Einladung statt Kampfansage

Einladung statt Kampfansage

Mit Einhornrap hat die Rapperin FaulenzA gerade ihr drittes Album rausgebracht. Und bald steht schon das nächste Highlight an: Die queere Aktivist*in veröffentlicht im Oktober auch noch ihr erstes Buch, in dem sie sich mit Trans*misogynie auseinandersetzt. Im Gespräch mit *innenAnsicht erzählt FaulenzA über ihr neues Album und ihre Erfahrungen als Transfrau – auch über Ausschlüsse in feministischen Kreisen.

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FaulenzAs neues Album Einhornrap ist im September 2016 beim Label Springstoff erschienen.

FaulenzA, ich würde dir gerne ein paar Fragen zu deiner Musik, deinem Aktivismus und deinem Leben als Trans-Frau stellen. Bei der Suche nach Fragen fällt auf, dass diese Themen eigentlich nicht einzeln zu behandeln sind. Deine Musik ist stark mit deinem Leben als Aktivistin und Transfrau verbunden. Kannst du dir überhaupt vorstellen, unpolitische Musik zu machen?

Ich finde, das ist eine schwierige Frage. Die Frage ist ja: Was ist politisch und was nicht. Ich würde mich als politischen Mensch sehen und schreibe vor allem über die Sachen, die mich gerade beschäftigen und meine Gefühle. Das sind oft Themen die ich schon politisch finde, zum Beispiel, wenn ich über queere Themen schreibe, wie etwa Diskriminierung, aber auch über andere Themen wie Anarchismus oder Grenzen. Ich weiß gar nicht wie ich das trennen kann, wann meine Musik politisch ist und wann nicht.

Unter unpolitischer Musik würde ich verstehen: Musik, die keinen Anschluss an größere politische Themen findet. Es gibt ja Musiker*innen, die dafür kritisiert werden, dass sie sehr private Musik machen und sich nicht zu Themen äußern. Deine Antwort lässt eher vermuten, dass du dir nicht vorstellen könntest, unpolitische Musik zu machen.

Ich habe ganz unterschiedliche Themen. In meinen Liedern schreibe ich ja manchmal auch nur über Gefühle wie Traurigkeit und wie ich damit umgehe. Und dann hoffe ich, dass sich andere darin wiederfinden können, sich verstanden fühlen können und daraus etwas ziehen können für sich. Das ist für viele vielleicht kein politisches Thema. Oder wenn ich eine Liebesgeschichte schreibe, dann sind das ja eher private Themen, aber auch das hat ja manchmal was Politisches. Alleine offen über eine queere Liebesgeschichte zu singen . . .

Als ich dich vor einigen Jahren auf der Bühne gesehen habe, warst du noch einsame Punkerin mit Gitarre und kapitalismuskritischen Texten. Deine Musik ist immer noch kritisch und politisch. Aber das Genre hat sich geändert. Wie ist es dazu gekommen?

Ich würde nicht sagen, dass ich das Genre gewechselt habe. Hip-Hop ist eher dazugekommen. Aber ich mache zusätzlich auch weiter Singer Songwriter Musik. Rap und Singer/Songwriter macht mir einfach beides Spaß. Ich schreibe auch immer mal wieder Musik für Gitarre und Gesang und ich werde auch mal wieder ein Singer Songwriter Album rausbringen. Hip-Hop ist dazugekommen, weil mich andere Rapperinnen inspiriert haben, zum Beispiel Sokee oder Lena Stöhrfaktor, und weil ich für deren Musik Interesse gefunden habe. Ich fand die Beats cool und hatte Lust darauf, zu schreiben. Und ich genieße es auch Hip-Hop zu machen, weil ich dann nur das Mikrofon in der Hand habe und auf der Bühne rumtanzen kann. Mit der Gitarre bin ich immer auf einen Punkt der Bühne fixiert und kann nicht so schön rumtanzen.

Hip-Hop ist ein Genre, das oft mit Frauenfeindlichkeit, Homo- und Transphobie verbunden wird. Kommst du mit dieser Szene überhaupt in Kontakt?

Nein, ich bin ganz wenig in der Mainstream-Hip-Hop-Szene unterwegs und da kenne ich mich auch gar nicht so aus. Ich finde es scheiße, dass es so viel Sexismus und Diskriminierungen im Rap gibt und deswegen finde ich es gut, dass es eine alternative Rapszene gibt, wo es ein Bewusstsein für verschiedene Themen wie Sexismus und Rassismus gibt.

„Wir lachen über Leute, die scheiße sind.“

Queer.de schreibt zu deiner Platte: „FaulenzA macht Mut“ Das klingt wie ein großes Kompliment. Auf der anderen Seite hat dein Album aber auch einen pessimistischen Grundton. Du prangerst Missstände an, zeichnest ein eher düsteres Bild unserer Gesellschaft. Gehört es zum Konzept, auf der einen Seite Mut zu machen und auf der anderen Seite klar zu zeigen, was nicht gut läuft?

Ja, so würde ich das beschreiben. Ich habe schon sehr ernste Themen auf meinem Album, wie Diskriminierung. Aber es war mir auch sehr wichtig, die nicht auf eine niederschmetternde Weise zu thematisieren, sondern immer auch mit einem Augenzwinkern und auf positive, Mut machende und bestärkende Weise. Manchmal auch mit Galgenhumor, damit man an der ein oder anderen Stelle auch über einen witzigen Vergleich oder Reim lachen kann. Dass man eher mit dem Gefühl rausgehen kann, wir sind mit viel Scheiße konfrontiert und finden einen Umgang damit. Wir lachen über Leute die scheiße sind. Meine Absicht war es, eher Mut zu machen als niederzuschmettern.

“Support your sisters not your cisters”

Politik gehört zu deiner Musik. Aber auch jenseits von deinen Songs bist du schon seit Jahren politisch aktiv. Du gibst Workshops zu Selbstverteidigung und – behauptung und zu Diskriminierung gegen Trans*weiblichkeiten. Im Oktober erscheint dein erstes Buch “Support your sisters not your cisters”. Wer sollte das Buch lesen?

Ich würde mir natürlich wünschen, dass es möglichst viele lesen. Das Thema des Buches – Diskriminierung von Transfrauen – ist ein Thema, dass ganz wenig präsent ist innerhalb der Gesellschaft und auch wenig präsent in der queeren und feministischen Szene und da würde ich mir wünschen, dass solche Bücher zu diesem Thema viele Leute erreichen, viele Leute darüber reden und sich darüber austauschen. Das ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt.

Sind dein Buch und deine Songs eine Kampfansage an einen frauenzentrierten Cis-Feminismus?

Ich würde es nicht Kampfansage nennen, sondern es eher als Einladung sehen sich mit Trans*misogynie auseinanderzusetzen.

Auch in deinen Songs kritisierst du das Misstrauen von Cis-Frauen gegenüber Trans*frauen in geschützten Räumen. Du rapst darüber, dass du dich in diesen Kreisen oft beobachtet und unwohl fühlst und bezeichnest dies als trans*misogyne Praxis. Hat der Feminismus – sofern es diesen im Singular überhaupt gibt – ein generelles Problem mit Transmisogynie?

In der feministischen Szene, in der ich mich bewege, in Deutschland und vor allem Berlin, da erlebe ich immer wieder, dass es Vorbehalte gegenüber Transfrauen und ein schlechtes Bild von Transfrauen und offene Ausschlüsse gibt. Und auf der anderen Seite gibt es auch total viel Unterstützung und Support. Viele Leute bemühen sich, dazu zu lernen und Räume zu gestalten, in denen sich alle wohlfühlen können. Deswegen würde ich nicht sagen, dass das etwas Generelles ist. Ich finde es ist wie überall anders auch: Es gibt Leute die sehr bemüht sind und andere, die ausschließen und diskriminieren.

Wenn es selbst die linke und feministische Szene nicht immer schafft, Räume zu schaffen, in denen sich Trans-Personen wohl fühlen, wo findest du diese dann überhaupt?

Das ist eine gute Frage. Es gab auch schon Momente, in denen ich mich unwohl gefühlt und mir genau diese Frage gestellt habe. Wenn ich mich selbst in diesen wenigen feministischen und queeren Räumen, die es gibt, nicht wohlfühlen kann und ich Diskriminierung und Ausschlüsse erlebe, da frage ich mich dann schon: Wo kann ich mich zuhause und zugehörig fühlen? Da hatte ich schon Tiefpunkte und habe das sehr, sehr negativ gesehen und dachte, für mich gibt es keinen Ort, an dem ich mich wohlfühlen kann. Jetzt gerade fühle ich mich ein bisschen optimistischer und habe in Berlin meine Orte gefunden, an denen ich mich ganz wohlfühle. Ich hatte gerade auch schöne Momente auf queeren und feministischen Festivals, wo ich gemerkt habe, dass viele tolle Leute unterwegs sind.

Leute haben sich über mich lustig gemacht und es gab auch ein paar bedrohliche Situationen.

Im Lied Schönheitsideal erzählst du von dummen Sprüchen und Grabschereien in deinem Alltag. Kannst du Trends beobachten? Wird das eher weniger oder mehr?

Also wenn ich nur meinen persönlichen Alltag betrachte, dann wird es eher weniger, weil mein Passing einfach besser wird, also dass Menschen nicht erkennen, dass ich trans bin. Früher war das sehr viel schwerer für mich. Bevor ich mit Hormonen angefangen habe und Operationen hatte, wurde ich ganz ganz oft – fast alltäglich – von Leuten auf der Straße beleidigt. Leute haben sich über mich lustig gemacht und es gab auch ein paar bedrohliche Situationen.

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Bildquelle: Facebook

Wie gehst du damit um?

Ich habe Support gesucht in queeren Gruppen. Es war mir sehr wichtig mit anderen queeren Personen zusammen zu sein und mich darüber auszutauschen. Ich habe viel Selbstverteidigung trainiert. Das ist auch der Grund, wieso ich diese Workshops anbiete, weil das wichtig war, um mich selbstsicher draußen bewegen zu können. Ich habe mir Unterstützung gesucht bei Freund*innen. Ich vermeide es, nachts alleine draußen rumzulaufen und wenn es geht, abends alleine nach Hause zu kommen. Ich freue mich immer, wenn ich mit Leute zusammen von Partys nach Hause gehen kann. Und was vor allem früher wichtig für mich war, ist, dass ich auf öffentliche Verkehrsmittel verzichte und eher mit dem Rad fahre.  Oft wurde ich angesprochen, wenn ich in der Straßenbahn oder im Bus war oder an Haltestellen gewartet habe. Das schränkt mich natürlich ziemlich ein, aber da ist es mir einfach wichtig vorsichtig zu sein und nicht Gefahr zu laufen, Stress zu kriegen. Aber Andere haben vielleicht ganz andere Umgangsweisen damit. Ich kann da nur von mir reden.

Aktuell beobachten wir in vielen Ländern ein Erstarken von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Parteien und Organisationen. In Deutschland fallen darunter vor allem Pegida und die AfD, aber zum Beispiel auch die Demo für alle. Sie alle eint unter anderem Transphobie und das Festhalten an alten Geschlechterbildern. Werden der Ton und der Umgang in der Debatte rauer?

Ich kriege schon die rassistische, homo- und auch transphobe Hetze der AfD mit. Es macht mir Angst, zu sehen, dass diskriminierender Hass so viel stärker wird und Leute das so offen propagieren.

Es wird ja dann gefährlich, wenn der Ton der politischen Debatte Auswirkungen auf das alltägliche Leben hat. Wenn du also zum Beispiel sagst, dass du nachts nicht allein auf die Straße gehst…

Total! Es hängt auch miteinander zusammen. Wenn große Parteien ihren Hass propagieren, stachelt es bestimmt viele Menschen an, Gewalt zu verüben, rassistische Brandanschläge zu begehen oder queere Menschen zu verprügeln. Das ist schon sehr gefährlich.

Abschließende Frage: Was wünschst du dir im Umgang mit dem Thema Trans*weiblichkeit von der Gesellschaft, und auch ganz speziell von Leuten, die sich als Allies (Verbündete) verstehen?

Ich finde es gut, wenn Leute merken, dass es Menschen gibt, die diskriminierend sind gegenüber Transfrauen und Trans*weiblichkeiten ausschließen. Es ist gut, dass Leute mit denen reden oder Partys boykottieren, Räume nicht nutzen, wenn sie Transfrauen ausschließen oder das thematisieren, kritisieren und ansprechen. Ich freue mich immer, wenn Menschen auf unterschiedlichster Weise solidarisch sind, indem sie Leute über das Thema informieren und etwa Trans*menschen bei Operationen im Krankenhaus unterstützen. Wenn Leute trans*feindliche Flyer oder Broschüren auslegen, dass Leute dann die Personen darauf ansprechen und denen erklären, warum das falsch ist oder vielleicht auch einen Stapel Flyer einfach mal wegschmeißen. Ich finde allein schon mal ganz wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Das Interview führte Lennart Krotzek.

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