Ein mächtiger Virus

Ein mächtiger Virus

Triggerwarnung: In dem Artikel geht es um Bodyshaming, Mobbing und Essstörungen.

Eine Therapeutin sagte mal zu mir: „Meinen Sie wirklich, man sei selbst schuld an einer Essstörung? Das ist so, als würden Sie sagen, man könne selbst entscheiden, ob man eine Grippe bekommt oder nicht.“ In der Tat, es gibt Faktoren, die einen anfälliger machen (eine schwierige Familiengeschichte bietet beispielsweise einen fruchtbaren Nährboden). Aber um sich „anzustecken“, muss man mit dem Virus in Berührung kommen. Bodyshaming ist ein sehr mächtiger Virus.

Ich entsprach nicht der Norm

Nachdem ich ein pummeliges Kind war, das zu einem pummeligen Teenager heranwuchs, gab es zwei Möglichkeiten, wie es hätte laufen können: Empowering (Ermächtigung) durch ein Umfeld, das auf Körperideale scheißt und dann die Welt rocken – oder massives Bodyshaming mit dem Resultat eines gebrochenen Selbstwertgefühls. Mir ist letzteres passiert. Ich war ein übergewichtiges, von Akne geplagtes Mädchen. Eigentlich alle, die ich bis zum Alter von 15 für Freund*innen gehalten habe, haben irgendwann angefangen, hinter meinem Rücken und später offen über mich zu sagen, wie fett und hässlich ich doch sei. Interessanterweise wurde ich sogar von anderen übergewichtigen Menschen gemobbt – das waren aber keine Mädchen, sondern Jungs. Und die müssen ja nicht schlank und schön sein. Als Mädchen war es unerhört, nicht der Norm zu entsprechen. Das durfte einfach nicht sein.

Abnehmen war die Lösung

Ich bin so gemobbt worden, dass ich während des Unterrichts ohne Abmeldung nach Hause gegangen bin, weil ich es nicht ertragen habe, aber auch mit den Lehrer*innen nicht drüber reden konnte. Ich habe im Jahr nach dieser Eskalation die Schule gewechselt, weil es mir körperliche Beschwerden machte, dort jeden Tag den Spießrutenlauf zu ertragen. An der neuen Schule habe ich von vornherein eine coole Fassade getragen und schnellstmöglich meine der Norm nicht entsprechenden Pfunde wegdiätet. Mit fantastischer Resonanz meines Umfelds („JETZT siehst Du aber gut aus, ich bin ja so stolz auf Dich!“). Blöd nur, dass solch eine Bestätigung ausbleibt, wenn man nicht weiter abnimmt. Und normdünn genug war ich ja noch nicht. Ich hab alles unternommen, um abzunehmen, hab mich abgestrampelt, gehungert, wie fanatisch Kalorien gezählt. Mit dem Ergebnis, dass ich immer fixierter war auf mein Gewicht und überhaupt darauf, schön zu sein und zu gefallen. Passenderweise hatte ich gerade meinen ersten Freund kennengelernt, jetzt, da ich einigermaßenen schlank war. Völlig logisch, dass ich keinen gefunden hätte, wäre ich dick geblieben!

Diäten und Essstörung und was sie mit einem Leben machen

In dieser Zeit (ich war 16) ist die Bulimie meine beste Freundin geworden. Endlich beides haben: Den Frust über mich und die Welt in Essen ersticken und gleichzeitig abnehmen! Das klang wie ein guter Plan – schließlich kann man jederzeit wieder aufhören, nicht wahr?!
Leider war dem nicht so. Ich habe zu Abi-Zeiten eine besonders schlimme Phase gehabt. Keine Ahnung wie ich es überhaupt geschafft habe die Schule mit einigermaßen passablen Noten abzuschließen. Im Studium ist es noch schlimmer geworden. Dann gab es eine Phase, in der es wieder besser war, dann wieder schlimmer. Das konnte sich alle paar Monate ändern. Ganz weg war es nie, und im Grunde habe ich einen Großteil meiner Energie darauf verwendet, verzweifelt zu diäten, und wenn ich das Hungern nicht aushalten konnte noch viel verzweifelter zu fressen und danach über der Schüssel zu hängen. Ich war so panisch, dass ich es nicht mal aushalten konnte, dass sich mein Körper in der Schwangerschaft veränderte. Ich habe während der Schwangerschaft gekotzt, zumindest die ersten Monate. Seltener als vorher, sicher. Aber ich habe es trotzdem getan. Niemand wird mir jemals dieses entsetzliche Gefühl wieder nehmen können, das ich hatte, als ich während des Erbrechens das Kind in meinem Bauch zappeln spürte. Es hat mir das Herz gebrochen. Nichts habe ich mehr geliebt als dieses Kind in mir, und ich habe es trotzdem nicht geschafft es vor diesem ekelhaften Akt zu schützen. Was für eine Mutter macht das? Oder besser: wie mächtig kann eine Krankheit sein, die eine werdende Mutter zu so etwas treibt?
Es ist eine Tochter geworden. Und eines meiner größten Anliegen war es seit ihrer Geburt, endlich endlich ein normales Verhältnis zu meinem Körper zu entwickeln. Wenn schon nicht für mich (ich bin das Leiden ja gewohnt), dann um es diesem Kind vorzuleben und zu verhindern, dass es in die gleiche Falle tappt.

Der Kampf ist eigentlich nie zu Ende

Ich frage mich manchmal, was mit mir passiert wäre, wenn ich als Kind und Jugendliche ermächtigt worden wäre, statt gemobbt wegen meines Äußeren. Wie viele Berge ich schon versetzt hätte und wie viele Systeme umgeworfen, wenn ich nicht über 15 Jahre mit dem verzweifelten Versuch „schön und schlank“ zu sein beschäftigt gewesen wäre. Ich interessiere mich für so viele Dinge, und mein Wissensdurst und mein “Hunger” nach Leben waren schon immer groß. Trotzdem ist es mir über so viele Jahre nicht gelungen, irgend etwas anderes zu tun, als krampfhaft um ein paar Kilo weniger zu kämpfen, und nebenbei den Alltag irgendwie zu überstehen. Ich habe nur funktioniert, kaum gelebt. Kunst machen, schreiben, die Welt erforschen, all die Dinge, die ich eigentlich faszinierend finde – ich hatte keine Energie dafür übrig.

Ich muss mich immer noch regelmäßig daran erinnern, mich selbst zu ermächtigen und mir die richtigen Anker dafür suchen. Das ist anstrengend und kein Selbstläufer. Vielleicht wird es irgendwann einer, wenn ich die letzten zwanzig Jahre Selbsthass verlernt habe. Das Bodyshaming von damals (von Freund*innen und auch Familie) hat mich in die Arme der Essstörung getrieben, und die Krankheit mich zwischendurch fast umgebracht. Niemand weiß, wie viele Jahre meines Lebens das letztendlich gekostet hat (von denen abgesehen, die ich meine Zeit an dieses Biest einer Krankheit verschwendet habe). Natürlich ist niemand „schuld“. Es gibt, wie eingangs erwähnt, eine Menge Faktoren, die einen empfänglicher machen für diesen mächtigen Virus Bodyshaming. Aber ich bin der Überzeugung, dass jede*r, der*die Bodyshaming betreibt, zu einer Menge Leid beiträgt. Das Paradoxe ist, dass all diejenigen, die mitmachen, ebenso Opfer sind: Opfer einer Gesellschaft, in der es Normen gibt für Körper und für Schönheit.

Bodyshaming hat viele Gesichter. Das so genannte Fat shaming, was mir passiert ist, ist nur eines davon. Als es mir passierte, hieß es noch “Hänseln” und passierte nur in der realen Welt. Internet gab es für die meisten Verbraucher*innen noch nicht, deswegen war Cybermobbing noch kein Thema. Heute sind die Kanäle, auf denen es passiert, vielfältiger. Vor allem aber sind sie anonymer und indirekter, was dazu führen kann, dass die Aggressoren zusätzlich enthemmt sind. Es fällt leichter, jemanden per Internet “fett und widerlich” zu nennen, als es der Person ins Gesicht zu sagen.

Feiert die Vielfalt!

Wäre es stattdessen nicht toll, wenn wir die Vielfalt leben dürften und die Vielfalt lieben würden? Wir sollten nicht versuchen, einander in irgendwelche Schablonen zu pressen. Wenn das gelingt, fällt der ganze Druck ab, sich irgendwo anpassen zu müssen – vor allem optisch, aber nicht nur! Die frei werdende Energie, die Emotionen, das alles kann vielleicht auch erst mal unheimlich sein, denn wenn man immer bemüht war, irgendwo “hinein zu passen”, dann hatte man eine Beschäftigung. Aber sollte das wirklich unser Lebensinhalt sein, wo es da draußen doch Welten zu entdecken und Systeme umzuwerfen gibt?

Vero ist Nerd, Weltverbesserin und manchmal Zynikerin. Meistens ist sie pragmatisch, manchmal ideologisch. Sie hat Respekt für Andersdenkende, aber kein Verständnis für soziale Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Deswegen schreibt sie gegen verkrustete Strukturen an und versucht ansonsten, es einfach besser zu machen und ein gutes Vorbild zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.