Über Macht, Privilegien und Strukturkategorien

Über Macht, Privilegien und Strukturkategorien

Strukturkategorien bestimmen beinahe alle Bereiche des menschlichen Lebens. Egal ob Menschen sich selbst in diese einteilen oder durch soziale Normen und gesellschaftliche Strukturen in diese eingeteilt werden, diese Kategorien haben einen massiven Einfluss auf unser Handeln und darauf, wie wir uns und andere wahrnehmen. Doch was sind Strukturkategorien und welche Rolle spielen sie im Bereich der Gender und Queer Studies?  Dieser Artikel soll sich der Frage stellen, warum Kategorien innerhalb der Queer und Gender Studies kritisch betrachtet werden und welche Macht sie auf die Gesellschaft haben. Vor allem ist es wichtig, den Fokus auf die Opfer der Diskriminierung zu legen. Denn diese gehen aus der angenommenen Natürlichkeit von Strukturkategorien und ihrer Effekte hervor.

Strukturkategorien sind so vielseitig wie Menschen selbst, allerdings gibt es einige, die von der Gesellschaft als gegeben und häufig auch als natürlich angesehen werden. Bei diesen Kategorien handelt es sich um Dinge wie Geschlecht, Alter, Ability/Disability Klasse, sexuelle Identität oder auch Race. Niemand ist nur Teil einer einzigen Kategorie, vielmehr werden Einzelnen eine Masse an Strukturkategorien zugeschrieben. So ist niemand nur weiblich, sondern auch beispielsweise jung, Mensch mit Migrationserfahrung und/oder nicht-heterosexuell. Unabhängig davon, ob man sich selbst in diesen Kategorien wohl fühlt, haben sie Einfluss darauf, wie Menschen großgezogen, ausgebildet und von anderen betrachtet und behandelt werden. Von diesen Kategorien ist auch abhängig, wie privilegiert ein Mensch innerhalb einer Gesellschaft ist, beziehungsweise mit welchen Formen der Diskriminierung man konfrontiert wird. So hat es in Deutschland deutliche Vorteile, weiß, männlich, cis, heterosexuell und gebildet zu sein, während Menschen, die anderen Kategorien zugeschrieben werden, noch immer Diskriminierung ausgesetzt sind. Außerdem muss daran gedacht werden, dass ein Mensch zwar in Bezug auf einige oder mehrere Strukturkategorien privilegiert sein kann, auf Grund einer oder mehreren anderen Kategorie(n) jedoch trotzdem Diskriminierungserfahrungen machen kann. Hier spielt der Begriff der Intersektionalität eine große Rolle. Dieses Wort kommt von dem englischen Begriff intersection, was Kreuzung bedeutet. Die Vorstellung, dass man Strukturkategorien nicht einzeln und unabhängig voneinander betrachten kann, nennt sich Intersektionalität. Hier einige Beispiele zum besseren Verständnis: Weiße heterosexuelle Frauen* profitieren häufig von den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften, die aus den Strukturkategorien Race und sexuelle Identität resultieren, obwohl sie als Frauen* diskriminiert werden, während Women of Colour (nicht-weiße Frauen) und/oder queere Frauen* von mehreren Diskriminierungsstrukturen betroffen sind. So werden Women of Colour nicht nur als Frauen und als Person of Colour diskriminiert, sondern auch explizit als Women of Colour. Strukturkategorien sind also miteinander verwoben und sollten nicht einzeln und als unabhängig voneinander betrachtet werden, da sonst zu schnell auf vereinfachte Erklärungsmuster für Diskriminierung zurückgegriffen wird.

Im Feld der Gender und Queer Studies spielen dementsprechend nicht nur die Strukturkategorien Geschlecht und Sexualität eine entscheidende Rolle, sondern alle Kategorien, da die Situation jeder Frau* und queeren Person so divers sein kann wie Menschen selbst. Im Laufe der Geschichte hat sich die Frauenbewegung weiterentwickelt und aus ihr heraus auch die Queer und Gender Studies. Wo zunächst nur weiße, oft heterosexuelle, meist akademisch gebildete cis-Frauen ihre Rechte einforderten, zeigte sich bald, dass die von ihnen gefochtenen Kämpfe Women of Colour, Frauen mit Behinderungen und queere Menschen oft ausschlossen. So entwickelte sich seit den 1990er Jahren das Feld der Queer und Gender Studies, das versucht, alle Strukturkategorien und dadurch alle Frauen* und queere Menschen einzuschließen und in einem wissenschaftlichen Rahmen kritisch zu betrachten.

Ein wichtiger Bereich der Queer und Gender Studies fällt der Dekonstruktion dieser Kategorien zu. Anders als häufig behauptet, sind Strukturkategorien und vor allem die Erwartungen, die mit ihnen verbunden werden, nicht natürlich gegeben, sondern durch Gesellschaft und Geschichte konstruiert. Noch immer gehen Menschen davon aus, dass es zwei natürliche Geschlechter gibt und dass sex und gender zwangsläufig immer eine Einheit bilden. Auf diese Weise schließt die Kategorie Geschlecht automatisch Transpersonen, genderqueere Menschen oder auch Interpersonen aus. Gleichzeitig werden auch an cis-Menschen Erwartungen auf Grund der Kategorie Geschlecht gestellt. So wird beispielsweise davon ausgegangen, dass cis-Männer weniger emotional seien als Frauen* und cis-Frauen einen natürlichen Mutterinstinkt haben. Lange hat man Frauen kategorisch das Wahlrecht abgesprochen, da sie zu emotional, fragil und dumm für Politik seien. Diese verfestigten Strukturen der Strukturkategorie Geschlecht führen in diesen Fällen also dazu, dass Herrschaftsverhältnisse und Diskriminierungsformen aufrechterhalten und vor allem legitimiert werden. Ein Ziel der Queer und Gender Studies ist es, diese Herrschaftsverhältnisse und diskriminierende Strukturen aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen. Dazu müssen auch Strukturkategorien als soziale Konstrukte enttarnt werden.

Die Kritik an gegebenen Herrschaftsverhältnissen stößt häufig auf starken Widerstand innerhalb der Gesellschaft. Viele Menschen profitieren von den sozialen Konstrukten durch Strukturkategorien. Sie haben Privilegien inne, die sie jedoch häufig nicht als Privilegien, sondern als natürliche Rechte wahrnehmen. Wann immer in der Geschichte eine oder mehrere Kategorien und ihre Macht und Effekte hinterfragt oder angezweifelt wurden, stießen die Aktivist*innen zunächst auf Widerstand. Prominente Beispiele hierfür sind die Forderung nach dem Frauenwahlrecht, die Abtreibungsdebatten, die häufig unter dem Motto „Mein Bauch gehört mir!“ geführt wurden, oder auch der Widerstand schwarzer Menschen gegen die Rassendiskriminierung in den USA.
Auch heute gibt es immer noch starke Ungleichheiten von Machtverteilungen, die zu einem Großteil auch darauf beruhen, dass Menschen gewisse Strukturkategorien und ihre Zuschreibungen als gegeben und natürlich betrachten. So verweigern einige konservative Menschen nicht-heterosexuellen Paaren das Recht der Ehe, mit zum Teil abstrusen Begründungen wie dem Schutz der Familie. Diese leider immer noch sehr aktuelle Debatte zeigt, wie wichtig es ist, die Funktion und Macht dieser Kategorien zu hinterfragen und Privilegien deutlicher aufzuzeigen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass das Recht, in Deutschland zu heiraten, für sie zwar wie ein Recht wirkt, in der Realität jedoch an die Kategorie sexuelle Identität gebunden und damit mitnichten ein Recht, sondern vielmehr ein Privileg ist. Paare, die der als natürlich angesehenen Heteronormativität nicht entsprechen, wird dieses „Recht“ nicht gewährt, sie werden also auf Grund ihrer sexuellen Identität diskriminiert.
Ein wichtiger Faktor innerhalb der Queer und Gender Studies bei der Dekonstruktion von Strukturkategorien ist auch die Verdeutlichung, dass die oben schon erwähnte Naturgegebenheit einiger Kategorien und vor allem der daraus folgenden Konsequenzen konstruiert und daher das genaue Gegenteil von naturgegeben sind. Die Unterscheidung von sex, dem biologischen Geschlecht, und gender, dem sozialen Geschlecht, ist hier ein Beispiel dafür, wie die Gender und Queer Studies helfen, diese Konstruktionen aufzuweichen. Lange wurde Geschlecht als etwas natürlich Gegebenes wahrgenommen und sich nicht mit dem Geschlecht, das einem bei der Geburt zugeschrieben wurde, zu identifizieren, galt als falsch, verwerflich und krank. Mittlerweile haben Transmenschen in vielen Ländern sehr viel mehr Rechte und Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren, auch dank der Queer und Gender Studies.
Doch solange Menschen noch immer auf Grund diverser Strukturkategorien Diskriminierung erfahren und Menschen auf ihre Privilegien bestehen, ist es von größter Relevanz, dass die Queer und Gender Studies auch weiterhin an der Dekonstruktion dieser Kategorien arbeiten.

Es stellt sich die Frage, ob es in den Queer und Gender Studies in einigen Fällen nicht trotzdem sinnvoll oder sogar wichtig sein kann, vorübergehend mit diesen Kategorien zu arbeiten. So muss anerkannt werden, dass Kategorien gesellschaftliche Relevanz haben und zu den oben erläuterten Diskriminierungsmustern führen können. Um diesen Mustern entgegen zu wirken, ist es in einigen Fällen von Nöten, sich der existierenden Kategorien zu bedienen, um kurzfristige Erfolge verbuchen zu können. Beispielhaft kann hier die Forderung nach einer Frauenquote in Politik und Wirtschaft genannt werden. Zwar bedient sich diese Forderung an dem von den Queer und Gender Studies kritisierten Konstrukt der binären Geschlechtervorstellung, allerdings ist es in diesem Zusammenhang notwendig, diese zu nutzen, um den kurzfristigen Erfolg der Quotenregelung durchsetzen zu können. Selbstverständlich muss dabei auch immer bedacht werden, dass die Nutzung der Strukturkategorie Geschlecht, genau wie die Quote selbst, nur eine kurzfristige Übergangslösung ist. Diese soll mittel- und langfristig nicht mehr notwendig sein, da das Ziel ja ist, Diskriminierungsformen einzudämmen.
Trotzdem zeigt sich an diesem Beispiel deutlich, wie auch die Überwindung von Kategorien und den aus ihnen resultierten Nachteilen für die betroffenen Gruppen nicht immer ganz ohne die Nutzung dieser Kategorien auskommt.

Ein anderes Beispiel für die positive Nutzung von Strukturkategorien zum Erreichen kurzfristiger Ziele ist die Selbstdefinition von vielen Menschen als nicht-hetero oder -cis. Menschen, die sich beispielsweise als trans, asexuell oder genderqueer definieren, tun dies häufig, um sich selbst zu empowern. Gerade LGBTIQAP*-Gruppen benutzen sogenannte Labels häufig, um sich selbst innerhalb der Gesellschaft sichtbarer zu machen. Zwar ordnen sie sich in diesem Moment selbst wieder in die Kategorien ein, die sie innerhalb der Gesellschaft als andersartig darstellen und diskriminieren, jedoch gibt es ihnen auch die Macht der Sichtbarkeit. Außerdem kann die Nutzung eines Labels für viele Menschen neben der Sichtbarkeit auch das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Da wo Strukturkategorien sie marginalisiert haben, kann die bewusste Nutzung und auch Abgrenzung von diesen Kategorien diesen Menschen die Möglichkeit zur Selbstdefinition geben.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Strukturkategorien innerhalb der Queer und Gender Studies eine große Rolle spielen und immer gespielt haben. Sie haben Macht und bergen ein großes Maß an potentiellen Diskrimierungserfahrungen und müssen deshalb sichtbar gemacht und kritisch betrachtet werden. Gleichzeitig ist es oft jedoch notwendig, bei der Überwindung der Auswirkungen, die Kategorien auf die Gesellschaft haben, die Kategorien selbst für kurzfristige positive Ziele zu nutzen.

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