Von Jagenden und Sammelnden.

Von Jagenden und Sammelnden.
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Wenn mich jemand* fragen würde, welches Tier ich werden wollen würde, wenn ich es mit den Menschen als nun dreißigjährige Singlefrau beziehungstechnisch wirklich gar nicht mehr hinkriegen sollte, dann würde ich mich definitiv nicht für den Hummer entscheiden. Denn der Hummer ist ein einsames Tier.

Leider besteht in meiner akuten beziehungstechnischen Rezessionsphase, die eher einen großen Crash als einen aussichtsreichen Boom anpreist, nicht die Aussicht darauf, dass eine zauberhafte Fee in blauem Glitzergewand an die Türe klopft und zu mir sagt: „Du darfst ein Tier sein – das Tier deiner Träume um es genauer zu benennen – Hauptsache du hast keinen Verstand mehr, um über diese ganzen Sachen nachdenken zu können.“ Und so muss ich wohl oder übel mit mir, meiner Persönlichkeit und den Menschen um mich Vorlieb nehmen, es nützt ja alles nichts.

Das Schicksal klopft nicht an die Tür

Im Film The Lobster, (Regie: Yorgos Lanthimos, FR/GB/GR/IE/NL 2015), in dem Colin Farrell sich in einem fixen Zeitraum von 45 Tagen in einer Heilanstalt für partnerschaftlich gescheiterte Singlewesen dazu entschließt, im Falle einer erfolglosen Kuration vom Singledasein, ein Krebstier zu sein, sind die Leute letztlich doch noch etwas schräger als im realen Leben. Und doch sehe ich neben der filmisch verpackten Kritik an der heutigen (Liebes-) Beziehungskultur und auf subtiler Weise an der dualistischen Hassliebe zwischen Kommunismus und Kapitalismus einige Parallelen zum Hier und Jetzt.

Beruhigender Weise ist man als Single heutzutage aber noch nicht so verzweifelt, dass man sich aus lauter Sehnsucht danach, mit irgend einem Menschen etwas gemein zu haben, über körperliche Grenzen geht, indem man das Bluten der Nase selbst induziert, nur weil die potenzielle und gerade verfügbare Angetraute ständig Nasenbluten hat und sich dadurch gemäß des Ähnlichkeitsprinzips die Chancen erhöhen, ein Paar zu werden. Ich meine, wie verzweifelt wären wir denn nur wegen der Aussicht auf ein kleines bisschen Zweisamkeit? Meine Nase ist mir mehr wert als ein temporär begrenztes Hochgefühl.

Naja. Offensichtlich geht das bei uns aber schon in eine ähnliche Richtung, wenn wir uns mal den Markt der Bekämpfung des Singledaseins anschauen. Matching als soziale Strategie ist in aller Munde und wird in immer intelligenter werdenden virtuellen Tools aufgegriffen und optimiert. Du magst klettern, er*sie mag klettern, du willst Kinder, er*sie will Kinder, du willst Sex, er*sie will Sex. Ist doch praktisch, wenn man dazu nicht mehr aktiv suchen muss, sondern eine App hat, die das für einen übernimmt, oder?

Es mag ironisch klingen, aber ich bin wirklich keine Gegnerin von Onlinedating. Im Gegenteil, ich mag es und habe in den letzten 11 Jahren die Entwicklung dieses Marktes nachvollziehen können. Und immer noch treffe ich auf Unverständnis und muss mich mit Vorwürfen arrangieren, ich hätte es besonders nötig, ich suchte krampfhaft nach einem Partner oder ginge mal wieder auf die Jagd.

In vielen medialen Erzeugnissen über die vermeintlichen Unterschiede der Datingstrategien von Männern und Frauen werden Männer häufig als Jagende dargestellt, während Frauen mit den traditionalen Geschlechtereigenschaften von Passivität, Emotionalität, Fürsorglichkeit und der tiefen Sehnsucht nach einer Aschenputtel-Story umschrieben werden. Zum einen erscheint in diesen Assoziationen nicht nur das Motiv der erstrebenswerten, heteronormativen Liebesbeziehung mit einem immerwährenden Happy-End, sondern es schwingt auch das Gefühl eines aggressiven Aktes der Partner*innensuche mit. Neben der Jagd-Metapher werden Mann und Frau in dieser medialen Welt zum anderen als dualistisch miteinander verschränkte Elemente in der Struktur eines Geschlechterantagonismus abgebildet, ohne dabei andere Formen des Liebens einzubeziehen.

Es ist eine primitive Erkenntnis, aber wenn man sich genauer mit Gründen für sein langjähriges Singledasein beschäftigt, erkennt man, dass da gar keine Unterschiede zwischen Mann und Frau sind und dass die kämpferische Partner*innensuche eigentlich eher eine friedliche Menschensuche ist. Das liegt mit Sicherheit u.a. an den heutigen Errungenschaften der Emanzipation, schön und gut. Und doch habe ich oft das Gefühl, es ist immer noch ein Tabu offen dazu zu stehen, dass man es mag, Menschen und in dem Fall Männer kennenzulernen. Und schon wieder sehe ich Parallelen zum Film, wobei das Jagen hier als Rauscherfahrung dargestellt wird, die von echten Gefühlen der Einsamkeit, des Scheiterns an gesellschaftlichen Erwartungen ablenkt. Während im Film der Lebensalltag der Menschen daraus besteht, alles dafür aufzuwenden, um in eine feste Partnerschaft zu gelangen – koste es, was es wolle, lebt in der Realität eine nicht kleine Gruppe von Menschen heute ein homophiles Leben, das sich durch die stetige Suche nach sozialer Interaktion mit anderen auszeichnet. Da geht es gar nicht unbedingt darum, schnelle Sexualkontakte zu finden, sondern es geht allem voran um nahe zwischenmenschliche Momente, die einem richtig dosiert möglicherweise das geben, was sich viele Menschen von einer Mann-Frau-Zweierbeziehungskonstellation erhoffen – und möglicherweise noch mehr. Vielleicht ein Kontrast zum ökonomisiert rationalen beruflichen Alltag?

Ich liebe viele, aber nicht alle.

Ein Bekannter, der mir den Anstoß liefert, mich mit dem Begriff der Homophilie näher zu beschäftigen, bezeichnet seine Liebesform als polyamorös.  Er grenzt seine Polyamorie bewusst ab von polygamen Lebensweisen mit der klaren Begründung, es ginge ihm weniger um die sexuelle, als vielmehr um die zwischenmenschlich geistige Nähe zu Menschen. Dafür muss man jetzt nicht studiert oder Drogen konsumiert haben, sondern einfach an die Bedürfnisse, die man als Kind hatte, zurückdenken. Der jagende männliche Akteur scheint aber etwas mehr zu wollen als alles. Er sucht etwas Spezifisches, etwas Besonderes und etwas Exklusives in puncto Zweisamkeit, zumindest so der öffentliche Konsens. So haben viele Menschen Schwierigkeiten damit, sich vorzustellen, es könne gleich mehrere andere geben, mit denen man Nähe und zwischenmenschliche Verbundenheit fernab von familiären Beziehungen teilt. Mit Sicherheit sind die Ressourcen des menschlichen Gehirns begrenzt, man kann nicht hundert nahe Menschen um sich haben, das würde das Hirn alles gar nicht richtig verarbeiten können. Auch sind nicht immer alle Menschen einem sympathisch genug, als dass man derlei Verbindung mit jedem x-beliebigen haben kann. Die Besonderheit einer solchen zwischenmenschlichen Begegnung bleibt nach wie vor bestehen, denn ausgereifte Matching-Tools und die Konzentration von sozialen Interaktionen führen nicht automatisch zu einem Mehr an Qualität im Zwischenmenschlichen.

Der jagende Mann, die jagende Frau.

Ich möchte aber noch einmal auf die Jagd-Metapher zurückkommen. Während im Film sowohl Männer als auch Frauen auf die Jagd gehen, scheint es in der Realität nach wie vor verpönt zu sein, wenn eine Frau offen dazu steht, dass sie gerne viele unterschiedliche Männer kennenlernt. Schnell endet man in der altbekannten Schlampen-Schublade, während Männer sich an der sozialen Anerkennung ihrer peers [1] erfreuen. Es ist nicht neu und eigentlich traurig, diese nach wie vor häufig bestehenden Denkstrukturen deutlich zu machen. Was ich aber am allerwenigsten verstehe ist, dass Männer sich nicht nur mit der Rolle des Jagenden zufriedengeben müssen, sondern auch, dass die Metapher des Jagens mit einer recht fragilen und achtsam zu behandelnden Angelegenheit wie die der zwischenmenschlichen Verbundenheit zusammentrifft. Ein Jäger erlegt seine Beute, die in aller Regel nach Ende des Prozederes als leblose Jagdtrophäe auf dem Boden aufgebahrt und nach seiner Güte beurteilt wird. Wie bizarr, dass man diese Bilder mit Zwischenmenschlichkeit zusammenbringt. Das geschlechterrelative Gefühl der Liebe, auf dessen Suche man sich begibt, hat wenig mit dem Erlegen einer Beute zu tun. Man findet es wohl und trotz aller Matching-Zaubereien unverhofft und in völlig willkürlichen Situationen.

Während also im Film Colin Farrell nach seiner Flucht aus dem kranken System der Single-Heilanstalt seine Liebe ganz unerwartet und losgelöst von zu eng gezurrten gesellschaftlichen Rahmungen findet, schaue ich der Realität ins Auge und denke an den Ausgangsgedanken, mit dem alles begann. Auf irgendeiner Internetseite steht, dass Menschen dem Hummer nach dem Fang die Scheren zusammenbinden würden, um Kannibalismus zu vermeiden. Bei manchen Menschen würde dergleichen manchmal auch nicht schaden und überhaupt haben die Menschen viel gemein mit dem Hummer. Wenn mich nun jemand* fragen würde, welches Tier ich werden wollen würde, wenn ich es beziehungstechnisch wirklich gar nicht mehr hinbekomme, dann würde ich sagen: Ich bin doch schon eines.

[1] peers: Hierunter versteht man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten als sozial anerkannte, homogene Gruppe, die sich durch ein oder mehrere gemeinsame(s) Kennzeichen wie z.B. Alter, Nationalität, Geschlecht, sozialer Status oder auch Konsum- und Lebensstil auszeichnet.

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