Was ist Feminismus – und was nicht?

Was ist Feminismus – und was nicht?

Hinweis: Im Text werden teilweise Begriffe benutzt, die nicht für alle Leser*innen gleich verständlich sind. Wir bemühen uns, Fachbegriffe zu vermeiden. Dort, wo das nicht möglich ist, greifen wir Fachbegriffe in unserem Glossar (hier zu finden) auf, welches wir regelmäßig erweitern. Auch der Genderstar (*), der sich in vielen unserer Texte findet, ist dort erklärt.

Feminismus ist ein Thema, über das unglaublich viel geschrieben und gesprochen wird – und erstaunlich viel Blödsinn dabei verzapft wird. Nicht erst seit die Jugendorganisation der AfD auf Facebook den Zettelkrieg “Ich bin keine Feministin, weil…” angefangen hat (nachzulesen hier). Missverständnisse darüber, was der Feminismus eigentlich ist, gibt es schon immer. Höchste Zeit, damit aufzuräumen.

Wenn man Feminist*innen fragt, was sie unter Feminismus verstehen, wird man sehr unterschiedliche Antworten bekommen. Weil für jede*n der Fokus ein bisschen woanders liegt, weil es verschiedene Lesarten gibt, verschiedene Strömungen und Erklärungsansätze. Eine sehr allgemeine Definition besagt, dass es sich um eine Bewegung handelt, die sich für die Gleichstellung aller Menschen und vor allem gegen die Diskriminierung von Frauen und gegen Sexismus gegen Frauen wendet. Das ist sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner. Über alles Weitere gibt es bereits unterschiedliche Ansichten. Auch in der Redaktion der *innenAnsicht sind wir weit davon entfernt darüber hinaus eine allgemeingültige Definition abliefern zu können, die jede*r unterschreiben kann, und das wollen wir auch nicht. Unser Feminismus lebt auch von der Vielfalt. Aber wie schaffen wir es trotzdem, von der gleichen Sache zu reden?
Am einfachsten nähert man sich dem Thema, wenn man es von hinten aufrollt, mit der Frage: Was ist Feminismus definitiv NICHT?

Feminismus ist kein Männer*hass

Das steht ganz oben auf der Liste der größten Missverständnisse in der Geschichte des Feminismus: Feminist*innen hassen Männer. Nein, das tun sie nicht. Mag sein, dass es einzelne radikal männerhassende Feminist*innen gibt. Mit denen kann und will sich von uns keine*r identifizieren, denn sie widersprechen gänzlich dem, was unsere Überzeugung und auch der Kern unseres Feminismus ist, nämlich, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Chancen haben, auf Würde, die freie Wahl unserer Handlungen, Vorlieben, unseres Äußeren und wen und was wir lieben.

Stattdessen sehen wir, dass Männer ebenfalls unter den klassischen Rollenbildern leiden. Dass es bis heute gesellschaftlich nicht üblich ist, dass Männer zuhause bleiben, um den Großteil der Erziehungszeit zu übernehmen oder in Teilzeit arbeiten, wenn sie Kinder haben, obwohl das viele Männer gerne tun würden. Dass Männer*, die “weich” und gefühlvoll sind, als “Mädchen”, “Pussy” oder “Schwuchtel” beschimpft werden (!) und von anderen nicht ernst genommen werden. Es gibt unzählige Beispiele.
Der Feminismus, wie wir ihn verstehen und leben, stellt sich ganz klar dagegen. Die Freiheiten, die wir für Frauen* erkämpfen, sollen auch für Männer* gelten, und auch für Menschen, die sich keinem dieser Geschlechter zuordnen. Das wird im öffentlichen Diskurs leider oft ausgelassen, ist aber ein sehr wichtiger Aspekt, wenn nicht sogar der wichtigste!

Frau* wird nicht Feministin, weil sie “hässlich” ist oder “keinen abkriegt”

Das ist ein beliebter Vorwurf, der Frauen* gemacht wird, wenn sie sich für Frauen*rechte stark machen. Dahinter stecken zutiefst sexistische Grundannahmen, nämlich, dass Frauen* schön sein müssen (für Männer), und dass Frauen* nur dann vollständige und wertvolle Menschen sind, wenn sie einen Partner an ihrer Seite haben. Wenn eines davon oder beides auf die betreffende Feministin* nicht zutrifft, wird sie angegriffen. Der Umkehrschluss ist, Feminismus sei eine Ersatzhandlung oder Trotzreaktion derer, “denen sowieso keine Wahl bleibt”.

Abgesehen davon, dass Attraktivität eine sehr subjektive Angelegenheit ist, und darüber hinaus manche Menschen keine*n Partner*in wollen, gibt es genug Menschen, die trotz Normschönheit und großer Sehnsucht nach einer Beziehung auch keine*n Partner*in haben. Gleichzeitig gibt es normschöne Feminist*innen, zuhauf solche mit Partnerschaften und: es gibt Männer*, die Feministen sind. Die Verunglimpfung, Frau* werde Feministin, weil sie hässlich oder einsam sei, ist nichts weiter als das: eine Unterstellung und ein bösartiger Angriff. Ein Versuch, uns dort zu treffen, wo es gefälligst weh tun soll, wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, die männlich geprägt ist und Männer* die Deutungshoheit haben.

Feminist*innen sind nicht alles lesbische Frauen*

Vielleicht ist es für lesbische Frauen* auf den ersten Blick zugänglicher, wozu wir den Feminismus brauchen. Sie leben weniger in emotionalen und wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen mit Männern*. Sie haben nicht das “Problem”, dass sie Männern*, gegen deren Vorherrschaft sie kämpfen, vielleicht auch gefallen und romantische Beziehungen mit ihnen eingehen wollen. Das macht das Spannungsfeld zweifelsfrei kleiner, aber Lesben haben es deswegen ja nun auch nicht einfacher und leben diskriminierungsfreier. Nein, es gibt zwar lesbische Feminist*innen, aber das bedeutet weder, dass jede Lesbe Feminist*in ist, noch, dass jede Feminist*in auf Frauen* steht. Es gibt heterosexuelle, bisexuelle, pan- und asexuelle Feminist*innen. Und ja, es gibt eine große Anzahl Männer*, die ebenfalls Feminist*innen sind, ebenfalls unterschiedlichster sexueller Orientierung. An dieser Stelle wollen wir klarstellen: Die sexuelle Orientierung und das Geschlecht haben mit der feministischen Grundüberzeugung nichts zu tun. Stattdessen ist die Behauptung, alle Feminist*innen seien Lesben eine Steigerung dessen, was wir vorher schon als Verunglimpfung entlarvt haben. Nämlich, dass manche Frauen* hässlich seien, deswegen keinen abbekommen und darum dann lesbisch werden. Hier spielt auch die Grundannahme hinein, dass Frauen* einen Mann* brauchen, um “vollständig” zu sein, und Homo- oder Bisexualität bei Frauen* nicht ernst genommen wird. Als würde sich diese in Luft auflösen, “wenn sie* nur den richtigen Kerl findet”.

Es geht nicht darum, die klassische Rollenverteilung umzudrehen

Ein ebenfalls weit verbreitetes Vorurteil ist das, dass der Feminismus von allen Frauen* verlangt, in “männliche*” Rollen zu schlüpfen, Karriere zu machen statt Kinder zu bekommen, vielleicht doch Familie zu gründen, dann aber bitteschön den Mann* die Erziehungsarbeit machen zu lassen. Kurz: die bisherige klassische Rollenverteilung einfach umzudrehen. Frauen*, die sich trotzdem entscheiden, Hausfrau und Mutter zu sein, wären demnach Feind*innen des Feminismus und zu verurteilen. Weit gefehlt! Feminismus, wie wir ihn verstehen, lässt Frauen* und auch Männern* alle Wahlmöglichkeiten. Wer welche Rolle beispielsweise in einer Familie oder auch im Arbeitsleben übernimmt, sollte aber niemals eine Frage des Geschlechts sein, sondern der ganz persönlichen Entscheidungen. Und diese Entscheidungen sollen nicht gesellschaftlich, politisch oder wirtschaftlich vorgeprägt sein.

Unser Feminismus verurteilt Frauen* und Männer* nicht für persönliche Entscheidungen

Ob eine Frau* sich die Beine rasiert (oder ein Mann*) oder nicht, ob er*sie Lippenstift trägt, kurze Röcke oder Hosen, falsche Fingernägel aufklebt oder sich die Brüste vergrößern lässt. Ob ein Mensch sich gänzlich dagegen wehrt, irgendwie geschlechtsspezifisch aufzutreten oder ob er*sie bewusst mit Geschlechtsidentitäten spielt. Ob sich ein Paar für eine klassische Rollenverteilung entscheidet, diese umkehrt oder ganz andere Modelle wählt. Das alles ist völlig in Ordnung (und vollkommen egal). Feminismus wehrt sich dagegen, dass Tätigkeiten, Charaktereigenschaften und Möglichkeiten auf Grund des Geschlechts zugeschrieben oder verwehrt werden. Das bedeutet aber auch, dass es selbstverständlich nicht unfeministisch ist, sich als Frau* zu schminken oder als Mann* der Hauptverdiener in der Familie zu sein. Es geht vor allem darum, dass es nicht als Ausnahme beäugt (oder belächelt) wird, wenn der Lebensentwurf von der gewohnten Norm abweicht. Die Ausnahmen sollen Regeln sein, und zwar alle.

Was ist also nun Feminismus?

Unsere Überzeugung und auch Kern unseres Feminismus ist, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Chancen haben, auf Würde, die freie Wahl unserer Handlungen, Vorlieben, unseres Äußeren und wen und was wir lieben. Und das alles unter allen Umständen diskriminierungsfrei! Unser Feminismus ist queer und geschlechtsübergreifend, er setzt sich über sozialisierte Geschlechtsidentitäten hinweg und darüber, dass Menschen aufgrund biologischer Faktoren bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben oder abgesprochen werden. Feminismus will vor allem eines: Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Wobei Gleichheit nicht bedeutet, dass alle gleich sein sollen, sondern im Gegenteil: das alle das gleiche Recht auf Entfaltung haben.

Vero ist Nerd, Weltverbesserin und manchmal Zynikerin. Meistens ist sie pragmatisch, manchmal ideologisch. Sie hat Respekt für Andersdenkende, aber kein Verständnis für soziale Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten. Deswegen schreibt sie gegen verkrustete Strukturen an und versucht ansonsten, es einfach besser zu machen und ein gutes Vorbild zu sein.

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