Das Filmfest Hamburg

Das Filmfest Hamburg
(oder: Starke Frauenfiguren und wo sie zu finden sind)

Die Frau als solche, was immer das istii, ist ja bekanntlich im Film nicht einfach zu portraitieren. Ständig ist die Darstellung zu eindimensional, zu konservativ, zu unbekleidet, zu hübsch bekleidet – für Autor*innen ist das Schreiben tatsächlicher Menschen die königliche Disziplin, ist doch nicht einfach einzugrenzen, was eine akkurate Darstellung eines Geschlechts denn bitte meinen soll. Oder die Darstellung jeglicher Menschengruppen. Klar ist: Eine Figur kann nie einer Gruppe gerecht werden, und das muss sie auch gar nicht. Die Diskussion um Repräsentation ist mehr eine der wiederkehrenden Muster, wobei der*diejenige Autor*n gewinnt, der*die Individuen aus einer Peergroup beschreibt, statt nur bestehende Stereotype zu übernehmen.

Für die Darstellung von Frauenfiguren eine Muster-Lösung zu finden, ist deshalb natürlich ein vermessener Ansatz. Vielmehr geht es darum, Muster zu durchbrechen, die schon lange immer wieder wiederholt werden.

Nach den dicht gepackten Kinobesuchen des Hamburger Filmfests bleibt besonders eine Erkenntnis: Frauen sind ambivalenter als ihre Darstellung in den meisten Filmen. Vor allem zwei Schlagworte hatten jedoch alle Filme gemeinsam, die ich auf diesem Festival gesehen hab: Kompetenz und Selbstbestimmung. Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein können eben auch der Anfang einer Figurenentwicklung sein, nicht nur das Ende. Diese Filme stellen Frauen vor, die gut in ihren Aufgaben sind und denen wir dabei zusehen dürfen, wie sie Wissen und Können zeigen. Und das nicht in Form der coolen Hackerin an ihrem Schreibtisch, deren Aktionen eh kaum ein*e Kinozuschauer*in wirklich beurteilen kann. Nicht in Form der leicht bekleideten Schwertkämpferin, die beeindruckend aussieht, aber deren einstudierte Kampfsequenzen doch als eben solche erkennbar bleiben. Vielmehr ist es die junge Frau, die sagt dass sie ein Medium ist und dafür interessierte Nachfragen statt Widerspruch bekommt. Die Mutter, die unter Beschuss mit den Meinungen anderer für die Interessen ihres Kindes eintritt. Diese Figuren richten sich an einem Rückgrat aus Anerkennung und Aich-selbst-nicht-ständig-in-Frage-stellen auf und kommen wie echte Menschen daher. Wie schon gesagt: Es gibt kein Modell für die Darstellung einer Menschengruppe. Soll es auch nicht. Aber eingespielte Muster verdienen einen Gegenpol. Das Filmfest Hamburg hat mir einige Filme mit einem solchen Gegenpol gezeigt, die ich hiermit wärmstens weiterempfehle.

Personal Shopper

Eine junge Frau streift im Zwielicht durch ein leeres Haus. Suchend. Lauschend. Die Kamera folgt ihrem Gang geisterhaft, während ihre Schritte auf dem Parkett laut hallen. Sie zögert, dann fragt sie in den leeren Raum. „Lewis?“ Maureen ist ein Medium, aber was genau nach dem Tod kommt, weiß auch sie nicht. Das ist, was „personal shopper“ zu einem furchteinflößenden Film macht: So sehr seine Zusammenfassung nach einem Genrefilm klingen würde, fühlt er sich doch die meiste Zeit einfach nur nach Leben an. Ohne Gewissheit, ohne Sicherheit, ohne Erklärung. Kristen Steward hypnotisiert als tapfere, in sich gekehrte Maureen, ihr unliebsamer Job als unheilverheißender Gegenspieler.

Three Generations (vorher: About Ray)

Wenn die lesbische Großmutter den Unterschied zwischen transgender und boy-ish nicht versteht und mit „Sleeping with women doesn’t make me an open-minded person, it just makes me happy“ kontert, ist das ein familiärer Konflikt, der es das erste Mal auf die Leinwand schafft. Wer LGBTQ-Figuren sehen will und dabei auch noch jede Menge selbstbestimmte Frauen, die ihre Lebensentwürfe an keiner Norm messen, landet mit Three-Generations bei einem überraschend leichten Film über die bevorstehende Geschlechtsangleichung des 16-jährigen Rayiii. Hübsch, hip, mit akkuratem Medieneinsatz und ein bisschen Gilmore-Girls Flair hat dieser Film nebenbei eine ganze Menge Info für jene, die bisher wenig Wissen über Transgender-Menschen haben.

Die Figuren hier sind schnell, eckig und aktiv. Sie wollen Dinge bewirken und werden ständig dabei gezeigt, wie sie machen. Sie machen ihre Arbeit, machen sich allein auf den Weg, machen Fehler. Sie machen interessante Dinge und geben mit jeder Aktion etwas über sich preis, das sie nachvollziehbar macht, ohne eine etablierte Schublade zu öffnen.

Cetrain Women

Ich will schreiben, wie still sie sind. Sind sie aber gar nicht, sie reden nur wenig. Certain Women ist etwas für Beobachter*innen. Für Fans – von Kelly Reichhardt, aber auch ihrem großartigen Cast aus Laura Dern, Carey Mulligan, Lily Gladstone und Kristen Steward.Und auf jeden Fall für alle, die sehen wollen, dass es sehr wohl möglich ist, ambivalente Figuren auf Leinwand zu bringen ohne sie zu erklären. Zu zeigen statt auszustellen und zu erzählen statt zu urteilen. Vier unterschiedliche Frauen die sich nicht dafür entschuldigen, wie sie sind und unbeirrt, fast stoisch ihren Weg zu kennen scheinen, auch wenn sie zögern und zweifeln.

Lovesong

2016 einen Film zu drehen, in dem zwei Frauen langsam und zaghaft um die Möglichkeit einer gemeinsamen Beziehung schleichen, klingt fast zwangsläufig heteronormativ. Nicht mutig genug um out zu sein, obwohl, in diesem Film, gesellschaftlich nicht mal ein Problem bestünde. Lovesong ist nicht heteronormativ. Wer der aufmerksamen Sarah zusieht, findet die Unsicherheit wahrscheinlich jedes*r Mitzwanzigers*in, findet gleichzeitig Taubheit und Zuneigung. Es ist die Abwesenheit von Lebensentscheidungen und die Überschwänglichkeit von Lebensdurst, die Sarahs Freundschaft zu Mindy trägt. Und Freundschaft ist es, worum es geht, wenn die beiden mit Blicken und Berührungen umeinanderschleichen, unschlüssig, wie sie mit ihrer Zuneigung umgehen sollen. Vielleicht der erste Film der es schafft, ein Coming out vor sich selbst zu thematisieren, ohne andere Menschen sich einmischen zu lassen.

Abgesehen davon ist es auch ein Film, der sich traut, Hintergrundwissen über das Wer, Wann und Was auch im Hintergrund bleiben zu lassen, und statt dessen den frei werdenden Platz mit Nahaufnahmen füllt. Wo andere Filme eine Achterbahn sein wollen, tanzt Lovesong ein Riesenrad, Riley Keough und Jena Malones Gesichter als Spiegel eines Gewichts, das sich von den Figuren hebt, sich aber immer wieder auf sie senkt.

Strawberry Bubblegum

Dieser Film ist noch ganz jung und frisch und will ganz spritzig und witzig sein -weshalb man ihn ja schon auch irgendwie mögen muss. Aber mehr so, wie man Strawberry Bubblegum als Kind mochte: immer nur kurz. Dann ist es ziemlich künstlich, irgendwie zu gewollt und ein bisschen eklig. Dabei hat zumindest der Film eine solide Grundlage. Zwischen Vatersuche-Story und Roadmovie finden hier zwar ganz viele Konzepte, Rollen und Rythmen nicht zueinander, dafür trifft trashiges Design auf classy Frauen und selbstbestimmte Mädels. Das verträgt sich erstaunlich gut und hätte eine starke Sache werden können -in einem Film für Erwachsene.

Die meisten oben genannten Filme starten im Frühjahr 2017 in den Kinos.

Three Generations wird während der lesbisch-schwulen Filmtage Hamburg vom18.-23. Oktober gezeigt.

iiDie in diesem Artikel oft erwähnte „Frauenfigur“ bezieht sich auf die Darstellung von Figuren, die sich als Frau identifizieren, verweist aber auch auf alle Darstellungen dessen, was „Weiblichkeit“ meinen kann oder könnte. Dies Die Figur „Ray“ wird damit ausdrücklich nicht als Frauenfigur gezählt.

iiiRay wird gespielt von der Cis-Schauspielerinn Elle Fanning, was erneut zu Diskussionen über die Repräsentation von Trans-Schauspier*nnnen geführt hat.

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