„Die Haut anderer Menschen ist keine Verkleidung“

„Die Haut anderer Menschen ist keine Verkleidung“

For the English version of this article click here: „Somebody else’s skin is not a costume“

Das Sinterklaas-Fest am 5. Dezember ist einer der wichtigsten Feiertage in den Niederlanden. Doch seit der Autor Jan Schenkman in einem im Jahr 1850 veröffentlichten Kinderbuch den Zwarte Piet – also den Schwarzen Peter – als Nikolaus Helfer eingeführt hat, hat das Fest einen faden Beigeschmack. Denn der Zwarte Piet wird gemeinhin als Karikatur von Menschen mit schwarzer Hautfarbe dargestellt: Schwarzes Gesicht, Schlauchlippen, gekräuseltes Haar, Ohrringe. Damit verbunden ist in den meisten Fällen blackfacing, eine rassistische Praxis, bei der Weiße ihre Gesichter schwarz schminken, sich sozusagen als Schwarze verkleiden.

Zwarte Piet Verkleidungen. Foto von Danny den Otter, Haus of Make-up (http://www.hausofmakeup.nl/zwarte_piet_foto.htm) [Copyrighted free use oder CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
Zwarte Piet Verkleidungen. Foto von Danny den Otter, http://www.hausofmakeup.nl/zwarte_piet_foto.htm, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Vor allem bei Kindern ist die Geschichte vom gabenbringenden Nikolaus und seinen frechen Dienern beliebt. Es gibt Fernsehserien, Bücher und Paraden. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum viele Niederländer*innen nicht an der Darstellung des Zwarte Piet rütteln wollen. Viele verbinden das Sinterklaas-Fest mit schönen Kindheitserinnerungen. Außerdem glauben die Verfechter*innen des Zwarte Piet nicht daran, dass Kinder für rassistische Ressentiments bereits empfänglich seien. Dazu kommt die Angst, die eigene – weiße – Kultur der Mehrheitsgesellschaft zu Gunsten einer fremden Kultur aufgeben zu müssen. Der Kampf für Zwarte Piet, Rassismus und Islamfeindlichkeit gehen oft einander einher. So nutzt die rechtspopulistische Gruppe Pegida, die es auch in den Niederlanden gibt, die Debatte, um Stimmung gegen alles vermeintlich „Fremde“ zu machen. Dabei wollen die Gegner*innen des Zwarte Piet bloß den rassistischen Charakter der Figur aus der Kultur verbannen, keineswegs aber das Sinterklaas-Fest selbst abschaffen.

Das Thema kocht jedes Jahr aufs Neue hoch. In diesem Jahr gab es bei der traditionellen Ankunft des Sinterklaas in Rotterdam und andernorts Proteste, die teilweise gewaltsam von der Polizei aufgelöst wurden. Auch der Fall der Fernsehmoderatorin Sylvana Simons, die sich öffentlich gegen Zwarte Piet ausspricht und dafür hart attackiert wird, spricht für die Brisanz der Diskussion. Dabei ist Blackfacing keineswegs ein typisch niederländisches Phänomen. Auch deutsche Sternsinger*innen schminken ihre Gesichter schwarz, wenn sie singend von Haus zu Haus ziehen. Ein anderes Beispiel aus Deutschland wird in unserem Interview über den Zwarte Piet diskutiert.

Devika Partiman ist seit 2012 gegen Zwarte Piet aktiv. Sie arbeitet für Stichting Nederland Wordt Beter (Stiftung „Die Niederlande werden besser“), einer Organisation, die sich gegen Rassismus und für die Aufklärung über die niederländische Kolonialgeschichte einsetzt. Außerdem ist die Gruppe verantwortlich für die Kampagne Zwarte Piet is Racisme („Zwarte Piet ist rassistisch“), der auf Facebook rund 18.000 Menschen folgen.

Im Interview mit *innenAnsicht berichtet die Aktivistin von der Debatte rund um Zwarte Piet, Rassismus in der niederländischen Gesellschaft und die Rolle der Frauen innerhalb der antirassistischen Bewegung.

Die belgische Zeitung "De Standaard" berichtet über die Abschaffung des Zwarte Piet.
Die belgische Zeitung „De Standaard“ berichtet über die Abschaffung des Zwarte Piet. Foto: Lennart Krotzek

Frau Partiman, Belgiens Medien und Politiker*innen sind in diesem Jahr zu der Vereinbarung gekommen, Zwarte Piet nicht mehr in der Öffentlichkeit, also etwa im Fernsehen, zu zeigen. Wieso ist das in den Niederlanden noch nicht geschehen?

Wenn ich das wüsste, hätten wir so eine Vereinbarung wohl auch schon! Ich glaube, dass die “Diskussion” in den Niederlanden schon länger anhält und intensiver geführt wird. Warum das so ist, ist schwer zu sagen – ich kenne ja nur mein eigenes Land und deswegen kann ich wenig über die Unterschiede sagen. Ein wichtiger Aspekt in den Niederlanden ist, dass viele Schulen und Unternehmen den Entscheidungen des „Sinterklaasjournaals“ folgen, der bekanntesten Fernsehserie über Sinterklaas. Die ist auch für die nationale Parade verantwortlich. So lange die nichts an ihrer Praxis ändern, wird es auch im Land kein Umdenken geben. Dabei wird oft mit dem Finger auf andere gezeigt. Das „Sinterklaasjournaal“ schaut auf die öffentliche Meinung und wartet, bis die sich geändert hat. Das Gleiche tun die Politiker*innen, die sagen, dass die Gesellschaft das zu diskutieren hat. Und die “Gesellschaft” und die Schulen sind passiv und warten darauf, dass sich etwas in den Institutionen ändert. So lange alle mit dem Finger aufeinander zeigen, wird es kaum möglich sein, eine Lösung zu finden.

Es scheint, als sei die Gesellschaft bei der Zwarte-Piet Frage gespalten. Ist das der Fall und was sind die unterschiedlichen Positionen?

Das scheint definitiv der Fall zu sein – und ich mache dafür zumindest zum Teil die Medien verantwortlich. Konflikt lässt sich gut verkaufen. Also sind die Medien glücklich, wenn sie die Spannungen zeigen können. Aber sie zeigen nicht, was zwischen den Lagern passiert. Es ist ja nicht wie im Fußball, wo man entweder auf die Ajax- oder die Feyenoord-Fans zeigen kann. Ich finde nicht, dass die Gruppen so klar getrennt werden können. Aber natürlich sind die Leute in Amsterdam im Verhältnis Veränderungen gegenüber offener eingestellt als in kleineren und weniger diversen Orten.

Welche Lösungsansätze und Kompromisse werden für den Umgang mit Zwarte Piet diskutiert? Wie bewerten Sie diese und wie sieht Ihre Wunschlösung aus?

Es gibt ganz viele kleine Initiativen, aber die bekanntesten „Lösungen“ sind „Kleurenpiet“ – die Gesichter werden in unterschiedlichen Farben geschminkt – und „Roetpiet“ – mit schwarzem Kaminruß statt Blackfacing. Meiner Meinung nach sind alle Ideen ohne Blackfacing-Charakter gut. Das heißt: keine schwarz angemalten Gesichter, rote Lippen, Ohrringe und natürlich schwarze Perücken. Die Lösungen sind ok, solange die Rolle sich nicht in irgendeiner Weise auf eine andere Hautfarbe oder Herkunft bezieht als die, welcher der*die Schauspieler*in angehört. Und nein, das heißt nicht, dass von jetzt an Schwarze den Zwarte Piet mimen sollen.

Wen sehen Sie denn generell in der Verantwortung, wenn es darum geht, den Zwarte Piet abzuschaffen? Wie Sie bereits erwähnt haben, argumentieren Medien ja oft, dass sie reagieren, wenn die Gesellschaft so weit sei. Auf der anderen Seite bestimmen die Medien mit, wie die Gesellschaft tickt. Muss die Politik also einspringen?

Ich finde nicht, dass die Regierung mit Gesetzen eingreifen muss, aber ich bin der Meinung, dass es ihre Verantwortung ist, sich selbst und die Menschen über die Geschichte dieser Tradition zu informieren: Um dabei zu helfen zu verstehen, warum es diese Diskussion überhaupt gibt und auch um alle daran zu erinnern, dass Demokratie eben nicht bedeutet, dass die Mehrheit immer das Sagen hat. Dieser historische Kontext fehlt meiner Meinung nach. Die Regierung könnte dabei helfen, die Geschichte in den Schulen zu verankern, aber auch in ihren eigenen Erzählungen und in den Medien. Aber ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass es allein die Regierung sein muss. Schulen spielen hier eine wichtige Rolle, genauso wie die Organisator*innen der jährlichen Parade.

Welche Rolle spielen Frauen* in der Bewegung gegen Zwarte Piet?

Wir haben keine spezielle Rolle. In den ersten Jahren waren die Gesichter der Bewegung männlich. Das ändert sich langsam, auch weil Frauen* ihre Stimme dazu erhoben haben. Mittlerweile wird Frauen* mehr Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es um Veranstaltungen und andere öffentliche Auftritte geht. Das ist etwas zäh gestartet, aber seit das Netzwerk der Frauen* wächst, wird es immer einfacher.

Bezeichnen Sie sich selber als Feministin?

Nevika Partiman (rechts)
Nevika Partiman (rechts)

Auf jeden Fall.

Welchen Anteil hat der Feminismus an der Bewegung gegen Zwarte Piet?

Feminismus war schon immer Teil der Bürger*innenrechts- und Antirassismusbewegung. Das ist bei der Bewegung gegen Zwarte Piet nicht anders. Wie gesagt, Frauen* haben ihre Stimmen erhoben und sind nun ein bedeutender Teil der Bewegung.

Zwarte Piet scheint nur ein Beispiel für den viel tiefer sitzenden Rassismus in den Niederlanden und in ganz Europa zu sein. Wo sonst sind rassistische Strukturen zu erkennen?

Die augenscheinlichsten Beispiele sind der Arbeitsmarkt und das Polizeisystem. Diverse Studien zeigen, dass es Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt gibt. Das ist vor allem ein Problem für junge nicht-Weiße, die zum Beispiel nach einem Praktikum suchen, aber auch auf dem restlichen Arbeitsmarkt. Und Racial Profiling durch die Polizei ist ein bekanntes Problem – das wird sogar von den Leiter*innen der Polizei zugegeben. Abgesehen davon könnte ich noch die Diskriminierung vor allem nicht-Weißer in der Club-Szene nennen. Für sie ist es schwieriger in die Clubs zu kommen. Und auch in der Bildung gibt es Probleme. Hier ist es nicht ganz so sichtbar, aber Bildung wird mehr und mehr segregiert.

Vor kurzem gab es bei der traditionellen Ankunft von Sinterklaas und seinen Helfern einen Protest gegen Zwarte Piet. Die Aktivist*innen wurden unsanft festgenommen und aufs Polizeirevier gebracht. Ist dieser harte Umgang mit Demonstrant*innen in den Niederlanden normal, oder reagiert die Polizei bei diesem Thema besonders gereizt?

Das war alles andere als normal! Amnesty International hat einen sehr besorgten Artikel darüber veröffentlicht, in dem erklärt wird, was passiert ist und dass dabei Menschenrechte verletzt wurden. Dieser Fall zeigt, dass das Thema von vielen Menschen – auch von Polizist*innen – so persönlich genommen wird, dass sie sogar illegale Taktiken und Gewalt gegen friedliche Demonstrant*innen anwenden. Also ja, es wirkt ganz eindeutig so, als zielte das gegen unseren Protest gegen Zwarte Piet.

Trigger-Warnung: Das folgende Video enthält gewaltsame Szenen.

Blackfacing gibt es ja nicht nur in den Niederlanden. Vor kurzem gab es wieder einen Fall in Deutschland, der kontrovers diskutiert wurde. In der Sendung “Verstehen Sie Spaß?” verkleidete sich der Moderator als älterer Herr aus Südafrika, der meint, der Vater einer weißen Tochter zu sein. Wie würden Sie diesen Fall bewerten?

Lassen Sie mich nur sagen: Blackfacing ist nie ok. Und das ist eindeutig überhaupt nicht lustig! Die Haut anderer Menschen ist keine Verkleidung.

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