Kleine Geschichte des Feminismus – Teil 1: Die Aufklärung

Kleine Geschichte des Feminismus – Teil 1: Die Aufklärung

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Wir bewegen uns in der Zeit, in der die Frauenbewegung noch in ihren zarten Anfängen steckte. In Europa ging es politisch rund und in Frankreich wurden nach amerikanischem Vorbild die allgemeinen Menschenrechte ausgerufen. Nur dass es sich dabei um Männer*rechte handelte und Frauen* außen vor blieben. Noch.
Willkommen im Zeitalter der Aufklärung!

„Les hommes naissent et demeurent libres et égaux en droits. Les distinctions sociales ne peuvent être fondées que sur l’utilité commune.“ (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen)
„Die Menschen (Männer) werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.“ (Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, 1789)

Nicht alle von uns haben sich in der Schule brennend für den Geschichtsunterricht interessiert. Aber den meisten ist das Kapitel „Französische Revolution“ zumindest schemenhaft in Erinnerung geblieben. Da war doch was… Erklärung der Menschenrechte und so? Genau! 1789 war es, als dieses Dokument verfasst wurde. Das war zur Zeit der Aufklärung, als Demokratie und Freiheit sich in Frankreich für alle Menschen durchsetzten.
Doch Moment! Für alle Menschen? Das französische „hommes“ kann mit “Männer” oder „Menschen“ übersetzt werden. Gemeint waren aber: Männer*. Frauen* galten von jeher, und auch zu Zeiten der Aufklärung nicht als gleichwertige Menschen. Sie waren politisch, sozial und rechtlich den Männern* nicht gleichgestellt. 1762 hat Jean-Jaques Rousseau noch geschrieben, die Frau* sei “eigens dazu geschaffen, dem Mann zu gefallen”. Das durfte man damals noch ohne Aufschrei so veröffentlichen.
Frauen* waren nicht „mündig“, das waren per Definition nur Männer*. Und nur „mündige Bürger“ waren mit der bahnbrechenden Erklärung gemeint. Frauen* durften trotzdem nicht wählen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, hatten keine Berufsfreiheit und keine Eigentumsrechte. Es ist durchaus ironisch, dass die Erklärung dieser Rechte eigentlich alle Menschen freier und gleicher machen sollte, de facto aber sogar Frauenrechte zurückdrehte. Denn es war zwar nur unter Adligen so, aber vorab gab es durchaus Frauen*, die vorher auf Grund ihres Status Rechte hatten, zum Beispiel wegen Grund- und Landbesitz. Noch ironischer wird es, wenn man bedenkt, dass die Anfänge der Revolution zu einem wesentlichen Teil von Frauen* getragen wurde. Sie waren es, die sich aufmachten, nach Paris marschierten mit Heugabeln und Protest im Gepäck. Frauen* waren es, die dem Umbruch den notwendigen Tritt verpasst haben, damit er ins Rollen kam.
Umso bitterer, dass die Männer den Umbruch nur für sich proklamierten. Die Rechte, die für alle Männer* damals ausgerufen wurden, musste der Feminismus über lange Jahrzehnte, ja Jahrhunderte (!) erst für Frauen* erkämpfen. Einige mutige Frauen* gingen voran. Eine dieser Kämpferinnen war Olympe de Gouges. Ihre Forderungen waren geradezu radikal, was ein Grund sein mag, dass sie später vielfach von der Geschichtsschreibung unter den Teppich gekehrt und sogar als verrückt bezeichnet wurde.

Olympe de Gouges – Alle Menschen sind gleich, und Frauen gehören dazu

Olympe de Gouges war mit 17 Jahren zwangsverheiratet worden und früh politisch interessiert und aktiv. Kein Zufall, dass sie sich für Frauen*rechte einsetzte, beispielsweise die Möglichkeit, dass Frauen* die Scheidung einreichen konnten. Bereits vor der Französischen Revolution hatte sie Bücher und Schriften zu Frauenrechten veröffentlicht. Sie setzte sich auch gegen die Sklaverei und andere soziale Ungerechtigkeiten ein. Als 1789 die “Rechte der Männer und Bürger” verkündet wurden, ärgerte sie sich zu Recht über den Ausschluss der Frauen* von diesen Rechten. Die neue Verfassung, in die 1791 die “Rechte der Männer und Bürger” einflossen, erklärte gleichzeitig alle Menschen für gleich, um im selben Atemzug Frauen* davon auszuschließen.

Die Ungerechtigkeit schrie zum Himmel und deswegen setzte sich Olymp de Gouges daran, 1791 die “Erklärung der Frauen- und Bürgerinnenrechte” zu veröffentlichen. Ihre Message war klar: Frauen und Männer sind gleich! Sie haben die gleichen Rechte, und an deren Ausübung dürfen sie nicht gehindert werden.
Der wohl berühmteste Satz aus ihrer Erklärung: „Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen […]“ (Art. X)(Erklärung der Frauen- und Bürgerinnenrechte, 1791)
Am 3. November 2016 jährt sich ihre Hinrichtung zum 223. Mal. Sie war eines der Opfer des neuen Regimes, das sich nach der Revolution herausgebildet hatte. Robespierre, der damals die Macht hatte, wollte ihre politischen Angriffe nicht weiter hinnehmen und das Revolutionstribunal verurteilte sie zum Tode.

Mary Wollstonecraft – Selbstbestimmung und Unabhängigkeit

Zur gleichen Zeit lebte in London Mary Wollstonecraft, die eine wichtige Rolle für den englischsprachigen Raum spielte. Sie war unkonventionell, politisch bewandert und kämpfte ihrerseits für die Rechte der Frauen*. Was während der Revolution in Frankreich passierte fand sie hochspannend. Sie reiste sogar eigens nach Paris, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Heute wäre ganz klar: sie hätte sich mit Olymp de Gouges getroffen, sie hätten ihre Ideen ausgetauscht und diskutiert, sich vernetzt und vielleicht gemeinsame Sache gemacht. Leider sind sich die beiden nie begegnet.
Auch hatte Wollstonecraft einen anderen Grundgedanken: sie war nicht so radikal, dass sie die grundsätzliche Rolle der Frau* in Frage stellte (Kinder bekommen und erziehen). Sie argumentierte stattdessen so: wenn Frauen* Kinder bekommen und zu mündigen Bürger*innen erziehen sollen, dann müssen sie selbst mündig sein. Sonst wären sie dazu nicht in der Lage. Sie sollten selbstbestimmt und unabhängig sein, auch wenn sie sich der “Vernunft” der herrschenden Männer unterwerfen würden. Klingt in unseren heutigen Ohren vielleicht nicht besonders feministisch, damals war das aber schon ein sehr großer Schritt, den sie da verlangte. Und dass die Ideen nicht ganz so radikal waren wie die Olympe de Gouges, könnte dazu geführt haben, dass ihre Ideen und Schriften tatsächlich Einfluss hatten. Sie wurde nicht, wie ihre französische Mitstreiterin, ausgeblendet. Stattdessen wurde im englischsprachigen Raum noch Jahrzehnte später Bezug auf sie genommen. Ihr Grundlagenwerk war die “Verteidigung der Rechte der Frau”. Als kleines Bonbon am Rande sei zu erwähnen, dass Mary Wollstonecraft die Mutter von Mary Shelley war, die durch ihr Werk “Frankenstein” berühmt wurde.

Noch keine Frauenbewegung – und noch ein langer Weg

Man sieht, dass die verschiedenen Auffassungen, Rollenbilder und Konzepte des Feminismus schon zu Zeiten der Aufklärung denen ähneln, die wir auch heute noch diskutieren. Einen ganz gewaltigen Unterschied gibt es aber: damals waren die Frauen* nicht organisiert. Ihr Wirkungskreis war vor allem aufs Private beschränkt. Sie hatten wenig Möglichkeiten sich zu treffen und ihre eigene Revolution für die Frauen*rechte zu planen. Ja, es gab so genannte Frauenclubs, die wurden aber vom Regime der Revolution zügig verboten. Es gab für Frauen* keine Möglichkeit, Politik zu betreiben und sich zu organisieren. Von einer Frauen*bewegung konnte also noch keine Rede sein. Dazu mussten noch einige Jahrzehnte ins Land gehen.

Anmerkung der Autorin: Natürlich kann in diesem Rahmen kein umfangreicher Abriss über geschichtliche Geschehnisse gegeben werden. Ich habe mich daher auf ein Schlaglicht beschränkt, das zwei wichtige Persönlichkeiten in zwei verschiedenen europäischen Sprachräumen darstellt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Quellen und Tipps zum Weiterlesen:
2009: Ute Gerhard “Frauenbewegung und Feminismus”;
2015: Patu/Antje Schrupp: “Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext”;
2011: Michaela Karl: “Die Geschichte der Frauenbewegung”;
https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenbewegung;
https://de.wikipedia.org/wiki/Olympe_de_Gouges;
https://de.wikipedia.org/wiki/Erklärung_der_Rechte_der_Frau_und_Bürgerin;
https://de.wikipedia.org/wiki/Erklärung_der_Menschen-_und_Bürgerrechte;
https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Wollstonecraft;
https://de.wikipedia.org/wiki/A_vindication_of_the_rights_of_woman.

Weitere Artikel aus der Reihe

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 2: Erstes organisiertes Aufbegehren

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 3: Frauenwahlrecht

Kleine Geschichte des Feminismus TEIL 4: Die zweite Welle

Vero ist Nerd, Weltverbesserin und manchmal Zynikerin. Meistens ist sie pragmatisch, manchmal ideologisch. Sie hat Respekt für Andersdenkende, aber kein Verständnis für soziale Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Deswegen schreibt sie gegen verkrustete Strukturen an und versucht ansonsten, es einfach besser zu machen und ein gutes Vorbild zu sein.

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