„Lass mich los“: ein Kurzfilm zum Thema Gewalt gegen Frauen*

„Lass mich los“: ein Kurzfilm zum Thema Gewalt gegen Frauen*

Triggerwarnung: Der Artikel behandelt die Themen häusliche Gewalt und Vergewaltigung. 

„Lass mich los“ – unter diesem Titel erarbeiten die junge Filmemacherin Lena Amtsberg und ihre Crew gerade ein Projekt zum Thema Gewalt an Frauen*. Der siebenminütige Kurzfilm verbindet einen von Lena geschriebenen Song mit einer aufwendigen Choreographie und nähert sich so künstlerisch einem oft verschwiegenen Thema an, um dieses stärker ins Bewusstsein zu rücken. Im Interview mit *innenAnsicht spricht Lena über die Idee hinter dem Projekt, ihre eigenen Erfahrungen und wie man eigentlich eine No-Budget-Produktion auf die Beine stellt.
Derzeit läuft auf Startnext eine Crowdfunding-Kampagne, um Kosten wie Kostüme, Maske, Licht- und Kameratechnik zu decken. Als „Gegenleistung“ erhalten Spendende kleine Giveaways, wie den Song zum Download oder ein Filmplakat. Wer keine finanzielle Hilfe anbieten kann, aber trotzdem unterstützen möchte, kann den Link zur Kampagne über soziale Netzwerke und im Bekanntenkreis teilen: https://www.startnext.com/lassmichlos

Update: Das fertige Musikvideo könnt ihr euch hier ansehen!

Wie ist die Idee zu „Lass mich los“ zustande gekommen?

Die Idee zum Song kam mir leider durch eine ziemlich unschöne Beziehung, die ich während meines Freiwilligendienstes in Ecuador geführt habe. Ich habe sechs Monate mit meinem damaligen Freund verbracht, in denen er mich des öfteren geschlagen, mit Waffen bedroht und zum Schluss vergewaltigt hat. Das sind Erlebnisse, die prägen und in irgendeiner Art und Weise verarbeitet werden müssen – dabei hat Musik mir schon immer geholfen. Mit der Distanz, die ich durch die Rückkehr nach Deutschland zu der ganzen Geschichte bekommen habe, konnte ich auch etwas klarer darüber denken und begann, mich viel mit anderen Menschen darüber zu unterhalten. Einige wenige haben es geschafft, mir zuzuhören, waren natürlich geschockt und betroffen, aber sie haben sich mit mir auseinandergesetzt und Verständnis gezeigt. Die Mehrheit hat sich entweder vollkommen überfordert gezeigt und war der Meinung, ich dürfe die Menschen nicht mit so etwas überrumpeln und ich müsse es für mich behalten, oder man gab mir die Schuld an den Vorfällen. Dadurch fing ich an mich zu schämen und sogar an meiner Unschuld zu zweifeln. Zum Glück habe ich genügend freigeistige Menschen in meinem Umfeld, die mich darin bestärkt haben, weiterhin so offen mit diesem Thema umzugehen. Ich habe beschlossen, dass ich meine Erlebnisse nicht auf mir sitzen lassen möchte und sie in etwas formen möchte, das nicht nur mir selber, sondern auch anderen in irgendeiner Form weiterhilft. Die Metapher der Marionetten ist mir dabei relativ früh in den Sinn gekommen, und langsam hat sich eine konkrete Idee in meinem Kopf herauskristallisiert. Nach dem Skizzieren eines ersten Drehbuches habe ich begonnen, den Song zusammen mit dem Studio van Rauschen zu schreiben.

Welche Rolle spielt Musik für dich persönlich, und als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung?

Als ein sehr verkopfter Mensch gelingt es mir nur durch Musik, auch mal abzuschalten. Neben Musikhören und Konzertbesuchen meine ich damit das Musizieren und Komponieren – vor allem gemeinsam mit anderen kreativen Menschen. Ich liebe die Dynamik, die dabei entsteht. Und ich bin nicht die einzige, der es so geht – unheimlich viele Menschen brauchen Musik, um runterzukommen, Gefühle zu verarbeiten oder sich in gewisse Stimmungen zu bringen. Musik kann viel bewegen und bleibt hängen. Deshalb gehe ich davon aus, dass Musik, gerade in Verbindung mit einem starken, visuellen Medium, etwas bewirken kann. Zumindest als Grundlage einer Diskussion.

Es gäbe auch viele andere mögliche Wege, über das Thema Gewalt an Frauen* aufzuklären. Was ist deiner Meinung nach der Vorteil an einer künstlerischen Herangehensweise an das Thema?

Dass es ein experimenteller, künstlerischer Film wird, in dessen Mittelpunkt eine ausdrucksvolle Metapher steht, hat auch zur Folge, dass es von jeder*m anders aufgenommen und verstanden wird – und so zu Diskussionen führt. Das Ziel ist ja, die Menschen zum Sprechen zu bringen – selbst wenn sie selber (noch) nicht von der Thematik überzeugt sind. Und vor allem regt es dazu an, selber nachzudenken, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Was wir machen, lässt mehr Raum für Selbstständigkeit als z. B. viele Aufklärungsvideos.

Lena Amtsberg hat das Filmprojekt ins Leben gerufen
Lena Amtsberg hat das Filmprojekt ins Leben gerufen

Hinter dem Projekt steht eine ziemlich große Crew mit Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen. Wie hat sich das Team zusammengefunden?

Dadurch, dass ich schon ein wenig Filmerfahrung gesammelt habe, kenne ich gerade in Rostock und Umgebung inzwischen unheimlich viele filmbegeisterte und engagierte Menschen, die sich auch sofort interessiert gezeigt haben, an meinem Projekt mitzuarbeiten. Als einen der ersten habe ich Matthias Marx (Projektmanager, Anm. d. Red.) angesprochen, den ich zuvor auf einem Filmdreh kennen gelernt habe. Wir haben uns relativ schnell angefreundet und über das Projekt gequatscht – und zum Glück hat er mir mit vielen nützlichen Kontakten geholfen, wie zum Beispiel Stephan Brauer, unseren Choreographen. Wenn man also jemanden kennt, der wen kennt, ist das ja schon die halbe Miete. Schauspieler Florian Welsch hat sich über das Schwarze Brett der Hochschule für Musik und Theater Rostock gemeldet. Patricia Biemann, die zweite Hauptdarstellerin, habe ich auch über einen Dreh der Rostocker Schule kennen gelernt. Den meisten habe ich persönlich vom Projekt erzählt und sie zum Glück schnell überzeugen können.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Hauptdarsteller*innen bisher, und wieviel von deinen eigenen Erlebnissen ist in diese Arbeit eingeflossen?

Mit meinen Darsteller*innen Patricia und Florian, Regieassistent Max Gleschinski und Choreograph Stephan treffe ich mich möglichst regelmäßig. Angesichts der Thematik ist mir ein vertrauter und freundschaftlicher Umgang im gesamten Team unheimlich wichtig. Deshalb gehören zu einem straffen Probenplan auch immer Spiele, Auflockerungs- und Vertrauensübungen und ’ne gewisse Portion an unkompliziertem Zusammensitzen, Tee trinken und über was ganz anderes reden.
Die Proben bestehen bisher vor allem aus dem gemeinsamen Erarbeiten der Thematik sowie der Rollen der beiden. Beide sollen sich möglichst gut mit den Charakteren identifizieren können und während des Drehs nicht nur die Choreo im Kopf haben, sondern auch wirklich begreifen, welche Emotionen sie zeigen sollen.
Ich habe meinem Team offen von meinen Erfahrungen erzählt, um den Mitwirkenden meine Geschichte näher zu bringen. Wir haben sogar versucht, in vollem Einverständnis der beiden Schauspieler*innen, Teile davon nachzuspielen, damit die beiden sich besser in die Geschichte hineinversetzen können. Das Ganze ist natürlich nicht einfach für mich, aber es hilft mir sehr dabei, alles noch mehr zu verarbeiten. Und es gibt mir ein gutes Gefühl, ernst genommen zu werden und etwas dafür zu tun, dass wir das Schweigen brechen und die Aufklärung über Gewalt an Frauen* in Deutschland zu fördern und fordern.

Was sind eure Pläne mit dem fertigen Film?

Damit wir ein möglichst breites Publikum erreichen, wollen wir den Film vor allem auf deutschen und internationalen Filmfestivals einreichen, z. B. beim FiSH in Rostock. Bei eventuellen Screenings möchten wir natürlich auch persönlich anreisen, um Rede und Antwort zu stehen. Abgesehen davon planen wir begleitete Präsentationen in Schulen, um gerade mit Jugendlichen das Thema zu erarbeiten und diskutieren. Wir arbeiten auch mit dem Verein „Frauen helfen Frauen“ in Rostock zusammen, um das Video für Bildungsarbeit in verschiedensten Einrichtungen zu nutzen. Unser Ziel ist es, Menschen zu erreichen, die entweder noch etwas Mut brauchen, ihre Stimme selbst zu erheben, oder noch nichts mit dem Thema anfangen können. Der Film wird nicht in einer Schublade verschwinden, sondern mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, da draußen in der Welt verbreitet.

 

Bildnachweis: Alle Bilder © Matthias Marx

Feline mag schlechte Wortwitze, queerfeministische Medienkritik und Weißwein. Sie freut sich bereits auf ihr späteres Leben als merkwürdige alte Frau mit sehr vielen Katzen.

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