Kleine Geschichte des Feminismus Teil 2: Erstes organisiertes Aufbegehren

Kleine Geschichte des Feminismus Teil 2: Erstes organisiertes Aufbegehren

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Im ersten Teil dieser Serie ging es um erste große Vorarbeiterinnen für Frauenrechte während der Aufklärung. Damals gab es noch keine organisierte Frauenbewegung. Das begann sich Anfang des 19. Jahrhunderts langsam zu wandeln. Durch die zunehmende Industrialisierung wurde eine Schere zwischen Arm und Reich offenbar, gegen die sich zu Recht Unmut regte. Es war die Zeit des so genannten Frühsozialismus.

Sozialistinnen gegen Geschlechterungerechtigkeiten

Frauen der unteren gesellschaftlichen Schichten arbeiteten Anfang des 19. Jahrhunderts, genau so wie die Männer zu dieser Zeit, unter teils widrigsten Bedingungen (und sie arbeiteten nicht nur im Ausnahme- sondern im Regelfall). Sie waren maßgeblich daran beteiligt, dass sich Widerstand gegen die Arbeitsbedingungen regte und die gesellschaftlichen Bedingungen in Frage gestellt wurden. Interessanterweise wurde im Frühsozialismus auch immer ganz klar die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit gestellt. Einer der Vordenker war Henri de Saint-Simon. Er schlug eine der Kernforderungen vor, die den Saint-Simonismus als Strömung ausmachten: alle wichtigen Ämter männlich und weiblich zu besetzen. Auf ihn bezogen sich viele weibliche Denkerinnen dieser Zeit, so beispielsweise Claire Damar und Jeanne Deroin. Frauen begannen, Frauengruppen zu gründen und sich gezielt zu organisieren. Jeanne Deroin brachte das sechs Monate Haft wegen “politischer Verschwörung” ein.

Eine sehr wichtige Theoretikerin dieser Zeit war auch Flora Tristan. Sie floh vor ihrem gewaltsamen Ehemann, der sie mit allen Mitteln von umstürzlerischen Gedanken abhalten wollte – bis hin zum Mordversuch. Sie schrieb gegen die Unterdrückung der Frau, Klassenherrschaft, Sklaverei und die Arbeitsbedingungen des Proletariats an. 1843 (also Jahre vor Marx und Engels) schrieb sie ihr Hauptwerk “Arbeiterunion”, in dem es unter anderem heißt:

“Arbeiter, versucht, Folgendes zu verstehen: Das Gesetz, das die Frauen unterjocht und sie von der Bildung freihält, unterdrückt auch Euch, proletarische Männer.” 

Organisierte Frauenbewegung in den USA und Europa

Ab Mitte des 19. Jhdt. wurde es zunehmend lebendiger um die Frauenbewegung. In den USA wurde 1848 ein zweitägiger Frauenkongress ins Leben gerufen. Dort wurde die “Declaration of Rights and Sentiments” ausgerufen,als Antwort auf die “Declaration of Independence”, mit der leider mal wieder nur Männer gemeint waren. Sie forderten gleiche Rechte für Frauen.

Gleichzeitig kam es zu Auseinandersetzungen mit Rassismus. Es gab Frauen, die sich mit schwarzen Bürgerrechtler*innen verbündeten, andere wiederum nahmen die Unterstützung von weißen Männern* an, die es vorzogen, weiße Frauen* zu unterstützen statt Schwarze. Zu dieser Zeit brachte vor allem eine schwarze Frauenrechtlerin und ehemalige Sklavin, Soujourner Truth, einen ganz wichtigen Aspekt von Frauendiskriminierung zur Sprache. Auf der Frauenkonferenz 1851 ging sie auf das Argument von Männern ein, Frauen könnten ja “noch nicht mal alleine über eine Pfütze steigen”. Sie habe mit eigenen Händen gepflügt und gepflanzt und Scheunen gefüllt als Sklavin, entgegnete Truth. Und sie sei trotzdem eine Frau. Damit deckte sie die positive Diskriminierung von Frauen als “zartes Geschlecht” auf, das beschützt werden müsse. Ebenso legte sie den Finger in die Wunde des bürgerlichen Rassismus, der die Lebensrealität von Schwarzen nicht mit dachte.

In Europa bewegte sich ebenfalls viel. Frauen organisierten sich, hielten Versammlungen und Kongresse ab. So langsam regte sich Unmut bei so manchem in der Öffentlichkeit stehenden Mann. Die neue Frechheit der Frauen, die nun auch laut nach Wahlrechten riefen (dazu mehr in einem separaten Artikel), machte ihre Argumentation gegen Frauenrechte aggressiver. Zunehmend frauenfeindlich wurde die Stimmung im öffentlichen Diskurs. Frauen seien körperlich uns psychisch unterlegen und nicht in der Lage, mit Männern mitzuhalten (vgl. “Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes”, Jan Paul Möbius), hieß es da beispielsweise.

In Deutschland ärgerte sich insbesondere Luise Otto-Peters darüber, dass Frauen nicht in vollem Umfang teilhaben durften. Sie gründete 1848 sogar eine Frauenzeitung, die später aber wieder verboten wurde. Das war unter anderem eine Folge des Backlash nach dem Ende der Revolution. Außerdem wurde 1850 in Preußen ein Versammlungs- und Vereinsgesetz verabschiedet. Damit wurden Frauen (bis ins Jahr 1908) von der politischen Teilhabe explizit ausgeschlossen.

Das hinderte Otto-Peters nicht daran, 1865 die erste Frauenversammlung einzuberufen, aus der der ADF (Allgemeiner Deutscher Frauenverein) hervorging. Sie war die Vorsitzende und kämpfte mit dem Verein vor allem für Mädchen- und Frauenbildung und Frauenerwerbstätigkeit.

Frauenerwerbstätigkeit für alle Schichten

Erwerbstätigkeit war ein zentrales Kampfthema dieser Zeit. Anfang des Jahrhunderts waren vor allem in der Textilindustrie die Arbeiterinnen vorrangig weiblich. Die Industrialisierung schritt aber fort, und Fabrikjobs wurden wichtiger, in denen mehr Männer arbeiteten. Statt sich zu solidarisieren und gemeinsam zu organisieren, machten männliche Arbeiter und Gewerkschaften Stimmung gegen Frauen. Sie versuchten die weiblichen Arbeiterinnen aus den Fabriken zurück zu drängen und Frauenarbeit gar verbieten zu lassen. So hatten Frauen des Proletariats zwar häufig Arbeit, wurden aber schlechter bezahlt und arbeiteten unter schlechteren Bedingungen, weil sie keine starken Gewerkschaften hinter sich hatten.

Für Frauen in der bürgerlichen Schicht wurde Erwerbsarbeit aber auch ein Thema. Bisher vom Geld ihrer Männer abhängig, wollten sie eigenständiger werden. Fabrikarbeit kam aber schon wegen der geringen Bezahlung nicht in Frage. So organisierten sie sich auch zunehmend im Bereich der Lobbyarbeit, kämpften für gute Ausbildungen und angemessen bezahlte Arbeit für alle Frauen. Damit sollten sie auch von Männern unabhängiger werden.

Die bürgerliche Ehe und die Unfreiheit

Unabhängigkeit ist auch das Stichwort für die private Ebene: gerade bürgerliche Frauen befanden sich in einer besonderen Abhängigkeitssituation. Sie hatten kaum Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, denn Erwerbstätigkeit war ihnen weitgehend verschlossen. Sie waren also darauf angewiesen, sich Ehemänner zu suchen, die sie versorgten. Gleichzeitig gaben sie mit der Eheschließung sämtliche Rechte der Selbstbestimmung auf. Die Ehemänner entschieden, ob sie überhaupt arbeiten durften, was mit ihrem Vermögen geschehe, wo sie wohnten, und vieles mehr. Im englischen Ehegesetz hieß es passend “Husband and wife are one and that is he” .

Scheidungen waren nicht vorgesehen und Frauen vermieden dies auch tunlichst. Denn die Folge war der Verlust des gesellschaftlichen Ansehens, Wohlstands und in der Regel auch des Sorgerechts für vorhandene Kinder. Das alles betraf Frauen im Proletariat wenig. Die Ehe spielte da kaum eine Rolle, da auch wenig Vermögen verteilt oder Rechte geregelt werden mussten.

Nicht nur die rechtlichen Aspekte der Ehe wurden von Feministinnen angegriffen. Es ging auch um sexuelle Selbstbestimmung. Frauen sollten als ganzheitlich selbstbestimmte Wesen wahrgenommen werden, in Unabhängigkeit von männlicher Sexualität und dem Status der Ehe. Dafür kämpfte beispielsweise die amerikanische Sozialistin Victoria Woodhull oder die russischen “Nihilistinnen”. Allerdings gab es auch hier verschiedene Strömungen. Mancher Feministin in Deutschland war das dann alles doch zu radikal und sie sprach sich dafür aus, dass es reiche, die Ehe zu reformieren. Die Rolle als Frau und Mutter solle schon bestehen bleiben.

Hinweis: Im Text habe ich bewusst auf den Genderstar (*) verzichtet, da es damals tatsächlich sehr binär um Männer und Frauen ging und nicht um weitere Geschlechtsidentitäten.

Quellen und Tipps zum Weiterlesen:

2009: Ute Gerhard “Frauenbewegung und Feminismus”;

2015: Patu/Antje Schrupp: “Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext”;

2011: Michaela Karl: “Die Geschichte der Frauenbewegung”.

Weitere Artikel dieser Reihe:

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 1: Die Aufklärung

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 3: Frauenwahlrecht

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 4: Die zweite Welle

Bildquelle: CC0 ArtsyBee auf Pixabay.com

Vero ist Nerd, Weltverbesserin und manchmal Zynikerin. Meistens ist sie pragmatisch, manchmal ideologisch. Sie hat Respekt für Andersdenkende, aber kein Verständnis für soziale Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Deswegen schreibt sie gegen verkrustete Strukturen an und versucht ansonsten, es einfach besser zu machen und ein gutes Vorbild zu sein.

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