Manchmal bin ich wütend

Manchmal bin ich wütend

Für gewöhnlich wehre ich mich mit großer Leidenschaft gegen das Klischee der wütenden Feministin. Denn ich möchte sachliche Diskussionen führen können. Ich möchte auf Studien verweisen können. Ich möchte Diskriminierungs-Zusammenhänge rational erklären können. Mir ist das wichtig. Aber einige Tage sind nicht gewöhnlich. Und heute bin ich wütend.

Ich bin wütend, weil ich jeden Morgen um acht in einen Zug steige, um zu meiner Hochschule zu fahren und mich dabei nicht sicher fühlen kann. Am Gleis begegne ich häufig Männern, die sich schon morgens um acht ihr erstes Bier reinziehen und mir hinterher pfeifen, wenn ich vorbeigehe. Wenn ich in den Zug steige, möchte ich nicht in die Situation kommen neben einem alkoholisierten Mann zu sitzen, der schon durch catcalling (also das Hinterherpfeifen) signalisiert hat, dass er der Meinung ist, meinen Körper benutzen zu dürfen.

Ich bin wütend, weil ich wegen solchen Situationen morgens vor meinem Kleiderschrank stehe und mir überlege, was ich anziehen soll. In welchem Kleidungsstück fallen meine Brüste möglichst wenig auf, wie lang muss mein Rock sein. Ich bin wütend, weil ich mir manchmal wünsche unsichtbar sein zu können – und dieser Wunsch nicht einfach so aufgetaucht ist.

Ich bin wütend, weil mir in der Mensa meiner Hochschule zugezwinkert wird. Weil ein Dozent mich fragt, ob ich mich nicht hinter einen Herd stellen möchte. Weil Menschen an der Hochschule sich heraus nehmen mich zu berühren ohne vorher zu fragen, ob ich das will – und es mir egal ist, dass es hier „nur“ um Berührungen am Arm geht. Weil eine Gleichstellungsbeauftragte dieser Hochschule mir sagt, dass sie da nichts machen könne außer mir ein moderiertes Gespräch anzubieten.

Ich bin wütend, weil ich all die Statistiken und Studien kenne und weiß, dass ich mit diesem Problem nicht alleine dastehe. Ich bin wütend weil die Machtstrukturen an Hochschulen das Wehren so schwer machen und Studierende so hilflos diesem Problem gegenüber stehen.

Ich bin wütend, wenn ich in Umfrageergebnissen lese, dass noch immer fast die Hälfte der Männer zwischen 18 und 25 der Meinung ist, eine Vergewaltigung sei gar keine, wenn die Frau stark betrunken ist. Ich bin wütend, wenn ich lese, dass schätzungsweise nur 5 Prozent aller Vergewaltigungen überhaupt angezeigt werden. Ich bin wütend, wenn ich diesen ganzen Mist so sehr internalisiert habe, dass ich mir selbst die Schuld gebe, wenn ich sexuell belästigt werde.

Vor allem bin ich wütend, weil mich all das so oft zu hilflos zurück lässt.

(Wie kann mensch sich gegen etwas wehren, dass so allgegenwärtig präsent ist?)

 

Für gewöhnlich will ich nicht diesem Klischee entsprechen, das so viele Menschen von Feminist*innen zu haben scheinen.

Aber manchmal – manchmal bin ich wütend.

Alica ist das verkörperte Klischee einer Künstlerin, studiert dazu irgendwas mit Medien und hat eine Leidenschaft für Harry Potter. Wenn sie groß ist, will sie Superheldin werden.

4 thoughts on “Manchmal bin ich wütend

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