Bitte küss mich nicht!

Bitte küss mich nicht!

Triggerwarnung: Der Artikel thematisiert sexualisierte Übergriffe und erwähnt Vergewaltigungen.

Ich bin in meinem Leben häufiger von Frauen ohne mein Einverständnis auf den Mund geküsst worden als von Männern.

Das vorweg: In einer Situation, die klare romantische oder sexuelle Untertöne trägt, erwarte ich nicht, dass man grundsätzlich fragt: „Darf ich dich küssen?“. In der Regel reicht es, wenn man in der Lage ist, die Körpersprache des Gegenübers zu interpretieren: Wenn ich mich näher zu der Person herüberlehne, rückt sie ebenfalls näher oder von mir weg? Geht die Person auf meine Flirtversuche ein, sucht sie körperlichen Kontakt? Diese Nuancen der zwischenmenschlichen Annäherung lernen die meisten mit der Zeit einzuschätzen.

Ich wurde jedoch mehrfach von fremden Frauen in Situationen geküsst, in denen überhaupt kein romantischer oder sexueller Kontext bestand.

Ein Kuss auf den Mund ist in unserer Gesellschaft ein Ausdruck von Intimität und Vertrautheit. Man teilt ihn in der Regel nur mit bestimmten Personengruppen: romantischen oder sexuellen Partner*innen, engen Familienmitgliedern (wie Eltern, Kindern, Großeltern, Enkel*innen) oder sehr guten Freundinnen. Ich schreibe absichtlich Freundinnen ohne Sternchen, denn ein Küsschen auf den Mund, meist zur Begrüßung oder zum Abschied, ist nur zwischen Frauen sozial akzeptiert. Das Männlichkeitsbild unserer Gesellschaft erlaubt Männern so einen Ausdruck von Freundschaft nicht, jedenfalls keinen Heteromännern. Hier nähern wir uns schon einer Antwort auf die Frage, um die es in diesem Text gehen soll: Warum glauben einige Frauen, es sei akzeptabel, eine vollkommen fremde Frau auf den Mund zu küssen?

Nur um das klarzustellen, es gibt leider auch viel zu viele Männer, die sich solche Übergriffe erlauben. Und die Präventionsarbeit zu sexualisierter Belästigung und Vergewaltigung konzentriert sich meist auf eine bestimmte Rollenverteilung: Männer als Täter, Frauen als Opfer. Wenn Frauen aber nicht lernen, dass auch sie Täterinnen sein können, dann ist es nicht verwunderlich, dass sie einen unerwarteten Kuss auf den Mund nicht als einen sexualisierten Übergriff ansehen. Dabei stellt dies eine ganz klare Grenzüberschreitung dar, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Die Wurzel des Problems liegt jedoch nicht nur in mangelhafter Aufklärung. Unsere Gesellschaft hat auch ein sehr verqueres Bild von Beziehungen zwischen Frauen. Während jeglicher Körperkontakt zwischen Männern, der nicht aggressiv bzw. gewalttätig ist, schnell als schwul interpretiert wird, ist bei Frauen genau das Gegenteil der Fall: Platonische Freundinnen können einander umarmen, streicheln, küssen, ohne dafür gleich als lesbisch bezeichnet zu werden. Männlicher Körperkontakt wird übersexualisiert, weiblicher Körperkontakt desexualisiert. Lust von Frauen füreinander existiert in den Medien, von Pornografie bis zum Mainstreamkino, leider zu oft nur für den männlichen Blick und zum Zweck der männlichen Erregung. Deswegen müssen sich bi- oder pansexuelle Frauen (und auch Lesben!) immer noch von Heteromännern die Frage stellen lassen, ob sie und ihre Freundin nicht Lust auf einen Dreier mit ihm hätten. Begehren zwischen Frauen kann in den Köpfen dieser Männer nicht ohne männliche Teilhabe existieren.

Ohne die geschilderten Übergriffe kleinreden oder entschuldigen zu wollen: Es ist keine große Überraschung, dass so eine Gesellschaft Frauen hervorbringt, die es für harmlos halten, eine fremde Frau auf den Mund zu küssen. Wenn körperliche Intimität zwischen Frauen entweder per se platonisch ist oder nur zur sexuellen Erregung von Männern dient, dann kann es nach dieser Logik auch keinen sexualisierten Übergriff darstellen, die persönlichen Grenzen einer anderen Frau derartig zu überschreiten.

Deswegen brauchen wir meiner Meinung nach zwei Dinge: Aufklärung und Repräsentation. Noch immer konzentrieren sich Präventionsprogramme zu sehr auf „Wie können Frauen sich vor (männlichen) Tätern schützen“, was auch männliche Opfer unsichtbar macht, und zu wenig auf „Wir alle müssen uns vergewissern, dass der*die andere mit dieser Handlung einverstanden ist.“ Und noch immer zeigen Filme, Serien und andere Medien zu wenige realistische Darstellungen von Liebe und Begehren zwischen Frauen. Mehr Sichtbarkeit führt auch zu mehr Bewusstsein, dass bestimmte Handlungen wie Berührungen oder Küsse auch zwischen Frauen eine sexuelle Komponente haben können und dass man sie nicht einfach ohne das Einverständnis der anderen Person vornehmen kann.

 

Bildnachweis: Christiane Birr – Flickr (CC BY-SA 2.0)

Feline mag schlechte Wortwitze, queerfeministische Medienkritik und Weißwein. Sie freut sich bereits auf ihr späteres Leben als merkwürdige alte Frau mit sehr vielen Katzen.

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