Die zwei Pussyriots (Teil 2: Talk, Terror, Todesangst)

Die zwei Pussyriots (Teil 2: Talk, Terror, Todesangst)

Im ersten Teil dieser zweiteiligen Miniserie habe ich mich der öffentlichen Seite von Pussyriot gewidmet. Die Masken, die Videos, die öffentlichen Solidaritätskundgebungen vieler Prominenter, das alles hat unser Bild von den feministischen Aktivist*innen entscheidend geprägt. Vielleicht ist es aber an der Zeit, eine ganz andere Seite von Pussyriot kennenzulernen.Im zweiten Teil geht es um Pussyriots Aktionen und Projekte in Russland. Denn während Nadja Tolokonnikowa in Los Angeles fleißig Videos produziert und die Gruppe so auf dem Radar internationaler Medien hält, wohnen andere Aktivist*innen wie Maria Alyokhina noch immer in Moskau und setzen sich vor Ort für die Verbesserung des politischen Systems ein.

Wie bereits im ersten Teil dieser kleinen Serie festgestellt, hatte Pussyriot keine Held*innen an denen sich die Gruppe hätte orientieren können. Sie sind selbst zu diesen Held*innen geworden. Pussyriot haben das Potential, Vorbild für andere Aktivist*innen in Russland, aber auchüber all sonst auf der Welt zu sein. Das ist vielleicht einer ihrer größten Erfolge.

Genauso wenig darf jedoch ihr Engagement gegen die brutalen Verhältnisse in russischen Gefängnissen, für politische Gefangene und vom Rechtssystem Verfolgte unterschätzt werden. Es kann einem schon ein kalter Schauer über den Rücken laufen, wenn Pussyriot-Mitglied Sasha Bogino über die Repressionen erzählt, die ihnen widerfahren. Wer sich in Russland mit den Autoritäten anlegt, lebt gefährlich.

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Sasha Bogina von Pussyriot bei einer Podiumsdiskussion in Utrecht. Foto: Lennart Krotzek

Ein Aspekt von Pussyriots Arbeit ist es, die Geschichten, die sie recherchieren, zu verbreiten. Bei Podiumsdiskussionen auf der ganzen Welt berichten die Aktivist*innen von den Bedingungen, gegen die sie kämpfen und den Repressionen, denen sie dabei ausgesetzt sind.

Und so nutzt Sasha Bogina auch auf bei einer Abendveranstaltung in Utrecht die Gelegenheit, um von Skandalen zu berichten, die in hiesigen Medien kaum Erwähnung finden:

Vor einiger Zeit wollten ein paar kritische Journalist*innen nach Tschetschenien fahren, um über die dortige Menschenrechtssituation zu recherchieren. Mit dabei waren auch Journalist*innen der russischen Nachrichtenseite media.zona. Auf dem Weg wurde der Kleinbus, in dem die Reporter*innen saßen, in Brand gesetzt. Die Insassen konnten sich gerade noch retten. Begleitet wird Boginas Geschichte von einem Video, das die Journalist*innen während des Überfalls gedreht hatten. In dem Video erzählt ein Reporter am Tag danach, dass er so lange wie möglich im brennenden Bus ausgeharrt hätte, weil er Angst hatte, auf der Straße würde ihm schlimmeres widerfahren.

Kurz nach der Attacke hatten Unbekannte die Redaktionsräume der Joint Mobile Group, einer Beobachtergruppe des Committee against Torture, gestürmt. Die Attacken waren keine Einzelfälle, viele weitere sind dokumentiert. Gerade in Tschetschenien ist die Situation für Medien und Menschenrechtsaktivist*innen gleichermaßen kritisch.

Es ist ein System der Einschüchterung. Ein System das leider funktioniert. Nach den Ermordungen von Boris Nemzow und Anna Politkowskaja gaben einige Medien auf und stoppten ihre kritische Berichterstattung. Doch es gibt Ausnahmen. Und genau da kommt Pussyriot ins Spiel. Die in Russland ansässigen Aktivist*innen haben sich gewandelt: Von einer plakativen Anarcho-Punk-Band zu einem ernstzunehmenden Medienangebot.

Vor zwei Jahren gründeten sie mit media.zona eine unabhängige Online News Seite die mittlerweile das am zehnthäufigsten zitierte Medium Russlands sei, berichten die Aktivist*innen. „Es gibt zwei Wege, die du als Journalist*in in Russland gehen kannst“, sagt Sasha Bogino, „entweder du arbeitest für die staatlichen Medien, verdienst ein gutes Gehalt und hast einen sicheren Job, oder du arbeitest in einem unabhängigen Medium und läufst damit Gefahr, festgenommen zu werden.“ Diese Gefahr gehen sie ein.

„Eigentlich ist unser Thema Freiheit“

Auf media.zona berichtet ein Team aus Reporter*innen investigativ über die Situation in russischen Gefängnissen. „Eigentlich ist unser Thema Freiheit. Aber im heutigen Russland geht es dann auch ganz schnell um Gefängnisse und das Justizsystem,“ stellt Sasha Bogino klar. Dass sie sich diesem Thema annehmen, sei vor allem die Konsequenz aus ihren eigenen Erlebnissen im Gefängnis. Allein Maria Alyokhina hatte während ihrer zweijährigen Inhaftierung vier Mal gegen die Gefängnisleitung geklagt. Dreimal hat sie Recht bekommen.

Oft ist media.zona das einzige Medium, das mit Gefängnisinsass*innen in Kontakt kommt. Sie erzählen ihre Geschichten, so wie viele andere die Geschichte von Pussyriot erzählt hatten, als sie eingesperrt waren. Sie erzählen die Geschichten, die von anderen Journalist*innen auch deswegen nicht berichtet werden, weil sie zu „normal“ und zu „alltäglich“ sind.

So berichtet Sasha Bogina etwa über den Fall einer Frau, die zur Polizei ging, weil sie von einem Polizisten vergewaltigt worden war. Ihr wurde nicht geglaubt. Letztlich hat man sogar gegen die Frau ermittelt. Begründung: Polizisten würden so etwas nicht tun, also muss die Frau vorsätzlich gelogen haben. Ein Opfer sexualisierter Gewalt, dem nur deshalb Falschaussage vorgeworfen wird, weil es einfach nicht ins Bild passt, dass ein Polizist so ein Verbrechen begeht.

Das sind nur zwei Beispiele unter vielen, die für die systematische Unterdrückung und das Zurechtrücken der Realität in Russland stehen. Beispiele, die zu alltäglich für russische Journalist*innen zu sein scheinen.

17 Journalist*innen, darunter eben auch Sasha Bogino und andere Aktivist*innen von Pussyriot arbeiten für media.zona. Ihre Seite ist auf Russisch. Das ist ein Grund dafür, wieso über diese Form des Aktivismus wenig berichtet wird. Aufmerksamkeit im Westen können sie mit dieser Arbeit kaum erreichen.

Das ist aber auch nicht, was die Gruppe mit ihrem Engagement erreichen will. Über zu wenig Aufmerksamkeit für ihre eigene Arbeit beschweren sie sich nicht. Was Sasha Bogina allerdings kritisiert, ist die Aufmerksamkeitspolitik ausländischer Medien in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen in Russland. Politische Gefangene, die international bekannt seien, bekämen einen Großteil der Unterstützung. Dabei sei die Situation für nicht-politische Gefangene genauso schlecht. Da diese jedoch als Kriminelle gesehen würden, bliebe bei ihnen die Solidarität aus. Auch das wollen die Mitarbeiter*innen von media.zona ändern. Mit ihrer Art von Journalismus gehen sie auch dort hin, wo bisher noch kaum jemand war

„Ich kann nicht ohne physischen Aktivismus leben.“

Interessanterweise kommen die Aktivist*innen dabei – zufällig oder nicht – auch immer wieder zu ihren Wurzeln zurück. „Ich kann nicht ohne physischen Aktivismus leben“, sagt Maria Alyokhina und verweist damit auf ihr letztes Projekt. Zusammen mit dem Belarus Free Theatre setzt sie sich dafür ein, dass der ukrainische Künstler Oleg Senzow freigelassen wird. Mit dem Stück „Burning Doors“ ist die Theatergruppe durch ganz Europa getourt und hat damit Aufmerksamkeit für Senzows Fall schaffen wollen. Dieser wurde in Russland zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Anklage lautete auf Terrorismus. Die Aktivist*innen werfen Russland vor, dass das Urteil politisch motiviert und damit zweifelhaft sei.

Senzow wurde auf der Krim geboren und hat die EuroMaidan Bewegung in der Ukraine aktiv unterstützt. Er half den ukrainischen Truppen nach der Annexion der Krim durch Russland und weigerte sich, diese anzuerkennen. Würden die russischen Behörden den Fall an die Ukraine weitergeben oder fallenlassen, würde das gegen die Doktrin verstoßen, die Krim als genuinen Teil Russlands zu sehen. Senzow ist somit Opfer eines geopolitischen Konflikts. In dem Stück „Burning Doors“ gehen die Aktivist*innen und Schauspieler*innen bis an die Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit. Es ist politisches Theater, das auf starke Bilder und Emotionen setzt und damit den frühen Aktionen von Pussyriot ähnelt.

Doch nicht nur für kritische Köpfe und Künstler*innen sieht es aktuell schlecht aus in Russland. Auch für die LGTB*-Community wird es unter Putin immer schwieriger, offen aufzutreten. Auf die Frage, ob es aktuell möglich wäre eine Lesben- und Schwulenparade in Russland zu organisieren, entgegnet Maria Alyokhina mit der Gegenfrage: „Wie lange warst du schon nicht mehr in Russland?“ Man müsse mit körperlicher Gewalt rechnen. „Schon das Tragen von Symbolen ist gefährlich. Nicht die Polizei, sondern Ultra-Rechte Gruppen werden benutzt, um Aktivist*innen zu schlagen. Die werden aber nicht bestraft, weil sie mit der Polizei kooperieren.“ Alyokhina fordert deswegen auch immer wieder dazu auf, diejenigen, die noch in Russland geblieben sind, zu unterstützen. Es hätten zwar schon viele das Land verlassen, aber die, die noch da sind, benötigten umso mehr die Solidarität aus dem Ausland. Mit ihrer Teilnahme an Diskussionsrunden will Pussyriot die andauernden gesellschaftlichen Konflikte in Russland ins Bewusstsein der Zuhörer*innen holen. Ein Ansatz, für die die Masken überflüssig geworden sind.

„Wie lange warst du schon nicht mehr in Russland?“

Es stellt sich also heraus, dass Pussyriot eine sehr vielschichtige Gruppe mit vielen Projekten gleichzeitig ist. Das ist dann auch der Grund, wieso die Gruppe zwei Stunde auf einer Bühne diskutieren kann, ohne Trump nur einmal zu erwähnen. Sie haben eben auch so viele andere Themen zu besprechen. Und auch wenn sich ihre Aktionsformen dabei stark unterscheiden, lässt sich ein inhaltliches Muster, ein Leitgedanke festmachen.

Es ist der Kampf der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, für die Rechte der Frauen*, LGTB*-Gemeinden, die Eingesperrten. Die Gruppe möchte sich dabei aber zu Recht nicht in eine Schublade stecken lassen. Pussyriot ist eine Band, machen Underground Theater, haben ihr eigenes Medium etabliert, reisen um die Welt, um über Putin, Trump, Gefängnisse, die Krim und viele andere Brandherde in Russland und anderswo zu sprechen und setzen sich für politische Gefangene ein.

Nicht zuletzt sind die Aktivist*innen auch lebende Ikone einer Bewegung, der es ansonsten vielleicht an Identifikationsfiguren mangeln würde. Von Anfang an haben sie sich selbst als Feminist*innen bezeichnet und so auch das Bild eines modernen Feminismus jenseits der Elfenbeintürme der Universitäten mitgeprägt. Jede Bewegung braucht eben auch ihre Held*innen und mit ihrer Geschichte und ihrem Auftreten hat sich die Gruppe diesen Status erarbeitet und damit auch in der Popkultur ihre Spuren hinterlassen.

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