Die Vagina Monologe: Eine Rezension

Die Vagina Monologe: Eine Rezension

Spoiler-Warnung: Inhalte des Buches werden teilweise detailliert besprochen. Da es keinen durchgängigen Handlungsfaden gibt, wird dadurch aber kein Spannungsbogen kaputt gemacht.

 

Worum geht es?

Eve Ensler, eine US-amerikanische Autorin und Aktivistin, hat das zunächst etwas verrückt klingende Vorhaben gewagt, hunderte Frauen* über ihre Vaginas zu interviewen. Die Geschichten, die sie dabei erfahren hat, sind in den Vagina Monologen gesammelt.

Aus dem als Theaterstück konzipierten Buch heraus ist ein Aktionstag gegen Gewalt an Frauen* entstanden, der V(agina)-DAY am 14. Februar jeden Jahres. Die Einnahmen von den Aufführungen der Vagina Monologe gehen an Projekte für die Stärkung von Frauen*rechten weltweit.

 

Was ich beim Lesen gelernt habe?

Trigger-Warnung: In diesem Abschnitt wird die sexualisierte Gewalt an Frauen* in Form von Kriegsverbrechen sowie Genitalverstümmelungen thematisiert.

Zwischen den Episoden – oder Kapiteln, wenn mensch das so nennen möchte – findet der*die Leser*in kurze Vagina-Fakten. Darunter auch die Geschichte einer Frau deren Körper untersucht wurde, da sie unter Verdacht stand eine Hexe zu sein. Die untersuchenden Männer haben dabei ihre Klitoris entdeckt und sie als Quelle der Hexerei identifiziert. Die Frau wurde als Hexe verurteilt. Die Männer haben ihre Entdeckungen in Schriften festgehalten. Ich finde es erstaunlich und erschreckend und noch einiges anderes, dass schon seit dem Mittelalter oder sogar früher Kenntnis über die Existenz der Klitoris herrscht – aber dieses wundervolle Sinnesorgan bis heute noch nicht vollständig erforscht ist und viele, selbst Menschen mit Klitoris nicht wirklich darüber Bescheid wissen, was „da unten“ eigentlich alles ist.

Im neunzehnten Jahrhundert war das Wissen über die Klitoris bei männlichen Ärzten scheinbar schon so weit ausgereift, dass sie Operationen vornehmen konnten, um junge Mädchen* am masturbieren zu hindern. Mädchen* die durch Masturbation einen Orgasmus bekommen konnten, wurden als medizinisches Problem betrachtet. Also wurde begonnen, ihre Schamlippen über die Klitoris zusammenzunähen. Die letzte dokumentierte OP wurde 1948 in den USA an einem fünfjährigen Mädchen durchgeführt. Es wurden nie vergleichbare Operationen durchgeführt, die Jungen* am masturbieren hindern sollten (was gut ist, keinem Kind sollte das angetan werden – aber es verdeutlicht auch die Doppelstandards, die es gab und gibt).

Stärker als Klitoris-Fakten hat sich aber die Geschichte einer Frau eingeprägt, die während dem Bosnienkrieg mehrfach vergewaltigt wurde. Der Bosnienkrieg fand im Rahmen der Jugoslawienkriege statt. Während diesem Krieg wurde Vergewaltigung als vorab geplante Kriegsstrategie eingesetzt. Es wurden „rape camps“ (Vergewaltigungs-Camps) eingerichtet, dort wurden um die 25.000 Frauen vergewaltigt, Dunkelziffer unbekannt. Mich hat schockiert, dass ich davon nie etwas gehört habe. Die Jugoslawien-Krise wurde in meiner Schulzeit lang und breit diskutiert – von Massenvergewaltigung als Strategie ist nie ein Wort gefallen.

 

Was ich blöd fand?

Trigger-Warnung: In diesem Abschnitt wird eine Vergewaltigung thematisiert.

Extrem gestört hat mich die Geschichte einer Frau*, die ihre eigene Vagina erst als schönen, wertvollen Teil ihres Körpers akzeptieren kann, als ein Mann* ihr dieses Gefühl verleiht. Zwar reflektiert die Frau* darüber und hätte sich gewünscht, dass die Akzeptanz ihrer einen Geschlechtsorgane gegenüber von ihr selbst hätte kommen können. Aber ich habe mich trotzdem geärgert – Warum können wir nicht einfach Vagina-positive Geschichten erzählen, die nichts mit Männern* zu tun haben?

Was auch andere Menschen vor mir schon gestört hat, weswegen ich das nur kurz ansprechen möchte, ist die niedrige Repräsentation von Women* of Color. Geschichten, die außerhalb der USA stattfinden haben alle mit Gewalt zu tun, die Geschichten bei denen Selbstermächtigung im Fokus steht, kommen alle von weißen Frauen*. Muss doch nicht sein.

Sehr problematisch fand ich auch das Selbstheilungserlebnis einer jungen Frau*. Sie wurde in ihrer Kindheit missbraucht. Mit 16 trifft sie eine 24-jährige Frau, die sie als anziehend und faszinierend wahrnimmt. Diese 24-jährige lädt sie nach Hause ein und bietet ihr Alkohol an, aus dem Dialog der beiden geht hervor, dass das junge Mädchen* zuvor keine Erfahrungen mit Alkohol gemacht hat. Betrunken kommt es zum Sex zwischen den beiden. Zum einen hinterfrage ich hier, inwieweit ein 16-jähriges, traumatisiertes und alkoholisiertes Mädchen fähig gewesen sein soll, ihre Einstimmung zum Geschlechtsverkehr zu geben. Zum anderen stört mich sehr, dass in einer früheren Fassung der Satz „Wenn es eine Vergewaltigung war, dann war es eine gute.“ vorhanden war – nachdem dieser gestrichen wurde (völlig zu Recht! – wie kann eine Vergewaltigung gut sein?), steht die Geschichte nun völlig unhinterfragt als positives Erlebnis da.

 

Was hängen geblieben ist?

Die letzte Geschichte, die in dem Buch zu finden ist, beschreibt eine Geburt. Bei mir ist diese wohl am meisten hängen geblieben, da ich das Gefühl habe, in Medien so oft mit (sexualisierter) Gewalt konfrontiert zu werden, dass diese schon viel weniger Eindruck hinterlässt, als sie es vielleicht sollte. Darüber, was bei einer Geburt passiert, wird dagegen sehr wenig geredet. In Filmen sieht mensch schließlich auch immer nur die Bilder von einer schwitzenden, schreienden Frau, die danach überglücklich ihr Baby in den Armen hält. In den Vagina Monologen wird dagegen sehr grafisch beschrieben, was während so einer Geburt mit der Vagina passiert. Muss mensch nicht lesen oder wissen wollen, ich fand es jedoch sehr spannend.

Das Gefühl, dass ich allgemein aus diesem Buch mitnehme, ist das Bedürfnis, mehr über Vaginas zu sprechen. Die Aufführung des Stückes sollte an mehreren Orten verhindert werden, einige der Zuschauer*innen sind wohl während des Stücks bewusstlos geworden. Während auf jedem zweiten Tisch in Schulen ein mit Edding verewigter Penis zu finden ist, werden Vaginas kaum thematisiert. Lasst uns das mal ändern!

 

Was mir zu kurz kam?

Positive, heterosexuelle Erfahrungen. Nicht nur, weil solche Geschichten ermächtigend sind und heterosexuellen Frauen* sicher Spaß beim Lesen machen. Dass in dem Buch Männer* fast ausschließlich in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt auftreten, passt mir nicht, weil es dieses Bild von giftiger Männlichkeit reproduziert. Männer* können mehr, als gewalttätig sein. Männer* können tolle Liebhaber* sein. Männer* können akzeptieren, wenn eine Frau* „Nein“ sagt. Männer* hätten in einem Buch über Vaginas eine Rolle verdient, in der sie nicht als der Feind der weiblichen Geschlechtsorgane dastehen.

 

Was super war?

Vor allem drei Geschichten haben mich wirklich, wirklich glücklich gemacht.

Zunächst der Monolog einer älteren Frau. Sie spricht immer nur von „da unten“ und erzählt wie peinlich ihr alles ist, was damit zusammenhängt. Sie meint, dass „da unten“ ein Ort ist, der verriegelt gehöre und bei ihr schon seit Jahren geschlossen sei. Eve Ensler hat diesem Monolog vorangestellt, dass sie eine 72-jährige Frau getroffen hat, die nach dem Interview zum ersten Mal in ihrem Leben masturbiert hat. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass es nie zu spät ist, den eigenen Körper neu zu entdecken und lieben zu lernen.

Dann ein Chorus über Menstruationserfahrungen. Über Menstruation wird eh viel zu wenig gesprochen, wie ich finde. Nein, ich habe nicht „meine Tage“ – was für Tage sollen das denn sein? – ich menstruiere. Und es gibt keinen Grund, das zu tabuisieren. Die Erfahrungen aus dem Chorus sind zwar auch vor allem negativ und hängen viel damit zusammen, dass jungen Mädchen beigebracht wird, niemals über ihre Periode zu sprechen – aber ich habe diesen Chorus als Start eines Dialogs verstanden. Es liegt nun an den Leser*innen, das Gespräch fortzusetzen.

Am meisten hat mich jedoch die Geschichte einer Sexarbeiterin gefreut. Sie hat ihren Bürojob aufgegeben, da sie entdeckt hat, dass es ihr Freude bereitet, Frauen* zum Stöhnen zu bringen. Ich mag, dass gezeigt wird, dass es Frauen* gibt, die völlig freiwillig Sexarbeiterin* werden. Ich mag, dass lesbische Erfahrungen thematisiert werden. Ich mag, dass vermittelt wird, dass es völlig okay ist, beim Sex laut zu sein. Oder leise. Oder wie mensch eben möchte.

 

Fazit?

Lest dieses Buch. Ich habe viel darüber geschrieben, was mich gestört hat und was mir zu kurz kam. Doch während ich das Buch gelesen habe, konnte ich es kaum aus den Händen legen. Es war eine einzige emotionale Achterbahn, die Geschichten dieser Frauen* haben mich so sehr berührt!

Zu sehen wie viele Frauen* das Bedürfnis haben über ihre Vaginas zu sprechen, hat mich erstaunt und gefreut – ich dachte immer ich wäre allein damit. Also: Sprecht mehr über Sex. Über Masturbation. Über Menstruation. Über eure Klitoris. Worüber immer ihr wollt. Und lest diese Monologe – es ist ein tolles Ermächtigungs-Buch.

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