In Cognito Krank Teil 2: Was kranke Menschen wollen

In Cognito Krank Teil 2: Was kranke Menschen wollen

Triggerwarnung: Es geht in diesem Artikel um Krankheiten.

Dauerhaft kank und gleichzeitig sozial sein: Das ist ziemlich schwierig zu verbinden. Selbst wer nicht ansteckend ist, wird potentiell gemieden. Wieso eigentlich? Ist eine*r Freund*in Gesellschaft zu leisten nicht die perfekte Ausrede, einen ganzen Tag Serien zu suchten, zu zocken oder in der Sonne zu liegen? Großartigerweise gibt es heutzutage jede Menge Tätigkeiten, die kranke und gesunde Menschen gemeinsam machen können, ohne sich bewegen zu müssen. Womöglich verlinke ich hier sogar mal eine Liste von Aktivitäten, die Ihr euren kranken Freunden vorschlagen könnt. Hier soll es aber um etwas anderes gehen.

Niemand kann wirklich eine Anleitung schreiben, wie mit kranken Menschen ganz generell umgegangen werden muss. Das geht schon damit los, dass ich hier ausschließlich über körperliche Krankheit spreche. Und eigentlich wissen wir ja alle, dass generalisierte Anleitungen nicht funktionieren. Hier also, was ich stattdessen schreibe:

Für meine Freund*innen: Wie Ihr mich in einem Schub glücklich machen könnt

 

1. Fragt, wie es mir heute geht.

Nicht „was so abgeht“ oder „was ich so mache“. Bei mir geht nichts, bei euch geht wahrscheinlich viel mehr. Das freut mich für euch. Aber die interessanteste Frage über mein Leben ist gerade, ob mein Körper heute besonders doll ausrastet. Darüber kann ich auf jeden Fall ausgiebig referieren.

2. Plant Unternehmungen mit mir in folgenden Kategorien:

a) Was wir sogar machen können, wenn ich mich nicht bewegen kann
b) Was wir nur machen können, wenn ich einen guten Tag habe
c) Was wir machen wollen, wenn es mir wieder besser geht

Alle drei Kategorien sind kontinuierlich mit Ideen zu beliefern und stets als Frage zu formulieren.

3. Formuliert einfach alles als Frage.

„Ist das für dich ok?“, „Meinst du wir könnten mal..“, „Hättest du Lust, dass wir probieren..“ „Was hat dein*e Arzt/Ärzt*in genau gesagt?“, „Was bedeutet das für dich?“. Ihr könnt das meiste davon nicht wissen, und das tut mir leid. Wenn ihr fragt, könnt ihr erfahren, was bei mir passiert und ich fühle mich, als wäre das nicht weniger interessant als Eure Reise-, Arbeits- und Lebensupdates.

4. Kommt vorbei!

Womöglich hänge ich wochenlang in meiner Wohnung rum und brauche mehr menschlichen Kontakt als Sprachnachrichten. 10 Minuten oder 12 Stunden, egal. Ihr seid Freund*innen, ich hab euch gerne um mich, auch wenn ihr still in meiner Küche sitzt und lest!

5. Generell hilft menschlicher Kontakt.

Interesse, Witze, Netflix-Empfehlungen. Wenn ihr nur eine Minute habt, weil euer Leben aufregend und fantastisch ist: Geil. Könnt ihr in der einen Minute kurz ein Selfie und ein „Wäre schön, wenn du dabei wärst“ schicken?

5. Bietet konkrete Hilfe an.

Es fühlt sich für mich nicht „cool“ an, Probleme mit den einfachsten Dingen zu haben. Wenn mir jemand zwei Sachen aus dem Supermarkt mitbringt, mit mir einkauft, meine Tasche trägt oder mir hilft, meine Haare zu färben, ist mein Tag gerade weniger schwierig geworden. Und schon sind wir alle weniger hilflos.

6. Nehmt an, dass ich immer noch krank bin.

Wenn ich erst mal sage „Ich habe einen Schub“, dann meint das eine unbestimmte Zeit. Seid lieber freudig überrascht, wenn ich schneller als erwartet wieder fit bin. „Wow, wie schön!“ klingt viel besser als „Oh, immer noch?“.

7. Erinnert mich immer wieder daran, wie cool und interessant ich bin.

Ich bin großartig. Ich bin schön. Ich bin sehr reflektiert. Ich kann womöglich wenig aktiv tun, irgendwoher brauch ich trotzdem weiterhin Bestätigung.

8. Plant mit mir, nicht gegen mich.

Wenn ihr etwas plant, bei dem ihr mich dabei haben wollt: Super! Total schön! Es wäre toll, wenn wir uns zusammen überlegen, wie ich da hin komme, und danach wieder zurück, und dass ich da irgendwo auch sitzen kann. Lasst uns drüber reden, was ich brauche, bei so einer Unternehmung. Zuvorkommen bedeutet mir sehr viel.

Egal ob ihr krank seid oder gesund oder irgendetwas dazwischen: Vielleicht könnt ihr diese – oder eine eigene – Liste gebrauchen, wenn ihr oder ein*e Freund*in das nächste Mal länger krank ist.

Zuletzt sei gesagt, dass meine Freund*innen diese Liste eigentlich schon kennen. Wir haben über jeden dieser Punkte immer mal wieder geredet, weil ich weiß, wie wichtig diese Wünsche mir sind – und wie schwierig zu erfüllen! Ich denke manchmal über mich als sehr wartungsaufwendige Freundin, eine high-maintainance-relationship, denn jede*r meine*r Freund*innen hat ein aufregendes, volles Leben, das ohne mich schon kompliziert genug ist. Aber bei diesem Gedanken komme ich immer weg, als wäre ich eine blutsaugende Egozentrikerin und, ehrlich gesagt: Das da oben sind gar keine Luxuswünsche. Zugehörigkeit und Anerkennung unserer Identität sind doch, wieso wir überhaupt Freundschaften schließen. Das, und die Begeisterung über diesen anderen, spannenden Menschen. Deshalb kann ich einige meiner Freund*innen mittlerweile einfach darum bitten, mir einen Einkaufsgang abzunehmen. Das zu lernen war sehr schwierig, weil natürlich eigentlich niemand von jemand anderem abhängig sein will. Die dauernde Angst, zu viel zu verlangen, kann unsicher und einsam machen.

Also gebt euch alle einen Ruck und fragt eure Freund*innen mal, ob Sie euch helfen können, oder bietet selbst eure Hilfe an. Ihr müsst nicht raten, vielleicht können wir einfach sagen, was wir brauchen!

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