Die zwei Pussyriots (Teil 1: Masken, Männer, MTV)

Die zwei Pussyriots (Teil 1: Masken, Männer, MTV)

Wer hätte das gedacht: Zwei Stunden Podiumsdiskussion mit Pussyriot und kein einziges Mal fällt der Name Trump. Und das eine Woche vor den Wahlen in den USA und nur ein paar Tage nach der Veröffentlichung von gleich zwei neuen Musikvideos, in denen die russischen Aktivist*innen den republikanischen Kandidaten verbal attackieren. In einem dritten Video wird der alte Erzfeind der Gruppe kritisiert: Wladimir Putin.

Alle drei Videos sind auf ihre Weise relevant und kommentieren aktuelle Debatten. Aber sie sind nicht annähernd so kontrovers und subversiv wie die früheren Videos und Aktionen der Gruppe, dafür aber auch für den Mainstream verdaulich.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichungen ist in jedem Fall geschickt gewählt. Die mediale Aufmerksamkeit war Pussyriot mit ihren Songs „Straight outta Vagina“, „Make America Great Again“ und „Organs“ sicher.

“My president replaced his dick with an ICBM. Freedom and bondage is the same shit now. But when instead of inserting cocks they insert tanks in my town.”

(„Mein Präsident hat seinen Schwanz gegen eine Interkontinentalrakete ausgetauscht. Freiheit und Zwang sind jetzt das Gleiche. Aber statt Penisse einzuführen, kommen sie mit Panzern in meine Stadt.“)

Fast schien es, als hätten die Medien bereits auf eine Reaktion Pussyriots auf Trumps sexistische und misogyne Äußerungen gewartet. Schließlich ist die Gruppe prädestiniert für eine radikale Antwort – und sie haben geliefert.

„Could you imagine a politician calling a woman a dog? Do you wanna stay in the kitchen? Is that where you belong?“

(„Kannst du dir einen Politker vorstellen, der eine Frau als Hund bezeichnet? Willst du in der Küche bleiben? Ist das, wo du hingehörst?“)

 

Die Kernfrage dieser zweiteiligen Artikelserie ist, warum Trump und die Videos an diesem Montagabend in einem Utrechter (NL) Konzertgebäude nicht erwähnt werden. Ich glaube nämlich, dass die Arbeit der Gruppe Pussyriot grob in zwei unterschiedliche Kategorien aufgeteilt werden kann.

Im ersten Teil der Artikelserie soll es um den sichtbaren Teil von Pussyriots Arbeit gehen. Wieso schafft es die Gruppe immer wieder, die Aufmerksamkeit der Medien nicht nur in Russland, sondern vor allem in Europa und den USA auf sich zu ziehen? Was unterscheidet Pussyriot von anderen Gruppen und wie schafft man es eigentlich in den Abspann von House of Cards zu kommen?

Im zweiten Teil widme ich mich dann dem Grund, wieso all das nicht erwähnt wird während eines zweistündigen Talks mit der Gruppe. Aber dazu später mehr…

Um diese Fragen beantworten zu können, gehe ich weit zurück, zu den Wurzeln von Pussyriot.

Auch im Jahr 2012 sollte ein neuer Präsident gewählt werden. Nicht in den USA, sondern in Russland. Das war die Initialzündung für die Gründung der Gruppe Pussyriot im Jahr 2011. Die Anfänge der Gruppe gehen freilich noch weiter zurück. Einige Mitglieder kannten sich schon aus dem Künstler*innenkollektiv Woina. Die Gruppe wurde unter anderem dafür bekannt, dass sie einen riesigen Penis auf eine Zugbrücke in Sankt Petersburg gemalt hatte. Diese Art von Performance war es, die die ersten Mitglieder von Pussyriot rund um Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina geprägt hatte.

Sie wollten ein Zeichen setzen gegen den neuen Präsidenten Putin, fast wie heute gegen Trump. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, es wären die mächtigen Männer, die sie zu ihrer Kunst antrieben. Dabei attackieren sie vielmehr das System, das diese Männer – Putin, Trump – in machtvolle Positionen bringt.

Pussyriot erlangten zunächst Aufmerksamkeit mit klassischen Straßenaktionen: Sie gaben ein Punkkonzert auf dem Roten Platz in Sichtweite des Kreml, stiegen auf Busse, küssten Polizist*innen. Nie meldeten sie ihre Aktionen an, aber von Anfang an dokumentierten die jungen Frauen jede ihrer Performances. Über das Internet wurden die Videos verbreitet. Sie wussten sich in Szene zu setzen, zogen sich bunte Skimasken an, traten insgesamt wie ein bunt zusammengemischter Haufen auf. Die Masken wurden zu ihrem Markenzeichen. Ein Markenzeichen, das schnell zum Symbol wurde.

Von Denis Bochkarev - Denis Bochkarev at Красная площадь (Red Square). Current photo. (album and license)., CC BY-SA 3.0, Link
Von Denis Bochkarev – Denis Bochkarev at Красная площадь (Red Square). Current photo. (album and license)., CC BY-SA 3.0, Link

In Utrecht sitzen an diesem Abend Maria Alyokhina und Sasha Bogino zusammen auf der Bühne. Sie tragen keine Masken, ihre Gesichter kennt heute eh jede*r. Die beiden repräsentieren zwei Generationen von Pussyriot. Auf der einen Seite die ältere Maria Alyokhina, die von Anfang an mit dabei war, auf der anderen Seite Sasha Bogino, die, als die Gründungsmitglieder zu zwei Jahren Haft im Arbeitslager verurteilt wurden, noch zur Schule ging.

Von Lennart Krotzek
Maria Alyokhina und Sasha Bogina in Utrecht. Von Lennart Krotzek

Zu diesem Zeitpunkt gab es wenig, woran sie sich die Aktivist*innen hätten orientieren können. Denn in Russland gab es vorher, so erzählt es Maria Alyokhina, keine feministischen Vorbilder, keine Strukturen, auf die sie hätten aufbauen können. Noch nie hatte Russland eine Regierungschefin oder Präsidentin. Weder in der Sowjetunion noch im modernen Russland.

Das Punk Gebet und die zwei Jahre im Arbeitslager waren die einschneidenden Erfahrungen für die Gruppe. Sie haben am eigenen Leib erfahren müssen, wie hart das System zuschlagen kann. Sasha Bogino musste diese Erfahrungen bisher nicht machen. Die Generation rund um Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Alyokhina hat den Neuen den Weg bereitet.

Sie konnte darauf aufbauen, was die frühen Pussyriot Aktivist*innen erreicht hatten. Es war offensichtlich möglich, dem System Nadelstiche zu versetzen, es zu irritieren und aus der systematischen Unterdrückung jeder Abweichung auszubrechen. Eine Erkenntnis, die unheimlich motivierend wirken muss, vor allem in einer so restriktiven Gesellschaft. Das machte die Sache natürlich nur bedingt einfacher. Denn sowohl die Gruppe, als auch die russische Gesellschaft haben sich mit der Zeit geändert.

Nach ihrer Freilassung machten die Aktivist*innen dort weiter, wo sie vor der Verhaftung aufgehört hatten. Doch schon bei ihrem Protest gegen Putins Olympische Winterspiele in Sotchi wurde klar: ab jetzt sind die Augen der Weltöffentlichkeit auf sie gerichtet. Die Gruppe wurde jetzt nicht nur von den russischen Behörden beobachtet, sondern auch von den internationalen Medien.

Mediale Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Währungen für diejenigen, die gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen wollen. Das gilt für Politiker*innen genauso wie für Aktivist*innen. Dass sie mit ihren Masken bereits bleibenden Eindruck bei vielen hinterlassen haben, dass sie somit wiedererkennbar geworden sind, ist Gold wert. Schon bei den Protesten gegen das Gerichtsurteil gegen die drei Kernmitglieder wurde die Maske zum Symbol des Widerstandes, wurde von Demonstrierenden getragen, hielt damit auch Einzug in die Popkultur. Spätestens seit ihrem Auftritt im Abspann einer House of Cards Folge dürfte jede*r, der*die sich auch nur ein bisschen für Nachrichten und Politik interessiert, die Masken mit Pussyriot verknüpfen. Besser hätte eine PR-Agentur das nicht planen können.

Was wir seitdem von Pussyriot sehen, ist wenig aufregend. Nadja Tolokonnikowa hat ein Buch geschrieben, dass nicht alle toll fanden, und produziert nun seit einiger Zeit Musikvideos, die nicht nur so aussehen, als seien sie in der amerikanischen Plastikpopwelt entstanden. Tatsächlich arbeitet sie mit einem Produzenten aus L.A. zusammen. Mit „Make America Great Again“ mischt sich Pussyriot in den amerikanischen Wahlkampf ein und Tolokonnikowa fängt bestimmt nicht zufällig gerade jetzt damit an, auf Englisch zu singen.

Dabei darf nicht der Fehler gemacht werden, dieses Engagement als oberflächlich oder populistisch darzustellen. Denn auch die popkulturellen Projekte der Aktivist*innen sind wohl durchdacht und gerade der für diesen Teil der Arbeit zuständigen Tolokonnikowa wird eine wichtige ideologische Rolle zugeschrieben: „Nadja ist für die Theorie zuständig“, sagt Maria Alyokhina, ohne dabei unbedingt was gegen diese Aufteilung zu haben: „Sie ist eine der intelligentesten Personen, die ich kenne.“

Die Stärke von Pussyriot ist also, dass sie wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, um Aufmerksamkeit für ihre Ziele zu erreichen. Es ist eine Art von Aktivismus, der sich auf wundersamer Weise an ein System anpasst, das er eigentlich zerstören will. Und das, ohne von diesem System selbst korrumpiert zu werden – zumindest bis heute.

Die Frage, wieviel dieser auf Aufmerksamkeit ausgerichtete Aktivismus noch mit Punk zu tun hat, muss gestellt werden. Die Antwort liegt auf der Hand. So wie jede andere Organisation, hat sich auch Pussyriot gewandelt. Mit der eher auf Ästhetik setzenden Bildsprache ihrer Videos können sie neue Zielgruppen erreichen und ihre Stellung in der Popkultur festigen. Schaut man sich jedoch die Texte ihrer Songs an, ist der ideologische Unterbau der Gruppe immer noch der von früher.

Zu diesem Prinzip der Aufmerksamkeit gehören zwei Seiten: Die schillernde mit viel Scheinwerferlicht medialer Präsenz und eine, zumindest für uns, fast unsichtbare, die dahingeht, wo es weh tut. Es gibt, wenn man so will, zwei Pussyriots.

Eins, wie soeben beschrieben, das für die europäische Öffentlichkeit sichtbar ist, das philosophiert, glamourös auftritt, Hochglanzvideos produziert, sich von der New York Times interviewen lässt und den Mainstream für sich gewinnen möchte. Und ein anderes, das sich vor allem im Verborgenen an den Gefängnisbedingungen in Russland abarbeitet. Letztere Rolle wird in der immer enger werdenden russischen Gesellschaft immer wichtiger: durch direkte Aktionen und aufklärerischen Journalismus möchte Pussyriot den Menschen eine andere als die staatlich gelenkte Perspektive bieten.

Und das ist auch der Grund, wieso es möglich ist, zwei Stunden über und mit Pussyriot zu reden, ohne dabei Trump zu erwähnen. Das war übrigens auch mal eine nette Abwechslung in einer Zeit, in der ein Mann, der einem so viele Gründe gibt, ihn zu hassen, so omnipräsent ist.

Wenn ihr mehr über das zweite Pussyriot erfahren wollt, solltet ihr den zweiten Teil dieser kleinen Serie lesen.

 

(Beitragsbild: Denis Bochkarev, CC BY-SA 3.0)

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