder unserer Gesellschaft fordert. Warum aber bekommt man beim Durchstöbern dieser Werbebroschüre das Gefühl, wir befänden uns wieder in den 50ern, als die Frau für den Haushalt und die Kinder zuständig war und der Mann einem Beruf außerhalb dieses Kreises nachging (neben dieser heteronormativen Vorstellung einer Familie hatten andere Lebenskonzepte kaum einen Platz)?
Da wäre zuerst einmal die Farbwahl der Grafiker*innen zu kritisieren. Rosa für die Mädchen und blau für die Jungen. Wer aber hat das Recht festzulegen, welches Spielzeug für welches Geschlecht geeignet ist? Und gibt es nichts dazwischen? Die Zuordnung einer bestimmten Farbe zu einem definierten Geschlecht ist meines Erachtens überholt und lässt keine Zwischenräume zwischen zwei gesellschaftlichen Geschlechtern offen. Somit werden allenfalls eingefahrenen Rollenbilder reproduziert und gefestigt (dieses Schwarz-Weiß-Denken zieht sich im Übrigen durch sämtliche zu kritisierende Kategorien dieses Prospekts).

Schauen wir uns die Kindermodels an: Beinahe alle sind hellhäutige Kinder mit hellen Haaren und einem zuckersüßen Lächeln im Gesicht. Also bitte, das soll unsere Gesellschaft widerspiegeln? Wo ist die Bandbreite an äußeren Erscheinungen? Wo die Diversität? Ist der Multikulturalismus noch nicht in der Werbebranche angekommen oder, man traut es sich kaum anzumerken vor Unverständnis, will man die Vielfalt vielleicht gar nicht abbilden? Ist das eindeutig mitteleuropäische Aussehen bewusst gewählt? Wäre es nicht im Bezug auf die Sozialisierung von Kindern angebracht, Vielfältigkeit als einen unverzichtbaren Aspekt öffentlicher Medien anzusehen?

Foto von jenny818 auf Flickr (CC BY 2.0) // https://www.flickr.com/photos/30055326@N05/
Foto von jenny818 // Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet durch *innenAnsicht (https://www.flickr.com/photos/30055326@N05/)

Kommen wir zu Punkt drei, dem Kernproblem der Werbung. Die blonden, mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck geschmückten, in rosafarbener Kleidung präsentierten, mit Haushaltsschürze dekorierten Mädchen BÜGELN, KOCHEN und SAUGEN (zudem kümmern sie sich auch um ihre hübschen Püppchen um das Muttersein bereits in jungen Jahren zu erlernen). BÜGELN, KOCHEN, SAUGEN und KINDER, mit vier, sechs, vielleicht neun Jahren? Welches Rollenbild wird hier den Heranwachsenden präsentiert? Den Haushalt managen und dabei schön aussehen? Wer sich etwas Zeit nimmt und durch das Prospekt dieses Spielwarenhändlers blättert, merkt schnell, dass die Darstellung der Geschlechter eine genderpolitische Katastrophe höchsten Grades zeigt, die in der heutigen Gesellschaft ihre Legitimität verloren hat.

Abgesehen davon, dass Kinder meines Erachtens noch in einer Fantasiewelt leben, deren Merkmal die fehlende Konkretisierung von Rollenbildern ist, ist die Repräsentation der Frau als Haushaltsbeauftragte überholt. Viele Jahre haben Feminist*innen gekämpft, um sich aus genau diesem erstarrten Bild zu befreien. Mädchen stehen heute alle Berufsfelder offen, genau wie allen anderen Menschen! Mit der typischen Zuordnung von Geschlecht und Aktivität steht ROFU® Kinderland für das, wogegen feministische Bewegungen seit Jahren kämpfen.

pexels-photo-121558Es ist dabei überflüssig zu erwähnen, dass die Jungen mit Autos spielen, Lego bauen und Burgen verteidigen. In blau und fast immer ohne Mädchen, selbstverständlich.

Kritisch zu betrachten sind unter anderem die eindeutig geschlechtsspezifische Zuordnung von Aufgaben; die fehlende Koexistenz von Alternativen neben den althergebrachten gesellschaftlichen Geschlechtern; das Schwarz-Weiß-Denken der Grafiker*innen, das in kaum einer Wirklichkeit angewandt werden kann.

Ich frage mich, welche Rollenbilder hierbei manifestiert werden und welches Ziel ROFU® Kinderland damit anstrebt. Auch finde ich es bedenklich, dass die Werbung die Kund*innen zu erreichen scheint, dass der Aufschrei ausbleibt. Es sind daher subtile Äußerungen des Spielwarenhändlers, die in Erinnerung bleiben. Für mich steht fest, dass ich etwas gegen die repräsentierten obsoleten Rollenbilder tun möchte, dass ich mindestens eine Rückmeldung geben möchte, ein kleiner, fast unmerklicher Aufschrei gegen das, was mich stutzig gemacht hat.

Noch am selben Tag beginne ich mit der Formulierung eines Schreibens an ROFU®, das ich in den nächsten Tagen abschicken werde.

« […] Ich bin der Meinung, dass die Darstellung von konventionellen Rollenbildern mit den Werten unserer heutigen Gesellschaft unvereinbar ist und erhoffe mir daher, dass Ihre Redaktion sich in Zukunft von diesen lösen wird. Kinder sollten sich in ihrem Spielen frei von Bildern in den Köpfen der Erwachsenen entfalten können, in alle möglichen (und unmöglichen) Rollen schlüpfen dürfen und dabei die Vielfalt unserer offenen Gesellschaft kennenlernen. Als ROFU® Kinderland haben Sie die Möglichkeit, sich dafür einzusetzen und Spielzeug entsprechend geschlechtsunspezifisch zu präsentieren. Das Erreichen der Gesamtbreite einer Gesellschaft ist zudem doch um einiges wertvoller als die Begrenzung auf bestimmte Gruppierungen. […] »

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