Warum wir wütend sein dürfen

Warum wir wütend sein dürfen

Wut ist etwas, was Frauen* nicht gut zu Gesicht steht? Wut lohnt sich nicht und führt nirgendwo hin? Nein! Ein Plädoyer für mehr wütende Frauen*.

Ich bin wütend, Punkt.

Immer wieder lese ich Kommentare von Frauen*, die wütend auf den immer noch allgegenwärtigen Sexismus in unserer Gesellschaft sind. Gleichzeitig hinterfragen sie ihre eigene Wut, als wenn sie sich dafür schämen müssten. Ich kann mich allerdings gut mit dieser Wut identifizieren und ich plädiere dafür, sie zuzulassen. Ich bin nicht nur manchmal wütend, ich bin es sogar sehr häufig. Und genau so häufig muss ich mich daran erinnern, dass das auch ok ist und vor allem: berechtigt.

Kleine Auswahl gefällig?

Es gibt tausende kleine Dinge, die mich mehr als nur ein bisschen ärgern. Ich bin wütend, wenn ich daran denke, dass ich mit neun Jahren meine erste Diät gemacht habe, weil ich mich zu dick gefühlt habe. Ich bin wütend, dass meine Mutter selbst schon Opfer dieses Denkens war und es deswegen zugelassen hat, dass ich in die gleiche Falle gehe. Ich bin wütend, weil ich über 20 Jahre meines Leben den Großteil meiner Energie darein investiert habe, gut auszusehen. Statt etwas anderes zu tun, meinen Geist zu schärfen, meinem Forschungsdrang nachzugehen, meine kreative Ader zu pflegen.

Ich bin wütend, wenn ich auf einer Party von einem Mann angegrabscht werde und es immer noch nicht schaffe, ihm einfach eine zu scheuern oder zumindest lautstark bescheid zu sagen, wie sehr er sich damit daneben benommen hat. Stattdessen suche ich die Schuld bei mir und fühle mich schmutzig. Ich bin wütend, dass mir von überall her suggeriert wird, dass ich selbst schuld bin, wenn man mir gegenüber sexuell übergriffig wird.

Ich bin wütend, dass es Vollidioten gibt, die es normal und witzig finden, mir hinterherzurufen, wie heiß ich doch sei, während ich mit meiner sechsjährigen Tochter unterwegs bin. Ich bin wütend, dass unsere Gesellschaft unseren Töchtern immer noch beibringt, dass sie sich permanent dem kritischen Blick von (sogar fremden!) Männern ausgesetzt sehen müssen. Und dem von Frauen*, die auch verinnerlicht zu haben scheinen, dass es unsere Pflicht ist, Objekt zu sein.

Ich will nicht schön sein müssen!

Ich bin wütend, dass selbst vermeintlich alternative Formate wie „Curvy Supermodel” das gleiche tun wie alle anderen. Sie vermitteln uns Frauen*, dass wir schön sein müssen, dass zwar auch „curvy” schön sein kann, aber eben auch nur in einem gewissen Rahmen. Ich bin wütend, dass wir uns versuchen zu befreien, indem wir die Schönheit der Vielfalt propagieren, damit aber das Gleiche tun wie bisher auch: Wir versuchen schön zu sein. Ich will nicht schön sein müssen, ich habe tausende andere Qualitäten!

Mädchen sollen sich ihre Rollenmodelle aussuchen können

Ich bin so wütend, dass ich beim Einkauf für meine Tochter am liebsten auf den Boden spucken möchte. Weil Sachen mit „für Mädchen” gelabelt werden, die süß, hübsch und adrett sind und ihnen überholte Rollenmodelle präsentieren. Dass die wirklich interessanten Dinge, die mit Abenteuern, Welten entdecken und Forschungsdrang zu tun haben, ganz klar mit Jungen assoziiert werden. Ich bin wütend, dass es für Mädchen kaum starke und selbständige Rollenvorbilder gibt, keine Magazine und kaum Sendeformate, die sie ermächtigen, sich die Welt zu eigen zu machen. Ich bin wütend, weil ich unheimlich viel Energie investieren muss, solche Formate doch ausfindig zu machen und es sich wie ein Kampf gegen Windmühlen anfühlt.

Ich bin wütend, dass immer noch lachend gesagt wird, Mädchen* seien von Natur aus schlechter in Mathe als Jungs*. Ich bin wütend, dass das dazu führt, dass Mädchen* vor diesen Fächern zurückschrecken und das Interesse verlieren, weil sie vom gesellschaftlichen Klima verunsichert werden. Dass sie den Jungs* das Feld überlassen. Das ärgert mich auch deswegen, weil mir das selbst so gegangen ist und ich nicht die Kraft hatte, dagegen zu halten und die Widerstände zu überwinden.

Sexismus ist kein Luxusproblem

Ich bin wütend, dass mir gesagt wird, man solle sich erst mal um andere, „wichtigere“ soziale Probleme kümmern, bevor man über Gender-Fragen diskutiere. Als ob man bei Diskriminierungen eine sinnvolle Reihenfolge von Prioritäten festlegen könnte, als ob es da so etwas wie Luxusprobleme gäbe! Als ob sich nicht so manche Probleme automatisch als Folge gelöster Gender-Ungerechtigkeiten auch lösen würden. Man stelle sich mal vor, welche Energie frei würde, wenn Frauen* sozial gleichgestellt wären, und wie gut sie diese Energie für die Lösung anderer Probleme nutzen könnten! Ja, formal gleichgestellt sind wir wohl, aber sozial eben einfach nicht.

Man stellt Wut über Ungerechtigkeiten nicht einfach ab

Ja, ich bin wütend. Gründe dafür sind ausreichend vorhanden. Ich bin auch deswegen wütend, weil es unheimlich anstrengend ist, so wenig dagegen machen zu können, so im Kleinklein zu operieren. Weil ich nur dagegen anschreiben kann und es versuchen, jeden Tag selbst anders zu machen, entgegen dem Mainstream. Das ist wahnsinnig mühsam und bindet Energien, die ich auch gerne für andere Dinge frei hätte. Aber ich bin auch eine Kämpferin, deswegen versuche ich meine Wut so zu lenken, dass ich vielleicht für andere die Welt ein bisschen besser machen kann. Ich kann diese Ungerechtigkeiten auch nicht einfach ignorieren, jetzt, da ich mir ihrer bewusst bin.

Wut kann uns auch weiterbringen

Ist Wut etwas schlechtes? Nein. Man kann wütend sein und trotzdem sachlich diskutieren. Es erfordert in solchen Situationen zugegebenermaßen ein bisschen mehr Disziplin, sachlich zu bleiben. Das geht allen Menschen so, wenn Emotionen im Spiel sind. Aber es gibt der Diskussion Pfeffer und Leidenschaft. Wut entsteht auch aus Frustration über Ungerechtigkeiten. Und sie hat gleichzeitig das große Potential, über uns hinauszuwachsen, Diskurse anzustoßen und Veränderungen anzuregen. Und genau darum geht es ja: Es soll sich etwas verändern.

Wir sollten uns nicht dafür schämen oder angreifen lassen, wenn wir wütend sind. Wut ist eine menschliche Emotion, die leider Frauen* nicht zugestanden wird. Wenn wir wütend sind, dann wird das als hysterisch oder zickig abgetan, oder wir werden als unweiblich bezeichnet. Wenn Männer* wütend sind, dann ist das natürlich und gut, sie sind quasi „in ihrem Element“. Ich bin ein sehr wütender Mensch, und ich bin eine Frau. Ich lasse mir nicht einreden, welche Emotionen ich haben und vor allem zeigen darf. Und es gibt weiß Gott genug, worüber man wütend sein kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.