In Cognito Krank Teil 1: Kranke sind wie Wlan.

In Cognito Krank Teil 1: Kranke sind wie Wlan.
Triggerwarnung: Es geht in diesem Artikel um Krankheiten.

Würde ich für diese Kolumne ein catchy Kürzel finden wollen, wäre das CK, wie die Parfummarke mit den sehr trainierten, halbnackten Models auf den Plakaten. Und das wäre womöglich genau richtig, denn viele chronische Krankheiten kann man nicht sehen, also wer weiß was unter dem Sixpack der Models so los ist. Ein dauerhaft entzündeter Darm, vielleicht. Oder eine Nierenunterfunktion. Grade unter dem so schick zu einem Sixpack geformten Muskelgeflecht auf dem Bauch liegen ziemlich viele Organe und jedes einzelne von Ihnen kann kaputt gehen. Fakt. Was ich damit sagen will: Wir sind überall.

Wenn ich durch die Stadt gehe, sehen die meisten Anderen erst mal gesund aus. Ich auch, weil meine Krankheit unsichtbar ist. Und obwohl ich selbst weiß, wie nervig es manchmal ist, dass Menschen vergessen, dass ich weniger leistungsstark und weniger krankheitsresistent bin, sehe auch ich alle anderen an und halte sie im Großen und Ganzen für glücklich und gesund. Das wäre nicht weiter schlimm -wenn ich mich dadurch nicht so einsam fühlen würde. Die anderen sind gesund, ich bin krank. Die anderen sind jetzt in diesem Moment schmerzfrei, ich nicht. Doch: bei immerhin einem Drittel der deutschen Bevölkerung stimmt das gar nicht. Denn laut einer Studie aus 2011 haben mindestens ein Drittel der Befragten eine chronische Krankheit1. Und auf eine wahnsinnige und schamlose Art, beruhigt mich das.

Hier ein erster Überblick über das Kranksein, diesen anderen Zustand des Körpers, den wir die meiste Zeit unseres Lebens als Ausnahme abstempeln.

Was um mich herum wirklich geschieht

Jeder ist krank, undzwar viele Male in seinem Leben. Die wenigsten Menschen mögen das und die meisten haben schon im gesunden Zustand Sorge vor der Möglichkeit, mal weniger gesund zu sein. Gesund meint bei den meisten Menschen wohl ungefähr das Gleiche: Schmerzfrei und ohne überdurchschnittliche Gefahr, spontan umzukippen und nicht wieder aufzustehen.

Wer in eine der beiden gegensätzlichen Kategorien fällt, ist akut oder chronisch krank oder hat eine Behinderung. Ganz so einfach ist die Einteilung krank-gesund nicht, aber dazu kommen wir später.

Es gibt jede Menge Menschen mit sichtbaren Behinderungen und chronischen Krankheiten. Sie machen einen bestimmten Prozentsatz der Menschen unserer Gesellschaft aus, arbeiten womöglich und haben Sex und Kinder und Träume und Arzt Termine. Ich habe nur wenig Erfahrung damit, wie Leben für jemanden mit einer sichtbaren Krankheit ist. Das Schreiben darüber überlasse ich dankbar jede*r, die* das tut!

Und dann sind da jede Menge weitere Menschen mit Krankheiten. Überall um uns herum. Manchmal halte ich die Entdeckung, wie viele chronisch kranke Menschen täglich incognito um mich herum sind, für so unglaublich wie die Allgegenwärtigkeit von Atomen oder Magnetfeldern oder Wlan. Aber wie all diese Dinge gehört Krankheit in unsere Gesellschaft und das schon immer. Das großartige an diesem Zeitpunkt in der Geschichte: Noch nie waren die Behandlungsmethoden so gut wie jetzt. Das stimmt, genau genommen, für jeden Zeitpunkt der Geschichte, ist aber immer wieder ein Grund, sich zu freuen. Es führt jedoch nicht dazu, dass alle Menschen gleich gesund -oder gleich krank- sind. Geschweige denn die gleichen Möglichkeiten in unserer Gesellschaft haben. Aber es ermöglicht mir als Mensch mit chronischen Krankheiten, darüber zu schreiben und damit zu einer Bewegung zu gehören, die die Diversität verschiedener Daseinsformen des menschlichen Lebens beleuchtet.

Kategorisierungsversuch: Daseinsformen des Kranken

Im Prinzip hat man es bei Krankheiten mit zwei Kategorien und zwei Unterkategorien zu tun: Chronisch oder akut, sichtbar oder unsichtbar.

Hat man sich den Arm gebrochen, ist das akut und wahrscheinlich für alle zu sehen.

Hat jemand Krebs, ist das akut, aber lange für den Menschen unsichtbar. Genau genommen ist es aber hier schon schwierig, denn auch nach akuter Phase bleiben Krebspatient*innen ja Risikokandidat*innen für erneute Krebserkrankungen. Also doch nicht so einfach. Eine Darmkrankheit ist womöglich chronisch aber unsichtbar, mentale Krankheiten können chronisch oder akut sein, werden aber erst durch Verhalten sichtbar. Je genauer man sich einzelne Erkrankungen ansieht, desto genauer kann man darin werden, zu bestimmen wie sichtbar oder unsichtbar Symptome sind, wie langfristig eine akute Krankheit ist und wie stoßweise eine chronische Krankheit auftritt.

Sichtbare Krankheiten können eine schwere Bürde sein, weil man sie womöglich nicht verstecken kann, Menschen starren oder ständig ungläubig reagieren, was man alles kann.

Unsichtbare Krankheiten können eine schwere Bürde sein, weil man sie womöglich versteckt, Menschen keine Rücksicht nehmen und ständig ungläubig reagieren, was man alles nicht kann.

Es gibt also weitmehr Stadien des Körpers als gesund und Grippe, und jeder von uns hat täglich mit Menschen zu tun, die von der Norm gesund abweichen. Das ist, worüber Ihr hier noch jede Menge Artikel von mir erwarten könnt. Als kleiner Vorgeschmack nun:

5 Dinge, die man über Chronisch Kranke wissen sollte:

1. Sie sind alle unterschiedlich. Wenn Du Menschen kennst, kennst Du schon chronisch Kranke und natürlich ist das alles andere als eine homogene Gruppe.

2. Sie sind, wie gesagt, überall. Und wenn Du das bisher nicht gemerkt hast, liegt das daran, dass wir in unserer Gesellschaft alle versuchen, einer gesunden Norm zu genügen und krank auszusehen bedeutet, für ansteckend oder missmutig gehalten zu werden -je nach Sichtbarkeit der Krankheit.

3. Es gibt jede chronische Krankheit -wie jede akute Krankheit, in verschiedener Intensität. Die gleiche Krankheit ist bei jedem anders und die Ausprägung einer Krankheit kann im Laufe eines Lebens mehrfach variieren.

4. Gesund oder Krank sind für chronisch kranke zwar fühlbare Unterschiede, -gleichzeitig aber auch schwammige Kategorien. Krank zu sein geht nicht weg, egal, wie gut man sich fühlt. Gesund zu sein heißt „Reminiszens“ und bedeutet, dass die Krankheit grade auf unbestimmte Zeit Ruhe gibt. Manche Leute haben das nie. Manche haben das dauerhaft. Krank ist man trotzdem, irgendein Körperteil ist bestimmt währenddessen auch gesund.

5. Wer lebenslang Krankheit mit sich herum trägt, hat womöglich etabliert, darüber zu reden. Manche sind da sehr offen, was verwirrend sein kann, weil über Krankheit reden gesellschaftlich gerne schnell abgehandelt wird, um sich wieder schöneren Dingen zuzuwenden. Man kann von solchen Gesprächen aber auch lernen, Krankheit als Teil des Lebens zu sehen, mit dem umgegangen werden kann. Manche sind da eher verschlossen, aber Freund*innen können ja mal vorsichtig Fragen, vielleicht ist diejenige* dankbar, dass ihre Lebensumstände nicht tabuisiert werden.

 

1http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/jeder-dritte-deutsche-chronisch-krank-989912.php

Beitragsbild von TheHilaryClark, CC0-Lizenz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.